Zeitung Heute : Wir Zeremonienmeister

MALTE LEHMING

Deutschland ist gut. Kein anderes Land befaßt sich so intensiv mit seiner schwierigen Vergangenheit. Am 27. Januar, am 8. Mai, am 9. November: In jedem Jahr wird die Mahnung des "Nie wieder!" formuliert, in jedem Jahr wird der ermordeten Juden gedacht. Der Historikerstreit wühlt die Deutschen ebenso auf, wie es die Thesen von Daniel Jonah Goldhagen tun oder die Äußerungen des Schriftstellers Martin Walser. Die Vergangenheit vergeht hier nicht. Einer Gesellschaft, die zehn Jahre lang über ein Holocaust-Mahnmal diskutiert, ist sie sogar ziemlich nahe.Es ist eine Nähe, die in den Augen auch unverfänglicher Beobachter mitunter obsessive Züge hat. Die Deutschen seien nicht mehr schuldvergessen, sondern schuldbesessen, heißt es jetzt, oder: Sie hätten eine Art "Sündenstolz" entwickelt. Und kaum geringer ausgeprägt als das Interesse an der Vergangenheit ist das an der Gegenwart: Jüdische Straßenfeste und Kulturwochen sind beliebt, keine noch so kleine Regung innerhalb der jüdischen Gemeinden entgeht der Öffentlichkeit. Die Deutschen seien "auf eine fast verrückte Weise fasziniert von jüdischen Themen", diagnostizierte vor kurzem das amerikanische Magazin "Newsweek". Die Titelgeschichte trug die Überschrift "Deutsche und Juden - eine seltsame neue Liebesaffäre".Er habe nichts bewegt, bilanziert nun Ignatz Bubis, spürbar resignativ, seine Amtszeit. Juden und Nicht-Juden seien sich fremd geblieben, die Verantwortung für Auschwitz sei hierzulande nicht verankert, klagt der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland. Man liest diese Worte - und greift als erstes, erstaunt und verwirrt, ins Repertoire der Psychologen. Will Bubis bloß mal wieder gelobt werden für seine Verdienste? Oder hat sich in diesem Fall die Wahrnehmung der Wirklichkeit stärker verändert als die Wirklichkeit selbst? Ist es vielleicht die Alters-Melancholie eines Mannes, den es bedrückt, daß die Weltsicht der Holocaust-Überlebenden langsam verschwindet? Bubis sagt von sich, er habe die Vergangenheit verdrängt, erst in jüngster Zeit sei ihm klar geworden, daß er damit noch nicht fertig sei. Irgend etwas kämpft in ihm, ohne Zweifel. Die grobe Psychologisierung seiner Aussagen greift trotzdem zu kurz.Alleingelassen von aller Welt: Das ist, spätestens seit dem Holocaust, eine Grunderfahrung der Juden. Und sie hat sich nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland wiederholt. Als 1976 die RAF in Entebbe Juden von Nicht-Juden selektierte, blieb die Linke im Lande stumm. In ihrem Protest gegen das Fassbinder-Stück "Der Müll, die Stadt und der Tod" war die jüdische Gemeinde auf sich gestellt. Während des Golfkrieges blendete die Friedensbewegung die Gefährdung Israels aus. Und als Martin Walser schließlich die "Instrumentalisierung" von Auschwitz und die "Dauerrepräsentation unserer Schande" kritisierte, stand in der Frankfurter Paulskirche links und rechts von Bubis alles auf und klatschte. Das mußte ihn verstören. Denn es waren keine Ewiggestrigen, die da klatschten, sondern ausgerechnet jene, die bei anderer Gelegenheit tief betroffen den Satz zitieren: Die Erinnerung ist das Geheimnis der Erlösung.Deutschland ist gut. Die Zeremonien der Erinnerung werden ein-, die Rituale abgehalten. Aber was geschieht aus Kalkül, aus Angst vor Reaktionen? Und was aus Einsicht, aus Empathie? Diese Frage hat sich für Ignatz Bubis seit der Walser-Rede neu gestellt. Wenn Gerhard Schröder den Bau des Holocaust-Mahnmals damit begründet, nach der Walser-Debatte gebe es dazu keine Alternative, dann drängt sich die Lesart auf, der Kanzler sei dagegen gewesen und habe nur aufgrund der besonderen Umstände eingelenkt. Bubis, so war es oft, hört das Gras wachsen. Im Kern könnte seine Bilanz deshalb richtig sein: Ein Deutschland ist im Entstehen, das der toten Juden gedenkt, aber die jüdischen Zwangsarbeiter vergißt. Ein Deutschland, das die Erinnerung an die Vergangenheit perfekt zelebriert, das aber nicht mehr weiß, wofür die Erinnerung gut sein soll.

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