Zeitung Heute : „Wir waren das Zentrum des Planeten“

Igor Kostin schoss am 26. April 1986 das einzige Bild des brennenden Reaktors. Die Tragödie ließ den Fotoreporter nie wieder los.

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Igor Kostin, 69, wuchs in Moldawien auf und ging später als Kriegsfotograf nach Vietnam und Afghanistan. Heute lebt er in Kiew. Die folgenden zwei Seiten zeigen einige seiner Bilder, gerade erschien sein Buch „Tschernobyl“ (Kunstmann); eine KostinAusstellung ist bis zum 14. Mai im Willy-Brandt-Haus zu sehen.

Interview: Jens Mühling Herr Kostin, Sie haben unser Gespräch um einen Tag verschoben, weil gestern ein Bekannter von Ihnen beerdigt wurde. In den letzten 20 Jahren müssen Sie auf einigen Beerdigungen gewesen sein …

Auf sehr vielen. Ich kann Ihnen keine Zahl nennen, aber ich habe viele, viele Zeugen dieser Tragödie beerdigt. Und es stehen noch zahllose Beerdigungen aus. Viele Menschen, die ich kenne, sind sehr krank.

Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde sind aber nur knapp 50 Menschen an den Folgen von Tschernobyl gestorben.

Jemandem, der mir eine solche Zahl nennt, würde ich mit der Faust ins Gesicht schlagen. In Tschernobyl waren 800 000 Aufräumarbeiter im Einsatz, von denen sind sehr viele nicht mehr am Leben. Ich habe sie bei der Arbeit fotografiert und beim Sterben in den Strahlenkliniken. Ich habe die Krebsopfer in den verseuchten Gebieten fotografiert, ich habe diese ganze Tragödie dokumentiert. Und ich halte es für verbrecherisch, Tschernobyl mit solchen Zahlen zu verharmlosen.

Hatte der Tod Ihres Bekannten auch mit Tschernobyl zu tun?

Sein Tod nicht, aber die Beerdigung schon. Er war ein berühmter Kameramann, und eigentlich wollte Viktor Juschtschenko zur Beerdigung kommen, der ukrainische Präsident. Ich wollte ihn unbedingt treffen. Leider ist er nicht aufgetaucht.

Was wollten Sie denn von Juschtschenko?

Ich zeige es Ihnen. Ich habe hier vier Entwürfe für ein Tschernobyl-Mahnmal, die wollte ich Juschtschenko präsentieren. Ich verwende zurzeit all meine Kraft darauf, dieses Denkmal für die Aufräumarbeiter zu verwirklichen, für die so genannten Liquidatoren. Sie kamen aus der ganzen Sowjetunion, deshalb soll das Denkmal an der Dreiländergrenze zwischen Russland, Weißrussland und der Ukraine stehen. Ich will, dass es mindestens hundert Meter hoch ist, damit das Warnsignal nicht zu ignorieren ist. In Russland und Weißrussland wird das Projekt unterstützt, uns fehlt nur noch ein politisches Signal aus der Ukraine.

Die Ukraine sendet in letzter Zeit ganz andere politische Signale aus: Im Parlament wird über den Bau von elf neuen Kernkraftwerken diskutiert. Regt sich da bei den Menschen nicht Widerstand?

Der Mensch ist wie ein Hund, er gewöhnt sich an alles. Seit Russland der Ukraine letzten Winter das Gas abgedreht hat, wird Atomkraft plötzlich wieder als sichere Alternative dargestellt. Und das Volk glaubt, man müsse sich damit entweder abfinden oder erfrieren. Es gibt ein ukrainisches Sprichwort, das heißt: Die da oben prügeln sich, und den einfachen Leuten wackeln die Zähne.

Wo waren Sie am 26. April 1986, als der vierte Block des Kraftwerks explodierte?

Im Bett. Die Explosion ereignete sich nachts, um 1 Uhr 24. Ich wurde gegen Morgen von einem Hubschrauberpiloten geweckt, mit dem ich schon oft Panoramaaufnahmen gemacht hatte. Er sagte: Igor, in Tschernobyl ist irgendwas passiert, fliegst du mit? Ich sagte: Ja, klar.

Ein Unfall in einem Atomkraftwerk – haben Sie da nicht gezögert?

Nein. Ich war Fotoreporter. Wenn mich jemand anrief und sagte, da ist was passiert, dann fuhr ich hin.

