Zeitung Heute : „Wir wollen keinen Wildwuchs“

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SchleswigHolsteins Wirtschaft verdient viel Geld mit der Windkraft. Warum werden in Mecklenburg-Vorpommern deutlich weniger Windenergieanlagen gebaut?

Ist das so?

Bis Ende September waren es bei Ihnen nicht mal halb so viel wie im Nachbarland.

Wir haben immerhin 1071 Anlagen mit insgesamt mehr als 1000 Megawatt Leistung, und es sollen ja auch noch mehr werden. Aber wir wollen keinen Wildwuchs, darum haben wir schon früh entsprechende Eignungsräume ausgewiesen und gehen geordnet vor.

Das sagt die Kieler Landesregierung auch. Ihr Land ist aber anderthalbmal so groß wie Schleswig-Holstein, hat fast genauso viel Wind und ist viel dünner besiedelt. Warum sehen Ihre Raumordnungspläne trotzdem weit weniger Flächen für Windparks vor?

Wir haben diese Gebiete damals durch ausgewiesene Gutachter ermitteln lassen und das Ergebnis kann sich doch sehen lassen: Wir produzieren ein Viertel des Stromverbrauchs im Land mit Windenergie.

Aber nur, weil der Verbrauch im Land so gering ist. Mit seinen Ressourcen Fläche und Wind könnte Mecklenburg-Vorpommern auch viel Windstrom exportieren. Warum halten Sie diese mögliche Einnahmequelle klein?

Die Einnahmen fließen großteils an auswärtige Anleger, das Land hat davon wenig. Außerdem müssen wir Rücksicht auf andere Nutzungen nehmen. Zum Beispiel, wenn Gemeinden auf den Tourismus setzen und in Ferienanlagen investieren. Dann wollen sie keine Windräder in der Nähe. Und viele Menschen bei uns wollen auf gar keinen Fall so viele Windräder wie in Schleswig-Holstein. Glauben Sie mir: Wir investieren jetzt schon viel politische Kraft, um diese Konflikte friedlich zu lösen.

Ist der Widerstand vielleicht auch deshalb so groß, weil kaum Bürger und Betriebe vor Ort an den Windparks selbst beteiligt sind und davon profitieren?

Das ist hier eben anders. In der alten Bundesrepublik gibt es andere Vermögensverhältnisse. Hier haben die Menschen geringe Ersparnisse, da können sich nur wenige an solchen Projekten beteiligen.

Aber Sie könnten die vielen großen Agrarbetriebe anhalten, selbst in Windparks zu investieren, um sich bei sinkenden Agrarpreisen eine zusätzliche Einnahmequelle zu schaffen. Die Erträge würden im Land bleiben und die Wirtschaftskraft stärken.

Auch von denen kämpfen so manche ums bloße Überleben. Ansonsten ist das Sache der Betriebe, da können wir uns nicht einmischen. Wir setzen mehr auf den Bau von Offshorewindparks in der Ostsee. Wenn da alles gebaut wird, was in Planung ist, erreichen wie einen Anteil von 65 Prozent Windenergie am Stromverbrauch.

Helmut Holter ist Landesentwicklungsminister in Mecklenburg-Vorpommern.

Das Gespräch führte Harald Schumann.

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