Zeitung Heute : „Wir wissen, wo der Spaß aufhört“

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Westerwelle sagt, Politik kann Spaß machen und seriös sein. Hat er Recht?

Ich weiß nicht, ob Politik und Spaß das richtig Begriffspaar sind. Die FDP verwechselt Spaß mit Albernheit. Sie demonstriert gerade, dass man Politik nicht ernst nehmen muss. Und das ist fatal. Das heißt aber nicht, dass Politik in Sack und Asche gehen muss. Nur: Der Grad zwischen Selbstbewusstsein und Lächerlichkeit ist schmal. Die FDP hat auf ihrem Parteitag gezeigt, dass sie ihn überschritten hat. Um Längen.

Immerhin hat der FDP-Parteitag mehr Schlagzeilen produziert als der grüne. Brauchen Sie jetzt auch einen Kanzlerkandidaten?

Nein. Den brauchen wir nicht. Wir wollen ja ernst genommen werden. Das größte Kompliment hat uns dafür Erhard Eppler von der SPD gemacht, als er sagte, dass wir unter den kleinen Koalitionspartnern am meisten auf Bundesebene durchgesetzt haben. Allerdings, fügte er hinzu, habe es bisher ja auch nur die FDP gegeben. Ich rate meiner Partei, den Fehdehandschuh aufzunehmen, selbstbewusst und überzeugend. Wir müssen uns nicht verstecken. Wir wissen, wo der Spaß aufhört. Die FDP kreuzt Spaß mit komplizierten Themen und herauskommt: Möllemann.

Wieso regt sich die einstige Turnschuh-Partei auf, wenn Westerwelle eine 18 unter seinen Schuh klebt?

Über 18 Prozent Seriösität ärgere ich mich gar nicht. Nur darüber, dass im Windschatten dieser Spaßoffensive Herr Möllemann mit anti-israelischen Ressentiments Stimmen gewinnen will und Westerwelle das in Kauf nimmt – quasi als Trittbrettveranstaltung des europäischen Rechtspopulismus. Die Doppelzüngigkeit der Liberalen ist das Problem. Die FDP stimmte im Bundestag gegen ein schärferes Waffenrecht, das selbst Schützenvereine durchgewunken hatten. Nach einem Vorfall mit einem Pit-Bull in Hamburg spricht Westerwelle im Bundestag von Konsequenzen, auf der Arbeitsebene wird das Gegenteil gefordert. Das ist der berühmte Spaß zu viel. Mein Angebot an die FDP lautet: www.drittstimme.de .

Die FDP bezeichnet sich jetzt als einzige gesamtdeutsche Alternative zu SPD und Union. Das stimmt doch. Oder?

Die FDP versucht, sich neu zu erfinden, aber die Steuererhöhungspartei, die Schuldenpartei, die Staatspartei der vergangenen Jahre kann man nicht einfach weg lachen. In Sachsen-Anhalt gab es eine Frau als Spitzenkandidatin, Minister werden Männer. Die Verpackung der FDP ist perfekt, der Inhalt nicht vorhanden. Wir Grüne müssen diese Luftblase bis zum September platzen lassen.

Wie wollen die Grünen die FDP stellen, inhaltlich liegt man doch gar nicht so weit auseinander, beispielsweise bei der Forderung nach Vereinfachung des Steuersystems?

Ich glaube, nach diesem FDP-Programmparteitag ist klar, dass die Partei eine zutiefst strukturkonservative Partei geblieben ist. Sie will Macht, es geht nur um Regierungsbeteiligungen, egal wie und wo. Die FDP regiert mit Ausländer-raus-Koch in Hessen und mit Schill in Hamburg. Das sagt doch alles. Wir Grüne glauben wieder an unsere Chance, wir können gewinnen. Wir werden das beweisen. Auch mit Humor.

Das Interview führte Armin Lehmann.

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