Zeitung Heute : „Wir waren schon mal weiter“

Arbeitsmarkforscherin Jutta Allmendinger über Frauen zwischen Familie und Karriere

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Frau Allmendinger, immer mehr deutsche Unternehmen bieten Förderprogramme für Frauen an. Ist das der Durchbruch zur Gleichberechtigung?

Da waren wir schon mal weiter. Manche Forschungsinstitute zum Beispiel hatten bis vor zehn Jahren Kinderkrippen nahe der Institute. Die Krippen wurden abgeschafft, weil man dachte, es gäbe zu wenig Kinder. Aber man muss eben Gelegenheiten anbieten, dann werden sie auch genutzt.

Wo liegen für Frauen die Barrieren?

Das Hauptproblem ist Unsicherheit der Arbeitgeber über die Verbleibsdauer von Frauen im Betrieb. Nach wie vor herrscht die Erwartung vor, dass Frauen viel schneller aussteigen, Kinder bekommen können, keine Lust mehr haben. Das behindert den Berufsaufstieg. Frauen werden auch weniger Traineeprogamme oder Weiterbildungsprogramme angeboten, weil man sich nicht sicher ist, ob sich die Kosten für den Betrieb auszahlen.

Kann sich das ändern?

Es wird zwangsläufig Änderungen geben. Bei gleichem Jobangebot werden die Unternehmen angesichts des Bevölkerungsrückgangs spätestens in 15 Jahren keine Alternativen mehr zu Frauen haben, weil sie besser qualifiziert sind.

Was kann die Politik tun?

Zum Beispiel die frühkindliche Kinderbetreuung mit Horten, Kindergärten und Ganztagsschulen ausbauen. Wer als Mutter seine Kinder dort hingibt wird aber in Deutschland oft noch als Rabenmutter stigmatisiert. Diese Infrastruktur ist aber die Bedingung dafür, dass Frauen nicht vor diesem Entweder-Oder stehen, was sie nach wie vor tun. Entweder sie powern im Beruf weiter, oder sie gehen auf Teilzeit und bekommen ein Kind. Diese Teilzeitarbeit ist nach wie vor ein Karrierehemmer wie der Ausstieg aus dem Erwerbsleben. Hier sind die Unternehmen auch gefragt. Man muss Auszeiten so gestalten, dass die Frauen, zwei-, dreimal in der Woche da sind und Nähe zum Unternehmen bestehen bleibt.

Hilft das Antidiskriminierungsgesetz?

Die Diskussion um das Gesetz war sinnvoll, weil sie einfach noch mal diese Probleme deutlich gemacht hat. Aber das Antidiskriminierungsgesetz hilft bei einigen Dingen kaum. Zum Beispiel beseitigt es nicht den Lohnunterschied zwischen Männern und Frauen. Da spielen auch Teilzeitbeschäftigung, Mutterurlaub und die Nichteinbeziehung von Männern in der Betreuung eine Rolle. Es gibt eine ganze Palette von Gründen, die für die Ungleichheit von Männern und Frauen am Arbeitsmarkt verantwortlich sind, bei denen das Gesetz gar nicht greifen kann.

Was bringen die Förderprogramme von Unternehmen?

Solche Programme machen extrem viel Sinn, die Unternehmen müssen nur nicht zu schnell den Mut verlieren. Man darf nicht denken, ich mache heute eine Krippe auf und morgen ist das Problem gelöst. Diese Programme bringen nur mittelfristig Erfolg. Ich bin davon überzeugt, sollte mein Arbeitgeber, das IAB, eine Krippe aufmachen, würde die Zahl der Schwangerschaften der im Institut beschäftigten Frauen in zwei Jahren hochgehen. Das gibt es ja bereits in anderen Ländern viel häufiger, aber es sind leider Modelle, die von ganz wenigen deutschen Unternehmen angeboten werden.

Was sollten Frauen von ihrem Arbeitgeber einfordern?

Amerikanische Unternehmen, in denen es mehr Frauen in Führungspositionen gibt, formulieren klare Vorstellungen, zum Teil auch schriftlich, was sie von Frauen erwarten, was Erfolgsindikatoren sind. Damit haben Frauen Transparenz und können daran gemessen werden. Auch in Deutschland sollten sich Frauen um Klarheit und Transparenz dessen, was erwartet wird, bemühen, um klare Feedbackschleifen, und eine klare und ehrliche Vermittlung der Perspektiven. Denn diese Messbarkeit ist etwas, was so gut wie immer zu Gunsten der Frauen ausschlägt.

Das Gespräch führte Constance Frey.

Jutta Allmendinger, 48, ist Leiterin des

Instituts für

Arbeitsmarkt- und

Berufsforschung (IAB) und Professorin für

Soziologie an der

Ludwig-Maximilians-

Universität München.

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