Wann flogen Sie los?

Ein paar Stunden später. Im Hubschrauber herrschte ein Höllenlärm. Etwa 40 Minuten flogen wir, dann sagte der Pilot: Igor, wir fliegen jetzt über das Kraftwerk. Irgend so eine Mystik hing plötzlich in der Luft. Im Hubschrauber wurde es vollkommen still. Ich hatte den Eindruck, als könne ich jede Fliege hören, und gleichzeitig dröhnte mir das Trommelfell. Ich schaute aus dem Seitenfenster und sah kein Kraftwerk, nur ein riesiges schwarzes Loch, es sah aus wie ein Bombenkrater. Ich hielt die Kamera aus dem Fenster und schoss ein paar Bilder, vielleicht 20. Plötzlich blockierte meine Nikon. Ich drückte verzweifelt auf den Auslöser, aber es half nicht. Dann hörte ich wieder den Piloten, er sagte: Igor, hier ist zu viel Strahlung, wir fliegen zurück. Plötzlich hatte ich ein Gefühl der Übelkeit im Hals, so ein Würgen. Aber mich ärgerte in diesem Moment nur, dass meine Kamera ausgefallen war.

Immerhin hatten Sie 20 Fotos gemacht.

Ja, aber als ich den Film entwickelte, waren alle Bilder schwarz. Er war von der Strahlung belichtet worden. Nur auf einem Bild konnte man den Reaktor erkennen. Ich schickte einen Abzug nach Moskau an meine Agentur. Es ist das einzige Bild vom Tag des Unfalls. Und es wurde nicht veröffentlicht. Es gab keinerlei Informationen, nur eine kleine Meldung in der Prawda: Im AKW Tschernobyl hat sich eine Explosion ereignet, es wurde eine Untersuchungskommission eingesetzt.

Sie hatten das zerstörte Kraftwerk gesehen, Ihnen war klar, dass das nicht die Wahrheit sein konnte.

Ich verstand nur, dass irgendetwas passiert war. Aber das Ausmaß und die Folgen, davon hatte ich keine Vorstellung. Ich wollte unbedingt zum Kraftwerk. Am 29. April versuchte ich, mit dem Auto so nah wie möglich heranzufahren, da war schon alles militärisch abgeriegelt. Ich kam nur bis Iwankowo, das ist 60 Kilometer entfernt. Ich sah Kolonnen von Bussen, vollgestopft mit Menschen, die aus dem verstrahlten Gebiet evakuiert wurden. Man hatte diesen Leuten anderthalb Stunden zum Packen gegeben. Sie wussten nicht, dass sie nie wieder zurückkehren würden. Ich glaube, ich verstand in diesem Moment, dass das alles nur ein Vorspiel war, das Präludium zu etwas Größerem.

Wussten die Militärposten, was im Kraftwerk passiert war?

Die sagten nur: Das Kommando lautet, niemanden durchzulassen. An solche Kommandos hatten wir uns alle gewöhnt. Das Land hatte 70 Jahre Kommunismus hinter sich, 70 Jahre, in denen wir nie genau wussten, was links und rechts von uns geschah.

Aber Sie erfuhren trotzdem, was passiert war?

Ja, aus den westlichen Medien, aber erst später. Fünf Tage nach dem Unfall fanden in Kiew noch die Mai-Paraden statt. Auf der Tribüne standen die kommunistischen Führer und ließen sich feiern, während Kinder mit Transparenten durch die Stadt zogen: Für die Heimat, für die Partei! Kiew ist 120 Kilometer von Tschernobyl entfernt, diese Parade hätte nie stattfinden dürfen. Wenn man sich heute die Fotos anschaut, sieht man Kinder mit Blumen, man sieht singende, tanzende Menschen. Und man weiß, dass all das den Tod brachte.

Letztlich gelangten Sie aber doch zum Unfallort – es gibt Fotos davon.

Eine Woche nach der Explosion begriff die Sowjetführung, dass man die Katastrophe nicht länger verheimlichen konnte. Also wurden fünf Journalisten nach Tschernobyl geschickt, darunter ich.

Erinnern Sie sich, wann Sie dort ankamen?

