Zeitung Heute : „Wir wollen nur spielen“

„Kalaallit Nunaanni Isikkamik Arsaattartut Kattuffiat“, der Grönländische Fußballverband, wäre auch gerne bei der WM dabei gewesen. Ging aber nicht, weil der Verband nicht von der Fifa anerkannt wird. Der Grund: Es gibt dort keine Rasenplätze. Nationaltrainer Jens Tang Olesen über ein Land in mäßigem WM-Fieber.

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Jens Tang Olesen, Grönland durfte sich nicht für die WM qualifizieren. Schmollt man nun hoch im Norden?

Natürlich, Fußball ist sehr wichtig für uns Grönländer. Deshalb schauen viele von uns jeden Tag Fußball auf dem einzigen Fernsehkanal, den wir haben. Aber erst nach der Arbeit! Fischfang und alles andere, was uns ernährt, geht natürlich vor. Zum Glück sind wir vier Stunden hinter eurer Zeit zurück, also kollidieren die Spiele eigentlich nicht mit dem Job.

Welchem Team drücken Ihre Landsleute denn die Daumen?

Schon Brasilien. Außerdem sind viele Grönländer Fans von englischen Klubmannschaften, da liegt es nahe, den Engländern die Daumen zu drücken.

Welcher Spieler hat Sie bislang am meisten beeindruckt?

Der Argentinier Maxi Rodriguez war stark, auch Puyol und Lahm. Aber ich sage Ihnen ehrlich: Das interessiert mich nicht sonderlich. Gestern Abend habe ich das Spiel der besten Mannschaften von Nuuk gesehen. Erst um 21.30 Uhr wurde angestoßen, es war saukalt, es regnete und stürmte. Aber die Jungs haben gekämpft bis zum Umfallen. Das sehe ich genauso gern, vielleicht noch lieber als ein Spiel in der Weltspitze.

Ihr Nationalteam darf nicht bei großen Turnieren mitspielen, weil es auf Grönland keine Rasenplätze gibt.

Das ist sehr bedauerlich. Wir experimentieren seit Jahren mit Rasensorten, eine hält nun schon in der dritten Generation. Vielleicht könnte uns die Fifa unterstützen, damit sie ein bisschen schneller wächst. (lacht)

Ihr Team hat im Mai am „Fifi Wild Cup“, der Weltmeisterschaft der Außenseiter, in Sankt Pauli teilgenommen. Wie war’s?

Das war groß und wunderbar für uns alle! Gegen starke Teams wie Nord-Zypern, Gibraltar und St. Pauli zu spielen, das war schon eine tolle Erfahrung. Und das auch noch vor einer so großen Kulisse wie am Millerntor! Leider sind wir ohne Punkte in der Vorrunde rausgeflogen. Trotzdem war die Aufmerksamkeit der Medien sehr hoch. Alles in allem war es ein tolles Training für den Fall, dass wir eines Tages doch noch Fifa-Mitglied werden.

Es haben auch einige Prominente mitgespielt. Hat das nicht den Wettkampfcharakter zu sehr relativiert?

Ein bisschen gestört hat mich das schon. Dieser Elton zum Beispiel, ein Showmaster, konnte wirklich überhaupt nichts! Ich sehe ein, dass man die Prominenten braucht, um Werbung für das Turnier zu machen. Aber ich hätte mir gewünscht, dass die Veranstalter einen anderen Weg finden, sie zu integrieren.

Woran lag es eigentlich, dass Grönland so früh ausgeschieden ist?

Definitiv an der mangelnden Wettkampfpraxis. Wir können nur von Juni bis Oktober spielen und waren mitten in der Saisonvorbereitung, als der Cup losging. Außerdem spielen wir in Grönland bislang nur auf Sandplätzen, und es war schon eine Umstellung, plötzlich auf Rasen zu spielen. Aber wie gesagt: Wir sind fleißige Gärtner, und unser Rasen wächst jetzt auch!

Grönland hat einen ordentlichen Ligabetrieb?

Es gibt nur eine Liga. Im Juli gibt es eine Qualifikationsrunde mit einem Team aus dem Norden, zwei Teams aus dem Mittelland und drei aus dem Süden. Jeder spielt gegen jeden, dann gibt es ein Halbfinale und schließlich das Finale. Das Ganze dauert sechs Tage. Manche Teams brauchen drei Tage für die Anreise.

Bei welchen Außentemperaturen stellen Sie den Spielbetrieb ein?

Kälte ist nicht das große Problem. Wind und Schnee sind viel schlimmer.

Gibt es denn auch professionelle Spieler in Grönland?

Es gibt einige Halbprofis, sie spielen allerdings alle in Dänemark. Unser bester Spieler ist Niklas Kreutzmann. Er ist rechter Verteidiger und spielt für Arhus Fremud in der dritten dänischen Liga. Was viele gar nicht wissen: Jesper Grønkjær ist in Grönland zur Welt gekommen und hat es bis zum FC Chelsea, Atletico Madrid und jetzt zum VfB Stuttgart geschafft. Leider spielt er für Dänemark. Unser größtes Talent zur Zeit ist Kaaza Zeeb, ein toller Dribbler. Er ist der Maradona von Grönland! (lacht)

Vielleicht wird Kaaza Zeeb ja noch beim ersten offiziellen Länderspiel Grönlands auflaufen. Wer wäre denn Ihr erster Gegner, wenn Sie sich ihn aussuchen dürften?

Dänemark! Das wäre ein Traum, die Dänen würden wir doch zu gern ein bisschen ärgern. (lacht) Als Nächstes kommen in meiner persönlichen Rangliste die Färöer. Bei all dem kommt es letztlich aber nur darauf an, dass sie gegen uns spielen – und weniger auf das Ergebnis. Wissen Sie, wir lieben Fußball und wollen einfach nur spielen. Weiter nichts.

Das Gespräch führte

Dirk Gieselmann.

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