Zeitung Heute : Wirtin des Jahres: Stolz mit Oscar

Urban Media GmbH

VonAndreas Steinbrück

Stolz. Dieses Wort geht Helga Knoche leicht von den rotgeschminkten Lippen. Ja, sie sei stolz auf den deutschen „Kneipen-Oscar“: die Auszeichnung zur Wirtin des Jahres 2001. Gerade ist sie von der Autobahn gekommen. Aus Bad Oeynhausen in Westfalen, wo sie sich Dienstag im festlichen Kaisersaal, einem ehemaligen Spielcasino feiern ließ. „Der Saal war drei Mal so hoch wie der hier.“, schwärmt sie und zeigt an die Decke. Sie sitzt an einem runden, dunklen Tisch im hinteren Raum ihrer Leibniz-Klause und raucht genüsslich - mitten in ihrem Lebenswerk, für das sie geehrt wurde. Auch mit diesem großen Wort hat sie keine Probleme. Seit neunundzwanzig Jahren betreiben ihr Mann und sie ja schon die Kneipe in dem schönen Jugendstilhaus in der Leibniz-/ Ecke Mommsenstraße. Hier hinten lässt es sich in aller Ruhe speisen, internationale Küche und Berliner Spezialitäten, während vorne an der Theke,der Geräuschpegel höher ist. Das Telefon klingelt. Zum dritten Mal während dieses Gesprächs. Der Rundfunk. „Ja, kommen sie ruhig. Ich bin ja hier und in guter Stimmung.“ Da spricht die Vollblutwirtin in ihrem Wohnzimmer, wie sie die Kneipe nennt. Sie genießt aber auch, dass sie jetzt ein kleiner Star ist. Doch ohne ihren Mann hätte sie das nie geschafft, betont die gelernte Drogistin und Maskenbildnerin, die im westfälischen Paderborn aufwuchs und mit 24 nach Berlin kam. Ihr Mann liegt zur Zeit im Krankenhaus und konnte nicht an den Feierlichkeiten teilnehmen. Vorne, in der Kneipe mit den großen Fenstern steht ein Straßenschild mit der Aufschrift: „Peter-Knoche- Platz“ und dem Vermerk: „Wichtiger Wirt“. Ihr Geschenk an ihren Mann zum vierzigsten Geburtstag.

Hinter einer Runde von plaudernden Stammgästen, steht, etwas erhöht eine blaue, dreieckige Skulptur, an der ein goldener Zapfhahn hängt. Der Kneipenoscar. Davor die eingerahmte Urkunde mit den Unterschriften der Jury. Hauptsächlich Journalisten der Fachpresse. Im November bekam sie den Anruf, dass sie in die engere Auswahl für den Preis komme, der von einer Brauerei gesponsert wird. Bald erschien ein Jury-Mitglied zum Interview. Vor kurzem hieß es, sie solle sich einen Laudator aussuchen. Offiziell wurde sie dafür geehrt, dass ihr mit der Leibniz-Klause eine besonders gelungene Mischung aus Kneipe und Gastronomie gelungen sei. Sie glaubt aber, dass vieles zusammenkam: ihre Ausstrahlung und Menschenkenntnis als Wirtin und die besondere Atmosphäre der Kneipe. „Wir wollten nie eine Promi-Kneipe sein, sondern immer einfach eine Kneipe mit gutem Essen.“ Und trotzdem oder gerade deswegen kamen und kommen die Promis: Marika Röck, Freddy Quinn, Hans-Joachim Kuhlenkampff. Viele hängen in Schwarzweiß zusammen hinter Glas an den Wänden. Udo Lindenberg setzte sich immer auf ein Sofa, das es nicht mehr gibt, kühlte seine Füße im Sektkübel unter dem Tisch, und trank seine drei Flaschen Fürst Metternich. Willy Brandt aß mit politischen Freunden Rinderroulade. Das Essen zog sich in die Länge und die beiden Leibwächter Brandts vorne an der Theke wurden ungeduldig. „Da habe ich Skat mit denen gespielt.“, sagt Helga Knoche mit leichtem Stolz in der Stimme. Dem Stolz, einfach eine gute Wirtin zu sein.

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