Wirtschaftskrise : Das ukrainische Trauerspiel

Dass die EU jetzt eine „östliche Partnerschaft“ anbietet, wird nichts ändern: Nach Regierungs-, Finanz- und Gaskrise trifft die Wirtschaftskrise Kiew ins Mark. Es boomt allein die Wut.

Jens Mühling[Kiew]

Die Marktwirtschaft ist spät in Galina Tscherepanowas Leben getreten, und es gibt Momente, da wünscht sie, ihr wäre diese Erfahrung erspart geblieben. Der Markt, das war für sie lange der Ort, wo sie ihr Gemüse kaufte, zu Preisen, deren Höhe nicht an der Nachfrage hing oder am Angebot. Es gab Gemüse oder es gab keines; das war Galina Tscherepanowas ganze Marktwirtschaft.

Es ist sieben Uhr morgens, blass erhebt sich die Sonne über dem Rusaniwski-Kanal, als Galina Tscherepanowa einem rostigen Trolleybus entsteigt und zwei karierte Wachstuchtaschen auf den Bürgersteig wuchtet. Ein oder zwei Mal in der Woche legt die 67-Jährige diesen Weg zurück, 45 Minuten Fahrt von der Datscha im Süden der Stadt bis zum Markt des Kiewer Außenbezirks Darnyza, wo Galina Tscherepanowa sich einreiht zwischen all den anderen Rentnern, die auf den Bürgersteigen Selbstgezogenes aus dem Garten verkaufen: Kartoffeln, Möhren, Kohl, manchmal ein gerupftes Huhn, ein Bund Kräuter, ein Glas Honig.

Bis zum Nachmittag wird Galina Tscherepanowa hier stehen und ihre Waren anbieten, die eingelegten Salzgurken zu 14 Hrywnja das Kilo, die Zwiebeln zu drei, die Eier zu anderthalb das Stück. Wenn alles gut geht, wird sie am Ende des Tages 100 Hrywnja in den Taschen ihres verschlissenen Pelzmantels gesammelt haben, abziehen muss sie das Geld für den Bus, siebeneinhalb Hrywnja pro Fahrt. Vielleicht 500 Hrywnja wird sie am Monatsende verdient haben, zusammen mit ihrer Rente – 637 Hrywnja für 38 Jahre Arbeit als Grundschullehrerin – werden ihr 1137 Hrywnja bleiben.

Sie basiert auf knappen Kalkulationen, die Marktwirtschaft der Galina Tscherepanowa. Es ist ein Geschäftsmodell, das keine großen Erschütterungen verträgt.

1137 Hrywnja, das waren vor der Krise etwa 170 Euro.

Heute sind es 110 Euro.

Kurz vor Neujahr waren es 85 Euro.

Wie viel es morgen sein wird, kann Galina Tscherepanowa niemand sagen.

Zwar hat die Zentralbank den Absturz der Landeswährung vorerst gestoppt, 30 Prozent unter dem Wert vor der Krise, aber wie lange diese Notmaßnahme halten wird, ist umstritten. Schon jetzt hat der Einbruch des Hrywnja die Preise für Importwaren in die Höhe getrieben: Textilien aus der Türkei, Kosmetika aus Deutschland, Medikamente aus Russland, die grundlegendsten Versorgungsgüter sind inzwischen teurer als in Westeuropa. „Selbst für den Bus wollen sie jetzt mehr Geld“, schimpft Galina Tscherepanowa, „obwohl sie im Dezember noch versprochen haben, dass die Preise stabil bleiben. Sie erzählen uns nichts als Lügen, Juschtschenko lügt, Timoschenko lügt, sie lügen, lügen und lügen!“

Man hört solche Sätze derzeit oft in Kiew. Die Finanzkrise hat die Ukrainer härter getroffen als irgendein Volk in Europa: Um ein Drittel ist im Januar die Industrieproduktion eingebrochen, um fast ein Fünftel das Bruttoinlandsprodukt, jeder fünfte Arbeitnehmer hat seinen Job verloren oder wurde unbezahlt in den Urlaub geschickt, vielen anderen wird der Lohn nicht ausgezahlt, dem Staatshaushalt droht der Bankrott, dem Bankensystem der Zusammenbruch.

