Zeitung Heute : Wirtschaft gehen die Azubis aus

Handwerkskammer: Das macht uns Sorgen / Jugendliche entscheiden sich öfter für ein Studium.

Berlin - Immer weniger junge Menschen beginnen in Deutschland eine Ausbildung. Nach vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts schlossen im vergangen Jahr rund 548 100 Jugendliche einen Ausbildungsvertrag ab. Das waren 17 700 Verträge oder 3,1 Prozent weniger als 2011. In Industrie und Handel, die die meisten Ausbildungsplätze bieten – dazu gehören statistisch auch Banken und Versicherungen –, wurden 2,8 Prozent weniger Ausbildungsverträge abgeschlossen als noch 2011. Im Handwerk, dem zweitgrößten Anbieter, sank die Zahl der neuen Ausbildungsverträge sogar um vier Prozent.

Ein etwas anderes Bild bot in beiden Sektoren Berlin: Industrie und Handel der Hauptstadt verzeichneten 2012 ein Plus von 1,2 Prozent mehr Ausbildungsverträgen, während die Zahl der Verträge im Handwerk drastisch abrutschte: um 5,1 Prozent gegenüber dem Jahr 2011.

Insgesamt sank die Zahl aller neuen Verträge in den neuen Ländern, Berlin eingeschlossen, besonders stark, nämlich um 5,5 Prozent (westliche Länder: 2,7 Prozent). Dabei ist die Lage der Hauptstadt deutlich besser als die der Ostländer: In Berlin ging die Zahl neuer Verträge nur um 0,4 Prozent zurück, im Nachbarland Brandenburg allerdings um 6,5 Prozent. Den Spitzen-Minuswert verzeichnete im vergangenen Jahr Sachsen mit acht Prozent weniger neuen Ausbildungsverträgen. Die Wiesbadener Statistiker nannten als wesentliche Gründe die demografische Entwicklung und die Wünsche der Abiturienten, die die Uni einer Ausbildung vorzögen.

Katharina Schumann, die das Referat Bildungsberatung der Berliner Handwerkskammer leitet, sagte, man mache sich „natürlich Sorgen, dass in absehbarer Zeit nicht mehr genügend Fachkräfte im Handwerk zur Verfügung stehen werden. Aber das sollte der Gesellschaft insgesamt Sorgen machen, die Folgen treffen die Kunden.“ Man werde weiter verstärkt um Auszubildende werben. Schließlich biete das Handwerk neben Verdienstmöglichkeiten auch größere Karrierechancen als früher; wer den Meisterbrief habe, könne inzwischen auch an die Universität. Diese Studierenden, sagt Handwerkskammersprecher Daniel Jander, gingen den Betrieben auch nicht zwangsläufig verloren. Etliche studierte Betriebswirte mit Handwerksausbildung kämen „als Betriebsgründer zurück“.

Außerdem gibt es die Hoffnung auf weiteren Zustrom junger, engagierter Leute aus den Nachbarländern. Da habe die frühere Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) einiges auf den Weg gebracht, sagt Expertin Schumann. Bis die Initiativen wirkten, müsse man freilich noch warten: „Das dauert seine Zeit.“

Diese Ansicht teilt auch die Arbeitsagentur in Nürnberg. Sie rechnete auf Anfrage der Nachrichtenagentur dpa vorsichtig mit ein paar hundert Bewerbern aus dem Ausland, die sich für ihre Ausbildung womöglich Richtung Deutschland orientieren. Die Nürnberger sehen allerdings auch noch Reserven im Inland: Es gebe etwa 300 000 Arbeitslose und 500 000 Beschäftigte ohne Berufsabschluss zwischen 25 und 35 Jahren, die mit ungewissen Aussichten ins Erwerbsleben sehen. Der Job im Handy-Shop oder beim Kurierdienst taugt nicht als Dauerlösung. „Auch für einen 25-Jährigen macht eine Lehre noch Sinn“, sagt BA-Vorstand Heinrich Alt. „Er hat noch viele Berufsjahre und eine Karriere vor sich.“

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