Zeitung Heute : „Wir wurden sofort isoliert“

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Frau Drinhaus, wenn man Sie heute sieht, von Ihrer schweren Krankheit sind keine Spuren zurückgeblieben?

Das ist ja auch über 30 Jahre her. Aber es hat lange gedauert.

Wussten Sie damals, dass da ein Pockenpatient bei Ihnen im Krankenhaus liegt?

Nein, der ist ja nicht als Pockenkranker eingeliefert worden. Das stellte sich erst nach vier, fünf Tagen heraus. Dann hat es sich aber schnell herumgesprochen. St. Walburga ist ein sehr kleines Krankenhaus. Wir wurden auch sofort isoliert. Patienten wurden nicht mehr entlassen, Besucher kamen keine mehr. Es durfte niemand rein oder raus.

Wurde das Haus bewacht?

Ja, Polizei war wohl auch da.

Wie konnte sich die Krankheit trotzdem ausbreiten?

Da wurde schon gerätselt, wie wir uns haben anstecken können, obwohl wir den Patienten nie gesehen hatten. Später haben die bei uns Versuche mit Rauch gestartet, um zu gucken, wie sich der ausbreitet. Da war so ein alter Essensaufzug, durch den sollen die Viren hochgekommen sein. Eine Etage über mir hat sich ja auch eine Schwesternschülerin infiziert, Schwester Barbara, die war erst 17, die ist dann gestorben.

Waren Sie denn nicht geimpft.

Nein, als Kind nicht. Ich bin erst geimpft worden, als der Pockenfall bei uns bekannt wurde. Das war wohl zu spät.

Erinnern Sie sich noch an den Moment, als die ersten Symptome auftraten?

Zuerst kriegte ich Fieber. Weil aber bei uns damals gerade die Grippe umging, dachte ich, das wird es wohl sein.

Und dann trat die erste Pocke auf?

Da bekam ich es schon mit der Angst. Die schossen nur so raus, innerhalb einer Viertelstunde, das war gewaltig. Ein Arzt hat sich das angeguckt und mich sofort auf meinem Zimmer eingeschlossen. Und dann kam keiner mehr. Bis zum Abend, bis die Rettungssanitäter mich holten.

Trugen die Schutzanzüge?

Die hatten so Folien übergezogen. Ich kriegte auch eine Plastikfolie ins Zimmer gereicht, die habe ich mir übergestülpt, und dann musste ich zu Fuß raus in den Krankenwagen steigen. Das ist mir sehr schwer gefallen, weil mir schon so elend war. Und dann haben die mich nach Wimbern gebracht.

Wimbern?

Das war eine Station nur für Pockenkranke, die lag mitten im Wald, mit einem hohen Zaun drumherum. Ungefähr zwei Tage später hört meine Erinnerung dann auf. 14 Tage sind komplett aus meinem Leben verschwunden. Ich weiß nur noch, wie ich wach wurde und diese schrecklichen Eiterblasen sah. Da dachte ich, das war es jetzt für dich, 21 Jahre und schon zu Ende. Selbst wenn du das überlebst, so kannst du nie wieder unter Menschen treten.

Litten Sie Schmerzen?

Sicher, die Haut ist ja so entzündet, da ist ja fast keine Stelle mehr, die noch intakt ist, das ist, als ob sie großflächig verbrannt sind. Und dann liegt man da auf seiner Folie, kann nicht schlucken, kann sich nicht bewegen, weil alles so geschwollen ist, Beine, Füße, das ging in eins über, wie beim Elefanten. Und alleine war ich. Wir hatten damals auch noch kein Telefon auf der Station, ich konnte keinen Besuch empfangen, die Schwester war meine einzige Verbindung zur Außenwelt. Das war eine Ordensfrau, die wurde auch nie abgelöst, die hatte sich freiwillig gemeldet.

Wie lange blieben Sie isoliert?

Acht Wochen, bis März.

Wie erging es Ihnen dann in Meschede. Ist man Ihnen erst einmal mit Vorbehalten begegnet?

Ja, manche hatten schon ein bisschen Angst vor mir.

Hat man Ihnen die Krankheit noch angesehen?

Lange, mir sind ja auch die Haare ausgegangen, ein Jahr musste ich eine Perücke tragen.

Wegen der Medikamente?

Nein, von den Pocken, die Kopfhaut war ja übersät, die waren einfach überall. Bis das alles vergeheilt war, das hat Jahre gedauert. Diese Zeit fand ich zehnmal schlimmer, als die Krankheit selbst. Man fühlt sich ein bisschen als aussätzig. Vielleicht bildet man sich das ein, aber wie die Leute einen anguckten, als ob sie denken, hoffentlich fasst die mich nicht an. Ich bin die erste Zeit überhaupt nicht mehr rausgegangen.

Haben die Pocken Meschede verändert?

Glaube ich nicht. Das habe ich ja auch erst im Nachhinein gehört, was hier für eine Panik war. Der Bürgermeister hat erzählt, dass er sogar weniger angerufen wurde, die Leute hatten wohl Angst, sie könnten sich durchs Telefon infizieren.

Und für Sie, hat sich da etwas verändert?

Ja,dass ich viele Dinge etwas gelassener sehe. Ich weiß ja, es gibt Schlimmeres.

Die Fragen stellte Andreas Austilat

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