Am 7. Mai. Ich fuhr zunächst in die Stadt Tschernobyl, die etwa 17 Kilometer vom Kraftwerk entfernt ist. Dort war ein Katastrophenstab eingerichtet. Alle waren gleich angezogen, mit weißer Kleidung und Atemmasken, man konnte niemanden erkennen. Durch die Stadt fuhren Tankwagen, die alles mit Wasser abspritzten, um den radioaktiven Staub abzuwaschen. Man hatte die ganze Zeit so ein merkwürdiges Gefühl auf den Zähnen, als läge dort eine Schicht Blei.

War den Menschen bewusst, welcher Gefahr sie ausgesetzt waren?

Ich glaube, sie verstanden es, aber sie machten es sich nicht bewusst. Als ich zum ersten Mal zum zerstörten Reaktor kam, sah ich mit Blei ummantelte Militärfahrzeuge, die den radioaktiven Brennstoff zusammenkehrten. Auf einem dieser Bulldozer stand mit weißer Farbe der Mädchenname „Annuschka“. Ich klopfte an die Seitenwand, ein Soldat streckte den Kopf aus der Dachluke, und ich fragte ihn: Brüderchen, was hast du da auf deinen Panzer geschrieben? Er sagte: Das ist der Name meiner Frau. Wenn sie bei mir ist, fällt es mir leichter, in den Tod zu gehen.

Er fuhr diesen Bulldozer, als sei es sein eigener Sarg?

Genau. Und dabei hatte er noch Glück, nicht überall konnten Maschinen eingesetzt werden. Am schlimmsten war es auf dem Dach des dritten Reaktorblocks. Es war überhäuft mit radioaktivem Schutt, der von der Explosion aus dem vierten Block geschleudert worden war. Die tödliche Strahlungsdosis für einen Menschen beträgt 500 Röntgen pro Stunde, und auf dem Dach gab es Stellen, wo das Dreifache herrschte. Zuerst wollte man Roboter einsetzen, um den Schutt in den offenen Schlund des Nachbarblocks zu schieben. Aber die Roboter funktionierten nicht, weil die Strahlung ihre Elektronik lahm legte – das war auch der Grund, warum damals meine Kamera blockiert hatte. Der erste Roboter, den man einsetzte, beging sozusagen Selbstmord: Seine Steuerung fiel aus, er fuhr zum Rand des Dachs und stürzte in die Tiefe. Als man begriff, dass mit Robotern nichts auszurichten war, setzte man einfache Soldaten ein. Man nannte sie „Bio-Roboter“.

Reichlich zynisch.

Sie redeten sich sogar gegenseitig so an: Roboter Petja, Roboter Wasja.

Diese Menschen wurden trotz der extremen Strahlung direkt am zerstörten Reaktor eingesetzt?

Ja. Es gab nicht mal geeignete Schutzkleidung. Man flog gewalztes Blei ein und schnitt daraus Stücke, die sich die Liquidatoren am Körper befestigten: am Hals, am Rücken, am Kopf, manche bastelten sich sogar Slipeinlagen, um ihr bestes Stück zu schützen. Jeder schleppte etwa 40 Kilo mit sich herum. Der Einsatz auf dem Dach dauerte 40 Sekunden, länger konnte man wegen der Strahlung nicht dort bleiben. Die Liquidatoren rannten aufs Dach, griffen sich mit den Händen einen Brocken Atommüll und warfen ihn in den Reaktorschlund. Damit war ihr Einsatz beendet, sie bekamen eine Urkunde und 100 Rubel.

100 Rubel als Lohn für die Angst.

Davon konnte man etwa zehn Tage leben. Oder sich ein Fahrrad kaufen.

Sie haben auch selbst auf dem Dach fotografiert – hatten Sie Angst?

Nein, alles, was sich dort abspielte, überstieg jedes menschliche Fassungsvermögen.

Es muss doch einen Moment gegeben haben, wo Ihnen bewusst wurde, wie gefährlich das alles war.

Vielleicht habe ich dem damals nicht genug Aufmerksamkeit geschenkt, vielleicht habe ich sogar versucht, nicht darüber nachzudenken. Denn wenn ich wirklich begriffen hätte, wie ernst die Bedrohung war – wer weiß, vielleicht wäre ich dann nicht dort herumgekrochen.

Gab es nie den Impuls: Ich muss hier weg!

Nein, nie. Ich kann nur sagen, es gab zwei Momente, die wirklich schrecklich waren. Der erste war, als ich diese Soldaten sah, die mit den Händen radioaktiven Schutt schleppten. Dieses Bild war einfach fern von jeder Zivilisation.

