Wirtschaft : Sie müssen dran glauben

Von Stephan-Andreas Casdorff

Wer soll das glauben. Wer soll glauben, dass die Ökonomen wüssten, was sie tun. Dass sie vorhersagen könnten, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Dass ihr Tun irgendwas mit Wissenschaft zu schaffen hätte. Keiner – jedenfalls, wenn man der europäischen Lehrmeinung folgt, wenn man dazu hört und sieht, wie europäische Regierungspolitiker mit dem amerikanischen Konjunkturprogramm ins Gericht gehen. Auf diese Weise wird mit Sicherheit vor allem eines erreicht: Das Gewerbe diskreditiert sich in der Öffentlichkeit selbst.

Die USA, die immer wieder, geradezu permanent die Nobelpreisträger für Wirtschaft stellen, stehen da, als seien sie verrückt geworden. Als seien die, die aus ihrer Sicht versuchen, die Weltwirtschaft vor der Rezession zu retten – weil die nämlich immer zuerst von den USA ausgeht – Zocker. Veranwortungslos. Getriebene ihrer eigenen Panik, die den Kopf verloren haben. Also ein Ben Bernanke, der Chef des Mythos Fed, der amerikanischen Notenbank, der das, was er macht, nur macht, um irgendwas zu machen. Der die Zinsen bloß so stark wie seit Jahrzehnten nicht senkt, weil er ein toller Hecht sein will, noch toller als Alan Greenspan, der Guru. Und die US-Regierung – die senkt in einem Rutsch die Steuern, als Anreiz, weil sie es schlicht nicht besser weiß?

Wäre das alles so, müssten die Verantwortlichen in den USA nach der Wahl eingesperrt werden. Hätten sie doch, wider besseres Wissen, zum Schaden ihres Landes, ja der Welt vollkommen leichtfertig gehandelt, ohne je Konsequenzen zu bedenken. Dann würden wir in diesen turbulenten Zeiten Zeuge einer beispiellosen Demaskierung. Nackt und kalt steht diese These vor uns: Wirtschaft hat mit exakter Wissenschaft nichts zu tun. Wirtschaft ist keine Physik. Physiker können rechnen, Prozessverläufe berechnen. Für die Wirtschaft gilt: Ganz genau weiß es keiner, nur nachher wussten es alle vorher. Und auch besser, wie man es vielleicht hätte machen sollen. Weil es sich beweisen lässt …

Wer das glaubt, der darf dann auch der heimischen Wirtschaftspolitik nicht vertrauen, dass sie wüsste, was sie tut. Steuersenkungen zum Beispiel, die der Bundesminister für Wirtschaft ins Gespräch gebracht hat; oder seine Vorhersage, dass das, was sich auf den Märkten, den Börsen abspielt, Europa nicht treffen und das Wachstum in Deutschland robust bleiben werde. Ja, und wer das alles in Frage stellt, der muss dann auch die Frage stellen: Brauchen wir einen Minister für Wirtschaft? Dann könnte das Amt doch abgeschafft werden. Nach dem Motto: Wirtschaft wird in der Wirtschaft gemacht. Das hat einmal ein Bundeswirtschaftsminister gemeint, ein Experte, ein Banker.

Halt, stopp! Wirtschaft ist alles das: Psychologie, Astrologie, Gesundbeterei. Gewürzt mit Wahrscheinlichkeitsrechnung. Das wissen wir, weil es geradezu empirisch erwiesen ist. Manche Theorien haben sich in der Praxis tatsächlich nachher bewährt – wenn sie richtig angewendet und nicht zurechtgebogen wurden, nicht einfach politisch passend gemacht. Also vielleicht, wieder aktuell auf die USA geschaut, werden die Amerikaner die Konjunktur doch ankurbeln und dann bei ihrem Neo-Keynes im Programm wirklich auch den zweiten Teil seiner Theorie befolgen: Spare, wenn es dir wieder besser geht. Man muss nur daran glauben.

Die Verantwortlichen werden bestimmt nicht vom Staatsanwalt verfolgt.

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