In Kiew ist sie längst keine abstrakte Größe mehr, diese Krise, sie ist sichtbar, sie hat Spuren ins Stadtbild geschlagen: aufgelassene Baustellen, verschattet von halb fertigen Neubauten, die Baukräne verschwunden, die Investoren pleite. Menschenschlangen drängen sich vor Geldautomaten, weil die finanzklammen Banken den Zugriff auf Girokonten beschränkt haben: 30 Euro pro Tag, mehr geben die Automaten nicht her.

Auf dem Maidan Nesaleschnosti, dem Platz der Unabhängigkeit, stehen wieder Zelte, wie vor vier Jahren, als hier die Anhänger der Orangenen Revolution gegen Wahlfälschungen protestierten. Eine Welle der Hoffnung erfasste damals das Land. Wenig ist davon geblieben. In Umfragen gaben zuletzt noch 1,4 Prozent der Ukrainer an, ihrem Parlament zu vertrauen, Präsident und Regierung erzielten Werte um die vier Prozent. „Het usich!“ nennt sich die Bewegung, die jetzt auf dem Maidan demonstriert: „Alle weg!“ Ein Dutzend Demonstranten, deren Forderungen auf selbst gemalten Plakaten stehen: „Befreiung von allen Politikern! Direkte Volksherrschaft!“ Kaum ein Passant nimmt Notiz von ihnen.

Ein paar Straßen weiter, in einem Büro im vierten Stock, kann Wasil Jurtschyschyn seine Skepsis nicht länger verbergen, er fragt: „Meinen Sie wirklich, dass sich westliche Zeitungsleser für dieses Trauerspiel interessieren?“ Jurtschyschyn ist Wirtschaftsexperte, er arbeitet für das unabhängige Razumkov-Zentrum, und es ist ihm ernst mit der Frage. „Ich idealisiere den Westen nicht“, sagt er. „Aber ein Land wie die Ukraine, in dem Macht nur um der Macht willen ausgeübt wird, in dem ständig selbst gesteckte Verpflichtungen verletzt werden – so ein Land kann doch für die zivilisierte Welt nicht attraktiv sein.“

Was Jurtschyschyn polemisch zuspitzt, wird in Brüssel offenbar kaum anders gesehen: Dort speiste man die Ukraine beim gestrigen EU-Gipfel mit dem schwammigen Konzept einer „Östlichen Partnerschaft“ ab – um die von Kiew erhoffte Beitrittsperspektive gar nicht erst thematisieren zu müssen.

Im September, als die Finanzkrise aufzog, versuchte Jurtschyschyns Institut, die Folgen für die Ukraine abzuschätzen. Die Wissenschaftler erstellten zwei Prognosen: eine optimistische und eine pessimistische. Die heutige Lage deckt sich weitgehend mit ihrem Worst-Case-Szenario. „Damals“, sagt Jurtschyschyn, „antwortete das Finanzministerium bloß, die Ukraine sei hervorragend aufgestellt, es gebe keinen Grund zur Panik.“ Wenn er daran denkt, wird der sonst beherrscht wirkende Mittfünfziger immer noch wütend: „Sie finden in der Ukraine keinen Wirtschaftsspezialisten, der das Krisenmanagement der Regierung gutheißt!“

Als hoffnungslosen Zauderer beschreibt Jurtschyschyn Präsident Viktor Juschtschenko, als autoritäre Populistin die Regierungschefin Julia Timoschenko. Beide Helden der Orangenen Revolution sind seit Jahren in einen lähmenden Machtkampf verstrickt, in den sie mit Ausbruch der Krise auch noch die Führung der Nationalbank verwickelten. Aus einer Regierungskrise stolperte die Ukraine in eine Finanzkrise, aus der Finanzkrise in eine Gaskrise, aus der Gaskrise in eine Wirtschaftskrise – und bis heute vermag sie jeder Krise nichts entgegenzusetzen als weitere Krisen. In einzelnen Regionen des Landes haben die sozialen Härten nun bereits zu Protesten geführt, von denen manche glauben, dass sie umschlagen könnten in Gewaltausbrüche – oder gar in einen Bürgerkrieg, wie er als Möglichkeit seit Jahren über dem politisch zerrissenen Land schwebt. So weit will Jurtschyschyn nicht gehen, aber eine tiefe Resignation ist dem Wirtschaftsexperten anzumerken. „Wir hätten etwas aufbauen können nach der Revolution“, sagt er kopfschüttelnd. „Die Leute hatten Vertrauen gefasst, sie waren bereit zu Veränderungen. Wir haben unser Potenzial nicht genutzt.“

Draußen auf dem Chreschtschatik, Kiews zentraler Flaniermeile, verteilen junge Mädchen Handzettel – ein Prediger lädt zur „Antikrisenkonferenz“, jedem Gast verspricht er ein Gratisfläschchen Tannenöl: „Die heilige Salbung zur Verbesserung des Finanzlebens“.

