Wirtschaftspsychologin Nicole Torjus zum Flughafen-Debakel : „Schuld lässt sich prima weiterschieben“

Die Wirtschaftspsychologin Nicole Torjus über die Unfähigkeit, die Probleme beim Flughafenbau rechtzeitig zu erkennen - und die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Nicole Torjus
Nicole TorjusFoto: promo

Frau Torjus, warum hat sich keiner getraut, rechtzeitig laut und deutlich vor dem BER-Debakel zu warnen?

Da greifen gleich verschiedene Erklärungsmuster, die wir beim Verhalten einer einzelnen Person und auch einer Gruppe aus der Psychologie kennen.

Ist das Feigheit gewesen, Desinteresse oder falsche Loyalität? Jeder einzelne mutige Bauarbeiter, Computertester oder Abteilungsleiter hätte ein Debakel mit Image- und Millionenschaden verhindert, wenn er etwa einen Brandbrief geschrieben hätte ...

... aber da gibt es die kognitive Dissonanz in der Psychologie. Das bedeutet, Sie erleben einen inneren Spannungszustand, etwa weil Ihre Beziehung unglücklich ist, Sie Ihrer Gesundheit schaden, es auf der Arbeit nicht gut aussieht. Der Mensch neigt dazu, sich das schönzureden und vor sich selbst zu rechtfertigen: Rauchen entspannt mich aber, Singlesein ist schlimmer, es wird schon noch klappen. Manche haben vielleicht wirklich daran geglaubt, dass sie es bis 3. Juni packen. Andere werden Angst um ihren Arbeitsplatz gehabt haben oder davor, dann von Kollegen gemobbt zu werden.

Der Einzelne traut sich also nicht, und in der Gruppe kann er leichter untertauchen?

Ja, da greifen Gruppenprozesse, es entwickelt sich Gruppendenken. Jeder Einzelne schließt sich dann der Überzeugung der Gemeinschaft an, auch wenn er selbst es eigentlich anders sieht. Anpassung macht das Leben leichter. Zudem gibt es das Problem der Verantwortungsdiffusion. Wenn mehrere Menschen an einem Prozess beteiligt sind, lässt sich die Schuld prima an den nächsten weiterschieben. Die Gruppe agiert in der Regel zudem riskanter als der Einzelne – das gilt auch für Abteilungsleiter, die sich in der Runde treffen. Wenn man selbst nur die Verantwortung für das eigene Handeln zu übernehmen hätte, würde man Dinge zum eigenen Schutz viel eher ablehnen, die man in der Gruppe leichter mitträgt. Beim BER gab es auch viel Druck von außen, weil die Eröffnung schon einmal verschoben wurde. Ein bekanntes Beispiel aus der Politik ist das Schweinebucht-Phänomen, der gescheiterte Angriff der Amerikaner auf Kuba im Jahr 1961. Die Experten sind sehenden Auges ins Unheil gelaufen.

Wie kann man dieses gemeinschaftliche Stillschweigen denn durchbrechen?

Indem man die Person des Mahners, der gegenredet, institutionalisiert. Firmen benennen einen Kollegen als Advocatus Diaboli, dessen Job und ausdrückliche Aufgabe es ist, Schwachpunkte aufzuzeigen. Der Informationsfluss von unten nach oben muss gefördert werden. Und Chefs sollten kritikfähig und in der Lage sein, sich in der Gruppe zurückzunehmen, damit der Autoritätsdruck nicht zu hoch ist und sich der Einzelne traut, was zu sagen.

Nicole Torjus ist Wirtschafts- und Sozialpsychologin, Dozentin sowie Trainerin in Berlin.

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