• Wirklich schön ist die Stadt auch im Winter nicht, aber wer Interesse an Gebräuchen und Skurrilitäten mitbringt, findet hier Ansatzpunkte

Zeitung Heute : Wirklich schön ist die Stadt auch im Winter nicht, aber wer Interesse an Gebräuchen und Skurrilitäten mitbringt, findet hier Ansatzpunkte

Stefan Quante

"Sie müssen mindestens eine halbe Stunde auf einen Tisch warten!" Was wie eine Drohung klingt, ist in Utahs Restaurants der mittleren bis gehobenen Art an der Tagesordnung. Der Rhino Grille im verschneiten Salt Lake City - schickes Ethno-Bistro mit Live-Musik - ist zwar nur zur Hälfte besetzt, aber warten müssen wir trotz deftigen Après-Ski-Hungers. Ein bisschen erinnert die Sie-werden-platziert-Mentalität mit dem strammen Tonfall an vergangene Zeiten in Deutschland. Aber Utah ist ein mindestens so strenggläubiger Staat wie das vermeintliche Arbeiter-und-Bauern-Paradies in seinen dogmatischsten Zeiten. Nur glaubt man hier nicht an Marx und Engels, sondern an die Lehren von Joseph Smith, Urvater der Mormonen, die mit rund 70 Prozent die Mehrheit in Utah bilden.

Die schillerndsten Vorschriften der Religionsgemeinschaft: Alkohol-, Tabak-, Tee- und Kaffee-Verbot, das Gebot, lange mormonische Unterwäsche zu tragen, vorehelichen Geschlechtsverkehr zu meiden und - seit 1890 - auf die lange praktizierte Polygamie zu verzichten. Was für Treckanführer ganz praktisch war, wenn Indianer mal wieder die männliche Siedlerschar ein wenig dezimiert hatten, stellte sich nämlich später als Hindernis beim Eintritt in das US-Staatsgefüge heraus. Am Wohnhaus des zweiten Mormonen-Vaters Brigham Young in Downtown Salt Lake City kann man heute noch sehen, wie weit die mormonischen Pilgerväter gingen: schmale Stirnseite und endlose Zimmerfluchten nach hinten raus, der Mann hatte schließlich 26 Ehefrauen unterzubringen.

Hier ist man mittendrin in der kleinen Stadt am großen Salzsee, eingebettet in die massiven Gebirgsrücken der Rocky Mountains im Osten und der Oquirrh Mountains im Westen. Und hier wohnen mangels bezahlbarer Unterkünfte in den Bergen auch die meisten Skitouristen. Wirklich schön ist Salt Lake City auch im Winter nicht, aber wer Interesse an Gebräuchen und Skurrilitäten mitbringt, findet hier Ansatzpunkte.

In den Skigebieten rund um Salt Lake City ist man auf Europäer und vor allem Kalifornier, die ihre eigenen Vorstellungen vom winterlichen Lebensstil inklusive Alkohol haben, besser vorbereitet als in der Stadt. "We have full open bar", also mehr als nur dünne Biere, lautet hier die stolze Selbstanpreisung der meisten Rezeptionisten.

Skifahren in Utah ist kein preiswertes Vergnügen, und das liegt nicht nur am Dollarkurs. Anders als hierzulande, bleiben die Skipisten eher den betuchteren Ständen überlassen. Das hat zur Folge, dass lange Schlangen an Lifts und Seilbahnen unbekannt sind. Nur wenn ein Großteil der Abfahrten wegen Schneemangels geschlossen bleibt - was auch in den Rocky Mountains gelegentlich vorkommt -, knubbelt es sich in manchen Resorts.

Aber nicht an Orten wie Deer Valley, dem vornehmsten Skigebiet Utahs, wo die Lifts "Nabob" oder "Mogul" heißen. Für SkipassPreise bis zu 62 Dollar am Tag kann man aber auch etwas erwarten: Ankömmlinge werden an der Bodenstation freundlich willkommen geheißen, anorakuniformierte Herren laden die Ausrüstung vom Auto, die Restauration in der Snow Park Lodge oder dem Mariposa ähnelt eher einem Sternerestaurant als alpinen Schnellimbissen und jeder Liftboy vermittelt den Eindruck, als sei es ihm eine unbeschreibliche Freude, einem jetzt den Liftsessel unter den Allerwertesten gleiten lassen zu dürfen. Und dann gibt es hier natürlich auch die berühmten KleenexSpender vor den Lifts.