Jewgeni Omeltschuk schmunzelt: „Heilige Salbung, das ist ungefähr so genial wie die Krisenkonzepte unserer Regierung.“ Omeltschuk ist Ende 20, bis vor kurzem hat er in Kiew die Equity-Markets-Abteilung einer internationalen Großbank geleitet. „Vor der Krise waren wir zu sechst im Büro“, erzählt er. „Fünf Leute haben sie gefeuert, das Equity-Geschäft ist tot, die Abteilung wurde aufgelöst, ich wurde versetzt. Und jeder in der Filiale fragt sich, wer der Nächste ist.“ Aber persönlich wolle er sich gar nicht beklagen, sagt Omeltschuk: Als Banker, das ist ihm klar, gehört er zu den sehr, sehr wenigen Ukrainern, die in guten Zeiten wenigstens ansatzweise von der internationalen Verflechtung der Finanzmärkte profitiert haben – während der Großteil der Bevölkerung rein gar nichts von ihr hatte und nun trotzdem massiv unter den Folgen leidet.

„Die kleinen Leute werden von zwei Seiten in die Zange genommen“, sagt Omeltschuk. „Ihre Ausgaben steigen, ihre Löhne sinken.“ Beides liege am Einbruch der Währung: Um Autos, Wohnungen oder Fernseher zu finanzieren, haben viele Ukrainer bei ausländischen Banken Kredite aufgenommen, die in Dollar oder Euro notiert sind, aber in Hrywnja zurückgezahlt werden – weshalb die Raten nun faktisch um 30 Prozent gestiegen sind.

Gleichzeitig haben viele Ukrainer, weil sie auch vor der Krise der Landeswährung misstrauten, mit ihren Arbeitgebern Dollar-Löhne vereinbart, die je nach Kurs in Hrywnja ausgezahlt wurden. „Seit dem Währungseinbruch sagen aber viele Arbeitgeber: Wir können euch nur nach dem alten Kurs bezahlen“, erklärt Omeltschuk. Wer also 200 Dollar verdiene, bekomme weiter 1000 Hrywnja ausgezahlt – obwohl er 1500 bekommen müsste. Bei den Wohnungsmieten dagegen, die ebenfalls in Dollar festgelegt werden, kassieren die Vermieter nach dem aktuellen Hrywnja-Kurs. „Wer Pech hat“, sagt Omeltschuk, „muss also mit einem niedrigeren Gehalt gestiegene Kreditraten, Mieten und Konsumpreise finanzieren.“

Selbst wer Geld gespart hat, ist vor der Krise nicht gefeit, denn im November hat die Regierung ein „Moratorium auf vorfristige Abhebungen von Geldeinlagen“ verhängt: Um einen Kollaps des Finanzsystems zu verhindern, dürfen ukrainische Banken ihren Kunden den Zugriff auf Anlagen verweigern. Fast in jedem Kiewer U-Bahn-Wagen hängen seitdem Werbezettel von Rechtsanwälten, die Hilfe bei der Auseinandersetzung mit Banken anbieten. Und im Internet ist, vorbei am offiziellen Bankensystem, ein panischer Handel mit Anlagen entstanden: Wer unbedingt Bargeld braucht, verscherbelt dort die Rechte an seinen gesperrten Einlagen weit unter Wert. „Sparkonto, 17 000 Euro, für 12 500 abzugeben“, steht in solchen Anzeigen, oder: „80 000 $ für 55 000 $, Anruf jederzeit.“

Galina Tscherepanowa verstaut die Überreste ihrer Marktwirtschaft in karierten Wachstuchtaschen, viel ist nicht mehr da, eine Zwiebel, ein paar Salzgurken, es war ein guter Tag. „Wissen Sie“, sagt sie, „dieser Kapitalismus, ich glaube, der funktioniert bei uns einfach nicht. Wir plagen uns und plagen uns, aber das Geld tragen andere davon.“ Quietschend hält der Trolleybus, Galina Tscherepanowa steigt ein, eine kleine, alte Dame in einem verschlissenen Pelzmantel.

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