Zeitung Heute : Wird das Krematorium Wedding lebendig begraben?

Der Tagesspiegel

Von Stefan Jacobs

Wedding / Baumschulenweg. Die geplante Schließung des Krematoriums Wedding zugunsten einer besseren Auslastung des – zurzeit defekten – Neubaus im Treptower Ortsteil Baumschulenweg ist nach Auffassung von Insidern aus Verwaltung und Baubranche eine sachliche und wirtschaftliche Fehlentscheidung. Offiziell wird das Weddinger Krematorium vom Bezirk Mitte mit Verweis auf eine Wirtschaftlichkeitsuntersuchung als die unwirtschaftlichste der insgesamt drei Berliner Anlagen bezeichnet. Diese Wirtschaftlichkeitsuntersuchung rechnet nach Auffassung der Experten das Weddinger Krematorium „künstlich“ in die roten Zahlen. Als Grund sehen sie, dass das Prestige-Objekt Baumschulenweg in günstigerem Licht erscheinen solle. Außerdem fürchten Kenner, dass mit dem gerade erst sanierten Weddinger Krematorium die technisch weitaus bessere Anlage stillgelegt werde.

Ein ehemaliger Mitarbeiter des Treptower Bauamtes sagte, der Qualitätsunterschied zwischen Wedding und Baumschulenweg sei „wie der zwischen Mercedes und Trabi“. Der Neubau von Stararchitekt Axel Schultes habe „Tausende von Mängeln“, weil an allen Enden gespart worden sei. So seien nicht nur minderwertige Öfen, sondern auch untaugliche Vorrichtungen zum Transport der Särge installiert worden: Von Anfang an habe es Probleme mit der Stromversorgung der computergesteuerten Transportwagen im Keller des Krematoriums gegeben. Außerdem kondensiere in der Feierhalle bei Frost das Wasser, weil aus ästhetischen Gründen Heizkörper weggelassen wurden. Im Keller seien wegen fehlender Heizungen sogar schon Wasserrohre eingefroren. Und die Aggregate zur Kühlung des Sarglagers seien ungeeignet und störanfällig. Aus dem Bezirksamt war dazu gestern keine Stellungnahme zu bekommen.

Dass in Berlin nicht drei Krematorien gebraucht werden, steht außer Frage. Die Überkapazität resultiert unter anderem aus falschen Bevölkerungsprognosen. Die Aussage des Bezirksamtes Mitte, wonach das Weddinger Krematorium besonders unwirtschaftlich ist, beruht auf einer Wirtschaftlichkeitsuntersuchung durch den Steuerungsdienst des Bezirkes, die dem Tagesspiegel vorliegt. Darin heißt es, dass „die Summe aus Personal- und Sachkosten noch einigermaßen vergleichbar ist“, aber in Wedding die Umlagekosten wesentlich über denen der Krematorien Baumschulenweg und Ruhleben lägen. Diese Umlagekosten dienen beispielsweise der Mitfinanzierung von Verwaltungen oder der Berücksichtigung des Wertes landeseigener Grundstücke. Nach Auskunft aus der Senatsfinanzverwaltung kann jedoch jeder Bezirk „nach eigenem Gusto rechnen“, so dass die Aufschlüsselung dieser Posten selbst für Fachleute schwer zu durchschauen ist. Und offenbar auch nicht für den Steuerungsdienst Mitte, dem „die Buchungsunterlagen der beiden anderen Bezirke nicht zugänglich waren“, wie es in der Berechnung heißt: „Die vorliegenden Daten (...) lassen beispielsweise nicht erkennen, wo die erheblichen Leasingkosten der neuen Anlage in Treptow verbucht sind.“

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