Zeitung Heute : Wirbel im Whirlpool

Der Tagesspiegel

Seit Anfang März flimmern den Polen wieder die vertrauten Bilder aus den Wohncontainern des „Großen Bruders“ ins Haus. „Big Brother Bitwa (BBB)“ – „Big Brother Schlacht“ nennt sich Polens dritte Auflage der Reality-Show. Während aber in Westeuropa das Zuschauerinteresse an den real inszenierten Turbulenzen in der Jugendfarm des „BB“ bei den neuen Staffeln rasch erlahmte, ist die voyeuristische Lust der Polen ungebrochen. Die Einschaltquoten für das erfolgreichste Exportprodukt des Produktionsriesen Endemol übertreffen die Rekordzahlen der beiden Vorläufersendungen.

Durchschnittlich vier Millionen Zuschauer klebten zur Freude des Privatsenders „TVN“ bereits in der ersten Sendewoche vor den Schirmen. Bereichert wurde das Showkonzept mit Elementen anderer erfolgreicher Reality-Shows der heimischen Konkurrenz. Ähnlich wie beispielsweise in der „Zwei Welten“-Show des Privatsenders „Polsat“, kann sich das Kandidatenfeld Privilegien wie eine Nacht in der Luxus-Suite des Big-Brother-Anwesens verdienen. Doch mehr noch als das veränderte Sendekonzept zieht die Showgemeinde der ausgelebte Hang der Kandidaten zum Exhibitionismus in ihren Bann. Erstmals in der zweieinhalbjährigen Geschichte von „BBB“ haben sich zwei Teilnehmer nicht heimlich, sondern im grellen Studiolicht in die Schlagzeilen kopuliert.

Bereits am zweiten Tag im trauten „BBB“-Heim ließen die 25jährige Hotelfach-Studentin Agnieszka („Frita“) und der 26jährige Betriebswirt Lukasz („Ken“) im Whirlpool alle Hemmungen fahren. Die Ausstrahlung des fulminanten Finales versagte „TVN“ mit dem Hinweis auf die „Grenzen des guten Geschmacks“ zwar seinem Publikum. Trotzdem sollte der „Zwischenfall“ für den erhofften Wirbel sorgen.

„Sex im Haus des großen Bruders“, titelte aufgeregt das Wochenmagazin „Przeglad“: Zwei Teilnehmer hätten ein „neues Rezept für den Ruhm“ gefunden. „Was erwartet uns als Nächstes in der Reality-Show?“, entrüstete sich die Zeitschrift „Wprost“: „Etwa der live inszenierte Tod?“ An „Liebe vor der Kamera“ vermöge er nichts Falsches zu entdecken, kontert hingegen TVN-Sprecher Andrzej Soltysik die Kritik. Die beiden Kandidaten seien „erwachsene Menschen“.

Bereits im vergangenen Jahr hatten Filmregisseure wie Andrzej Wajda oder Krzystof Zanussi in einem offenen Brief vor der „Vermarktung intimer Lebensbereiche“ gewarnt. Doch auch der Appell von Kirchenfürsten und konservativen Politikern, dem „großen Bruder“ juristische Grenzen zu ziehen, haben den Triumphzug des Reality-TV in dem katholischen Land nicht zu stoppen vermocht. TVN-Sprecher Soltsysik freut sich indes über den „starken Start“ von „BBB“. Schwer werde es nun aber sein, die „Spannung zu halten“. Möglicherweise würde die Show „noch andere Liebesformen präsentieren“ – zum Beispiel „eine homosexuelle Faszination“. Thomas Roser, Warschau

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