Eine Pistenpolizei mit dem imposantem Kreuz der "Ski Patrol" auf dem Anorak-Rücken nimmt sich knapp und effizient die wenigen Pistensäue zur Brust: "Hey Buddy, ich habe Dich schon einmal verwarnt! Du fährst über Deinem Niveau! Beim nächsten Mal kannst Du abschnallen!" Das zieht in der Regel. Viel zu tun hat die schnelle Eingreiftruppe hier nicht. Snowboarder sind in Deer Valley völlig von den Pisten verbannt, und der Durchschnitts-US-Skiläufer kämpft fleißig gegen die Macht der Schwerkraft. Kaum einer leistet sich dort regelmäßige ein- oder zweiwöchige Skiurlaube. Entsprechend fällt das sportliche Niveau aus.

Deer Valley liegt oberhalb von Park City, dem einzigen richtigen Skiort Utahs mit voller Infrastruktur und mehr als 100 Restaurants und Bars. Zum Übernachten hat Park City die ganze Palette vom einfachen Bed & Breakfast bis zur luxuriösen Stein Eriksen Lodge zu bieten. Von deren Terrasse kann man mitunter im Abendlicht Wapiti-Hirsche auf den verwaisten Skipisten sehen.

Das urige Park City war nach einem Silberrausch im 19. Jahrhundert (die alte Mine kann man heute besichtigen) 1950 zur Geisterstadt heruntergekommen. Erst vor 30 Jahren besann man sich auf den unschätzbaren Wert von Schnee und Bergen. Skandinavische Mineure hatten das Skifahren zwar schon längst in Park City eingeführt; aber zum Geschäft wurde der Wintersport erst mit dem Bau des ersten Lifts im Jahr 1963.

Heute ähnelt die mit viktorianischer Architektur reich gesegnete Main Street während der Saison fast den Laufstegen der alpinen Hautevolee. Aber zum glitzernden Schick Aspens sind es zum Glück noch ein paar Punkte auf der Snobismus-Skala. Patti Denny vom Deer Valley Resort bringt das so auf den Punkt: "Wir sind hier mehr auf dem Teppich geblieben. Aber in Aspen haben sie eines geschafft: Jeder glaubt, die Rocky Mountains lägen komplett in Colorado."

Das wird sich spätestens in zwei Jahren geändert haben. Die Bauarbeiten für die olympischen Spiele verändern das Gesicht von Utahs Skigebieten mit jedem Tag. The Canyons etwa, das erst zwei Jahre alte Skigebiet kurz vor Park City, baut nicht nur eine olympische Sprungschanze. Hier entstehen auch mehr als ein Dutzend neuer Lifts und Kabinenbahnen. Nirgendwo zeigt sich die vorolympische Expansion so stark wie hier. In einigen Jahren soll The Canyons das größte Skigebiet der USA sein.

Und Solitude im landschaftlich reizvollen Big Cottonwood Canyon, bildet an seiner Bodenstation ein richtiges kleines Dorfzentrum aus. Nur die Sessellifts hier haben noch den rauen Charme des Wilden Westens. In luftiger Höhe ohne Sitzpolster und eine Sicherheit vermittelnde Stange vor dem Bauch zu schaukeln, versetzt dem Novizen ähnliche Adrenalin-Stöße wie eine schwarze Buckelpiste. Und die Hamburger-Bräter auf den Terrassen der wenigen Skihütten schlagen auch eher einen Tonfall an wie kanadische Holzfäller, als serviceorientierte Gastgewerbler. Auch als Herr über den Grill fühlt sich hier so mancher, als erfülle er hoheitliche Aufgaben.

Alta und Snowbird heißen die beiden Skigebiete ganz am Anfang der Wasatch Mountains, dem westlichen Ausläufer der Rocky Mountains. Von Salt Lake City aus ist dies die am schnellsten erreichbare Möglichkeit, Ski zu fahren. Snowbird mit seinen 900 Gästebetten erinnert ein wenig an die Bausünden in den französischen Alpen, hat aber im Gegensatz dazu das segensreiche Valet-Parking (für sieben Dollar) eingeführt. Das schneesichere Alta dagegen, verströmt stellenweise noch den Charme der 40er Jahre.

Und dann gibt es da noch Sundance, den engen Canyon von Robert Redford, 80 Kilometer von Salt Lake City entfernt. Hier kann man zwar schon seit Jahrzehnten Ski fahren. Aber die olympischen Spiele sollen und werden an dem noblen Schlicht-Idyll mit seinen 41 Abfahrten unterhalb des mächtigen Mount Timpanogos spurlos vorüber gehen. Selbst der Originaltresen der Stammkneipe von Butch Cassidy und The Sundance Kid in der Owl Bar dürfte keine Olympia-Touristen bis hierher locken.

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