Wirtschaftliche Entwicklung : Achtung, Wachstum

Deutschlands Wirtschaft ist zu Jahresbeginn stark gewachsen – trotz der Finanzkrise. Wie ist das zu erklären?

Henrik Mortsiefer
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Wirtschaftswachstum in Deutschland. Veränderungen des BIP gegenüber dem Vorquartal in Prozent. -Quelle: Destatis, AFP

Manchmal wird trockene Ökonomie sinnlich fassbar. Die deutsche Wirtschaft ist in den ersten drei Monaten dieses Jahres doppelt so stark gewachsen wie Volkswirte erwartet hatten – weil das Wetter so schön war. „Zumindest ein Drittel des Wachstums lässt sich auf den ungewöhnlich milden Winter zurückführen“, sagte Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, dem Tagesspiegel. Weil es nicht so frostig gewesen sei, habe die Bauwirtschaft um fünf Prozent zulegen können. Brummt es auf dem Bau, geht es auch der Volkswirtschaft gut. „Das macht etwa 0,5 Prozentpunkte des Gesamtwachstums aus“, sagte Krämer.

Um 1,5 Prozent statt – wie allgemein erwartet – um nur 0,7 Prozent ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal 2008 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes gestiegen. Im Vergleich zum ersten Quartal 2007 lag das Wachstum preis-, saison- und kalenderbereinigt sogar bei 1,8 Prozent. Und rechnet man zwei fehlende Arbeitstage ein, ergibt sich ein Plus von 2,6 Prozent. Ein Wert, der am Donnerstag viele Experten erstaunte. Eine ähnlich gute Entwicklung gab es zuletzt vor zwölf Jahren, im ersten Quartal 1996.

Abschwung in Zeitlupe

Wegen der Finanzkrise, des stark gestiegenen Ölpreises und der schwächeren US-Wirtschaft hatten Ökonomen durchweg mit einem langsameren Start ins Jahr gerechnet. „Stattdessen erleben wir einen Abschwung in Zeitlupe“, sagte Commerzbank- Volkswirt Krämer. „Die Chancen stehen gut, dass die deutsche Wirtschaft weich landet.“ Das hat Seltenheitswert: Acht von zehn Abschwüngen in den vergangenen Dekaden endeten mit einer harten Landung – also einem massiven Einbruch der Wachstumsraten.

Von Depression ist im Frühsommer 2008 wenig zu spüren. Nachdem viele Forschungsinstitute und die Bundesregierung vor Wochen ihre Wachstumsprognosen für dieses Jahr gesenkt hatten, halten Experten jetzt wieder ein Wirtschaftswachstum von mehr als zwei Prozent im Gesamtjahr – es wäre das dritte in Folge – für erreichbar. Commerzbank und Allianz gehen von 2,4 Prozent aus.

Überrascht haben die Experten aber nicht nur die Folgen des guten Wetters. Das BIP-Wachstum wurde sowohl vom Inland als auch vom Außenhandel getragen. Dabei schaffte kein anderes Euro-Land ein so hohes Tempo. Im gesamten Währungsgebiet lag das Plus mit 0,7 Prozent nur knapp halb so hoch wie hierzulande. „Vor allem die Bruttoinvestitionen konnten im Vergleich zum vierten Quartal 2007 als auch im Vorjahresvergleich zulegen, in geringerem Umfang aber auch die Konsumausgaben“, teilten die Statistiker mit.

Feiern, aber nicht zu viel

Holger Schmieding, Chefvolkswirt der Bank of America für Europa, kommentierte die Entwicklung so: „Man darf jetzt feiern – aber nicht zu viel.“ Der Grund für seine gedämpfte Freude liegt im sogenannten Trendwachstum. Das wird in den kommenden Monaten, trotz des überraschend starken Starts ins Jahr, nachlassen. Davon sind fast alle Ökonomen überzeugt. Denn obwohl die exportorientierte deutsche Wirtschaft „stärker und widerstandsfähiger gegenüber externen Schocks geworden ist“, wie Schmieding sagt, kann sie sich von den globalen Konjunkturtrends nicht abkoppeln.

Das ist schon im ersten Quartal 2008 erkennbar: Aus dem Ausland kamen die positiven Impulse nur im Vergleich zum Vorjahr. Gemessen am vierten Quartal 2007 wuchs der Export nicht mehr so stark – der Aufschwung muss also zunehmend vom Inland getragen werden. Hier kommt der Arbeitsmarkt ins Spiel, der sich erholt hat. Die Zahl der Erwerbstätigen stieg im Jahresvergleich um 1,8 Prozent auf 39,8 Millionen. Die Voraussetzungen sind also gegeben, dass mehr Arbeit und höhere Einkommen den privaten Konsum am Laufen halten, der immerhin zwei Drittel der gesamtwirtschaftlichen Leistung ausmacht.

Glos: Uns wirft nicht mehr jeder Windhauch um

„Arbeitnehmer und Betriebe haben die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft so verbessert, dass uns nicht mehr jeder Windhauch umwirft“, freute sich Bundeswirtschaftsminister Michael Glos (CSU) am Donnerstag. Die Verbände der Wirtschaft stimmten ein: „Zum Glück haben wir einen starken Industriesektor. Dieser Tatsache ist es in erster Linie zu verdanken, dass die Auswirkungen der internationalen Finanzkrise auf die Wirtschaft in Deutschland bisher überschaubar geblieben sind“, sagte Carsten Kreklau, Mitglied der BDI-Hauptgeschäftsführung. Anton Börner, Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Groß- und Außenhandels, sprach von einer „guten Ausgangsbasis“ für das Jahr.

Wie nachhaltig die Widerstandskräfte der deutschen Wirtschaft sind, wird wohl schon das zweite Quartal zeigen. Hat die Baukonjunktur das Wachstum überzeichnet? Springt der private Konsum tatsächlich in die Bresche? Schlägt die Finanzkrise doch noch auf die Industrie durch? Ökonomen warnen davor, dass der Feierlaune ein Kater folgen könnte: „Man sollte sich schon jetzt auf eine Schrumpfung der Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal einstellen“, sagte Andreas Scheuerle von der Dekabank.

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