Zeitung Heute : Wird schon werden

Die Bundestagsdebatte um den Kanzleretat im Geiste des Siegs über Ekuador

Robert Birnbaum

Der Moment, in dem Angela Merkel erschien, hat die Unionsfraktion für Sekundenbruchteile in Schockstarre versetzt. Hören sie richtig? Gellen da Pfiffe von den Bänken, dröhnen Buhrufe? Aber da ist Volker Kauder schon auf den Beinen und klatscht, die Damen und Herren Abgeordneten fallen trotzig ein in den Applaus. Wenn die Kanzlerin ihre Truppen jetzt sehen könnte! Kann sie aber nicht, weil sie nur ganz kurz eingeblendet worden ist auf dem Großbildschirm. Merkel guckt Deutschland-Ekuador im Stadion in der Ehrenloge. Fraktionschef Kauder und die Seinen gucken Fußball zwischen den Tausenden in der Allianz-Arena vor dem Reichstag.

Vielleicht, dass sie das Erlebnis ein bisschen verstört hat, die Hitze auf der Tribüne, der Krach, diese La-Ola-Wellen, mit denen so einer wie der Fraktionsvize Hermann Kues aus Niedersachsen so wenig anfangen kann, dass er sie ungerührt wie ein Findling über sich hinwegbrausen lässt? Oder vielleicht haben sie sich auch gedacht: Einmal in der Woche der Kanzlerin demonstrativ zujubeln reicht! Am anderen Morgen jedenfalls ist der Plenarsaal im Bundestag höchstens zu einem Drittel gefüllt. Vorne sind die Reihen dicht, weiter hinten wird es licht. Kauder ist natürlich da, ohne Schwarz-Rot-Gold auf den Backen, ohne Deutschlandfahne, dafür wieder mit Schlips und Anzug. Merkel ist auch da, das Kabinett fast geschlossen neben, hinter ihr. Schließlich steht auf der Tagesordnung: Debatte über den Kanzleretat. Generalaussprache, Generalabrechnung, Tag der Kursbestimmung – was hat die Parlamentsgeschichte nicht alles schon geboten aus diesem Anlass!

Dieser Mittwoch hat gute Chancen, in die Parlamentsgeschichte immerhin einzugehen als die beiläufigste aller Generalaussprachen. Man ahnt schon so was, als Rainer Brüderle den Einpeitscher der Opposition gibt mit dem relativ komplizierten Gag, bei der allgegenwärtigen Fahnenschwenkerei handele es sich um eine Massendemonstration gegen die große Koalition, weil neben Schwarz und Rot das Gelb der liberalen Vernunft gezeigt werde, welches in der Regierung fehle. Die FDP applaudiert, als habe Brüderle das entscheidende Tor zum Viertelfinale geschossen. Schade, dass die Liberalen keine Spaßpartei mehr sind. Sie könnten sonst dazu Fähnchen schwenken.

Die schwenkt dafür, symbolisch, die Kanzlerin. Angela Merkel ist nämlich stolz an diesem Tag. Auf ihr Deutschland und seine Menschen, die so freundlich zu den WM-Gästen sind, außerdem auf unsere Jungs auf dem Rasen. Es klingt ein bisschen Neid durch auf den Bundestrainer Klinsmann. Der ist in gewisser Weise ja ein Vorbild als einer, der ungeachtet aller Kritik und Nörgelei die lahmen, schwerfälligen Deutschlandkicker zurück auf Weltniveau gebracht hat. Man darf vermuten, dass Angela Merkel auch gerne mal drei zu null gewinnen würde.

Heute muss sie vorerst einen eigenen Patzer ausputzen. Tags zuvor, vor dem Industrieverband, hat Merkel Deutschland zum „Sanierungsfall“ erklärt. Das war eigentlich nur auf die Haushaltslage bezogen. Aber solche Worte machen sich schnell selbständig. Also: Sanierungsfall, das sei „ein hartes Wort“. Ansonsten – was sagt man als Kanzlerin an so einem Tag? Die Laune in eigener Partei und Koalition verbesserungsfähig, die großen Projekte, von Gesundheit bis zum Supersparhaushalt 2007, mitten im Streit – Merkel belässt es bei einem Wird-schon-alles-werden: „Die große Koalition hat den richtigen Kompass.“

Matter Applaus, matt vor allem gemessen an dem Jubel gestern bei Kloses erstem Tor. Wie da – man konnte es auf dem Bildschirm sehen – Wolfgang Schäuble im Rollstuhl beide Arme hochgerissen hat vor Begeisterung! Jetzt sitzt der Bundesminister des Inneren reglos auf seinem Platz in der Regierungsbank. Später wird er im Kürschner blättern, dem Handbuch der Abgeordneten mit Bild und Lebenslauf. Wahrscheinlich kennt Wolfgang Schäuble nach seinen 34 Parlamentsjahren den Kürschner auswendig. Das, was da vorne vom Rednerpult tropft, allerdings auch.

Es ist ja auch nur zu vorhersehbar. Klar, dass die FDP der CDU Sozialdemokratisierung vorwirft und die Linkspartei der SPD, dass sie nicht mal mehr sozialdemokratisch sei. Klar, dass Guido Westerwelle seiner „Enttäuschung“ über die Wandlung der Oppositionsstürmerin Merkel zur Großkoalitions-Mittelfelddirigentin Merkel Ausdruck verleiht. Nicht weiter überraschend, dass die Opposition sagt, die Koalition solle bloß nicht so tun, als ob sie was für die Tore von Klinsmanns Mannen könne, und dass die Koalition gar nicht so tut, aber trotzdem irgendwie ganz gerne von der guten Fußballlaune profitieren würde. Die habe, sagt zum Beispiel Peter Struck, immerhin „den Schleier der Miesmacherei“ fortgerissen. Man muss ernsthaft bezweifeln, dass der SPD-Fraktionschef daran auch nur eine Sekunde lang selber glaubt.

Nur Volker Kauder ist im Geiste noch ein wenig in der Allianz-Arena. Da haben die Tausende immer wieder die üblichen Gesänge angestimmt. Die Volksvertreter haben mangels genauerer Textkenntnis nicht recht mitsingen können, außer bei der Nationalhymne und außer der parlamentarischen Geschäftsführerin Martina Krogmann, die den Ausflug ins Fussballvolk organisiert hat und aus voller Kehle einstimmt: „Steh auf, wenn du ein Deutscher bist!“ Das verlängert Kauder jetzt zum Gesamtappell: „… nimm die Sache in die Hand und bring das Land voran!“ Er sagt das vor sehr, sehr gelichteten Reihen. Der Applaus plätschert. Am Tag vorher, in der Halbzeit in der Allianz-Arena, hat der Unionsfraktionschef für sich selbst noch eine weitere Lehre gezogen aus dem Fussballfieber. „Man muss die Menschen begeistern“, brüllt Kauder durch den tosenden Lärm.

Womit er ja zweifellos recht hat.

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