Und der zweite Moment?

Das war Anfang 1987 in Moskau, als ich zur Behandlung in der Strahlenklinik Nummer 6 lag. Es war entsetzlich, ich sah Körper, die sich auflösten, Menschen, die ein Glas Wasser in die Hand nahmen, und am Glas blieb das Fleisch hängen. Während sie versuchten, diese unmenschlichen Schmerzen zu ertragen, kam die Schwester rein und wischte still das Fleisch vom Glas. Heute sind diese Menschen von allen vergessen, kein Schwein fragt sie, wie es ihnen geht.

Bevor Sie nach Tschernobyl kamen, waren Sie als Kriegsfotograf in Vietnam und Afghanistan im Einsatz. Was war schlimmer?

Abstufen kann ich das nicht, aber es gibt Unterschiede. Strahlung ist wie ein unsichtbarer Feind. Wenn im Krieg Scharfschützen aus dem Hinterhalt auf einen zielen, weiß man nicht, woher die Kugeln kommen, man kann nur rennen wie ein Hammel. Gegen Strahlung hilft nicht einmal das.

Welche Strahlendosis haben Sie abbekommen?

Es gab damals eine festgesetzte Dosis, die Soldaten im Falle eines Atombombenangriffs zugemutet worden wäre. Sobald die Grenze überschritten war, hätte man sie in die Reserve geschickt. Ich habe das Fünffache dieser Dosis abbekommen. So steht es in meinen medizinischen Unterlagen, in Wirklichkeit war es mehr. Bei den Aufräumarbeiten hatte ich wie jeder Liquidator eine persönliche Karte, in die täglich meine Strahlenwerte eingetragen wurden. War eine bestimmte Grenze überschritten, wurde man nach Hause geschickt. Viele, auch ich, trugen absichtlich falsche Werte ein, weil wir bis zum Ende dabei sein wollten.

Was hat Sie denn dort so fasziniert?

Es war ein einziger Adrenalinschub. Wir wussten, dass wir an dem Ort waren, über den die ganze Welt sprach. Auch wenn die Leute nicht wussten, wo die Ukraine liegt, sie wussten alle, was Tschernobyl ist. Wir waren das Zentrum des Planeten. Tschernobyl hat einen angezogen wie ein Magnet. Ganz ehrlich: Die ersten zehn Jahre konnte ich nicht ohne Tschernobyl leben. Zwei, drei Tage war ich in Kiew, schon zog es mich wieder hin.

Wenn Sie morgens aufwachen, wundert es Sie nicht manchmal, dass Sie noch am Leben sind?

Nein, wo denken Sie hin? Ich bin Moldawier, wir sind zum Leben geschaffen. Wir denken an das Glück, nicht an das Gestern.

Tschernobyl hat keine Spuren hinterlassen?

Mir fällt es mitunter schwer, unter Menschen zu leben. All diese Leute mit ihren kleinen Problemen, das hat alles nichts mit meinem Leben zu tun. Gerade habe ich wieder so eine Krisenperiode: Immer, wenn ich diese Geschichten erzähle, bin ich zwei, drei Tage lang völlig erledigt. Was die medizinischen Folgen angeht: Damals in der Moskauer Strahlenklinik wurde mein Blut ausgetauscht, ich wurde operiert, seitdem muss ich zwei Mal im Jahr in eine Spezialklinik. Aber hören Sie, ich will wirklich nicht, dass in diesem intimen Kreis über die Gesundheit eines zwei Meter großen Mannes geredet wird. Das ist eine Sache zwischen mir und Gott.

Sie haben entstellte Kinder fotografiert, das Leid der Rückkehrer und die Krankheiten der Liquidatoren. Wie viel Entsetzen hält ein Fotograf aus?

Eines kann ich Ihnen mit Sicherheit sagen: Ich werde mich diesem Thema noch genau bis zum 26. April widmen. Nach dem Jahrestag will ich das alles vergessen wie einen schlechten Traum, ich will das Wort Tschernobyl nicht mehr hören. 20 Jahre sind genug.

Und was wird aus dem Mahnmal-Projekt?

Das werde ich zu Ende bringen. Aber als Journalist will ich das Wort Tschernobyl nicht mehr hören. Wenn ich die Kamera in die Hand nehme, dann nur, um meine kleine Tochter Dascha zu fotografieren. Die Zeit, die mir noch bleibt, gehört ihr.

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