Zeitung Heute : „Wird Hoffnung nicht erfüllt, ist die Kränkung groß“

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Seit Wochen gibt es Demonstrationen gegen die Regierungspolitik. Was treibt die Menschen in Ostdeutschland auf die Straße, Herr Maaz?

Aus meiner Sicht ist es eine Mischung aus Realangst und Kränkungswut. Die Realangst – oder nennen Sie es Verlustangst – hat ihre Ursache darin, dass es im Osten eben eine wesentlich größere Zahl von Langzeitarbeitslosen als im Westen gibt, die nach vielen vergeblichen Anläufen und enttäuschten Hoffnungen nun feststellen, dass sie keine Chance mehr haben. Ich begegne in meiner Arbeit einer zunehmenden Zahl von Leuten Mitte 30, die solche Ängste haben.

Hauptziel von Hartz IV ist ja die bessere Vermittlung. Warum wird das nicht als Chance begriffen ?

Das hat eben mit der Kränkungswut zu tun. Die Leute sind in die deutsche Einheit gegangen mit Verheißungen wie der von den blühenden Landschaften oder der, dass es keinem schlechter gehen soll. Und wir Ostdeutschen haben uns die Initiative abkaufen lassen. Zunächst gab es 1989/90 ein kreatives Aufleben der Menschen. Mit dem als Beitritt vollzogenen Vereinigungsprozess wurde deutlich, dass wir all das nicht brauchten, sondern nur zu übernehmen hatten. Dadurch ist wieder Passivität und Resignation entstanden. Diesen Rückfall in das alte Obrigkeitsdenken kann man nur eine Weile mit Hoffnung aushalten: Wir haben jetzt eine bessere Obrigkeit, und die wird’s schon richten. Bald stellte man fest: Es war ein Irrtum. Diese Entwertung des eigenen Lebens, der eigenen Chancen ist eine Kränkung. Dass man sich getäuscht hat, gesteht man sich aber nicht gern ein – also muss jemand schuld sein. Jetzt wird die Unklarheit über Hartz IV benutzt, um einen tieferen seelischen Druck, die Kränkungswut, abzureagieren.

Die Ostdeutschen sind nicht reformunwilliger als die Westdeutschen – ihr Leben seit 1990 ist eine einzige andauernde Reform.

Richtig. Es ist erstaunlich, wie groß die Anpassungsfähigkeit der Ostdeutschen, das Aushalten von Zumutungen gewesen ist. Aber das war immer gepaart mit der Hoffnung, man werde entschädigt dafür. Wenn das dann ausbleibt oder gar reale Verschlechterungen drohen, dann bricht das Hoffnungsgebäude zusammen und dieses Gefühl entlädt sich.

Offenbaren die Proteste ein verändertes Werteverständnis?

Peter Sloterdijk stellte neulich in einem Interview fest, die Deutschen hätten eine Neigung zur verdrießlichen Selbstagitation und betonten immer nur den Mangel. Bei meiner Arbeit finde ich dazu Parallelen. Die von Ängsten geplagten Menschen, die zu mir kommen, bringen alle eine tiefere seelische Mangelerfahrung aus ihrem Leben mit. Die Zahl derjenigen, die einen solchen inneren Mangel haben, nimmt zu. Sie streben nun im Außen nach Ersatz. Für sie ist Geld und Status ein noch höherer Wert. Und da sind wir wieder bei den Ostdeutschen: Wenn die Hoffnung, den inneren Mangel durch äußere Dinge ausgleichen zu können, nicht erfüllt wird, dann ist die Kränkung besonders groß.

Drohen die Proteste radikaler zu werden, wenn die Forderungen ins Leere laufen? Wie es weitergeht, hängt vor allem damit zusammen, wie die verantwortlichen Politiker reagieren. Die ersten Reaktionen waren abwertend gegenüber den Protesten. Das war eher kontraproduktiv und reizte die Demonstranten. Entscheidend ist, den Protest ernst zu nehmen, auch seine tieferen Zusammenhänge zu verstehen. Wenn Gespräche, Nachdenken, Reflexionen und Analysen einsetzen, die ehrlich sind, dann wird sich der Protest abmildern und auflösen. Wenn nicht, dann ist die Gefahr weiterer Radikalisierung gegeben – allerdings nicht auf der Straße, sondern bei künftigen Wahlen.

Hans-Joachim Maaz ist Psychotherapeut in Halle.

Das Gespräch führte Matthias Schlegel.

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