Zeitung Heute : „Wissen ist die Kernressource des 21. Jahrhunderts“

Günter Abel leitet das neue Zentrum für Wissensforschung. Es ist einmalig in Deutschland

Herr Professor Abel, Sie sind Sprecher des neuen Innovationszentrums „Wissensforschung“ an der TU Berlin. Was ist das Ziel dieses Zentrums?

Die Herausforderung moderner Wissensgesellschaften besteht nicht nur darin, vorhandenes Wissen zu sammeln, zu dokumentieren und neu zu organisieren. Wir müssen zudem verstehen, wie neues Wissen überhaupt entsteht. Damit können wir einen Beitrag zur Zukunftsfähigkeit moderner Wissensgesellschaften leisten. Unser Augenmerk liegt auf den unterschiedlichen Formen von Wissen.

Welche gehören dazu?

Denken Sie an das mathematische, naturwissenschaftliche, technologische und kognitiv-philosophische Wissen. Wir möchten vor allem verstehen, wie die unterschiedlichen Formate in Wissenschaft und Alltag zusammenspielen.

Was heißt das konkret?

Wissen spielt eine fundamentale Rolle in allen Prozessen des menschlichen Wahrnehmens, Sprechens, Denkens und Handelns. In einer hochgradig vernetzten Welt ist Wissen zugleich zu einer grundlegenden, wenn nicht sogar zur Kernressource des 21. Jahrhunderts geworden. Es kommt darauf an, die Entstehung sowie den Transfer und die Vernetzung von unterschiedlichen Wissensformaten zu verstehen. Diese Formate können in-

teragieren und Allianzen in Bezug auf konkrete Forschungsprobleme eingehen. Denken Sie an die Hirn- und Kognitionsforschung. Sie können aber auch aufeinanderprallen und es entstehen Spannungen, beispielsweise zwischen medizinisch-biotechnologischen Forschungen und ethischem Wissen. All diesen Prozessen nachzuspüren, hat sich das Zentrum zum Ziel gesetzt.

Wie gestalten Sie bei diesem komplexen Forschungsfeld Ihre Projekte?

Unsere Projekte sind transdisziplinär, denn viele Probleme, die uns heute in den Wissenschaften wie in der Gesellschaft auf den Nägeln brennen, lassen sich nicht einfach einzelnen Disziplinen zuordnen. Das gilt für Fragen nach der Struktur von Materie und Leben ebenso wie für Fragen der Mensch-Maschine-Interaktionen.

Wie werden Sie im Zentrum vorgehen?

Zur Bearbeitung solcher Probleme reicht es nicht aus, Forscher verschiedener Disziplinen kurzzeitig zusammenzubringen und sie danach wieder in ihre Institute zu entlassen. Entscheidend ist, dass die neu entwickelten Verfahren zur Lösung eines Problems in den beteiligten Fachgebieten langfristig etabliert werden. In diesem Sinne schlagen wir nicht nur einen interdisziplinären, sondern – weit schwieriger –, einen transdisziplinären Weg ein. In der Kombination der drei Kernaspekte Wissensformen, Wissensgenerierung und Transdisziplinarität werden wir Neuland betreten. Es wäre natürlich schön, wenn daraus eine neue Berliner Schule der Wissensforschung entstehen könnte. Mal sehen, ob das gelingt.

Können Sie Beispiele für transdisziplinäre Projekte nennen?

Da wäre die Schnittstelle von Geist, Gehirn und Computer, eines meiner Arbeitsgebiete. Sollen die Fragen nach dem Verhältnis von Kognition und Gehirn zufrieden stellend geklärt werden, müssen unterschiedliche Wissensformen zusammenwirken. Dazu gehören unter anderem neurobiologisches, informationstheoretisches oder linguistisches und philosophisches Wissen. Hier treffen wir nicht nur auf das „Rätsel des Bewusstseins“, sondern müssen uns auch mit Auswirkungen von Neuroprothesen oder Medikamenten auseinandersetzen, die tief in unser Gehirn und in die Struktur unserer Persönlichkeit eingreifen.

Aber nicht nur der Forscherdrang ist Auslöser neuen Wissens. Auch die Möglichkeiten der Technik eröffnen uns neue Horizonte. Welchen Platz nimmt hier die Wissensforschung ein?

Ein gutes Beispiel hierfür ist die Simulationstechnik. Damit können wir Prototypen, die in der Realität als Objekte noch nicht greifbar sind, oder Vorgänge in der Natur, zu denen wir noch keinen Zugang haben, abbilden und berechnen. Ohne solch ein Zusammenspiel von technologischem und wissenschaftlichem Wissen kämen wir in vielen Bereichen nicht weiter. In der Simulationstechnik vernetzen sich Mathematik, Informatik und Ingenieurwissenschaften – aber auch die Philosophie der Kognition.

Gibt es auch greifbare Experimente, die verschiedene Wissensformen vereinen?

Ich denke da an die zurzeit größte Forschungsmaschine der Welt, den neuen Teilchenbeschleuniger des Kernforschungszentrums Cern in Genf. Hier sieht man überdeutlich, dass wir in Bezug sowohl auf das Kleinste, die Elementarteilchen, als auch das Größte, das Universum, nur dann zu weiteren Entdeckungen in der Lage sind, wenn technologisches und wissenschaftliches Wissen zusammengehen.

Welche TU-Fachgebiete konnten Sie für eine Mitarbeit gewinnen?

Die Bandbreite ist schon jetzt groß. Mehr als 20 Kolleginnen und Kollegen aus unterschiedlichen Disziplinen werden als Projektleiter mitwirken. Sie kommen aus der Architekturtheorie, der Festkörperphysik, Musik- oder Kunstwissenschaft oder der empirischen Wirtschaftsforschung. Meine Kollegen aus der Philosophie sind natürlich alle beteiligt.

Wo sehen Sie institutionelle Vorbilder für das neue Zentrum?

In Deutschland haben wir keine Institution, die mit dem neuen Zentrum vergleichbar ist. In Cambridge, Stanford und Harvard beschäftigt man sich mit ähnlichen Ansätzen. Am Massachusetts Institute of Technology gibt es einen Schwerpunkt für Wissenschafts- und Technologiegeschichte. Wir stehen also mit unserer Struktur und der inhaltlichen Ausrichtung auch international gut da. Außerdem kooperieren wir beispielsweise mit der Stanford-Universität und mit der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich.

Welche Impulse erwarten Sie für die TU Berlin?

Innerhalb der TU Berlin sind wir eines der sieben Zukunftsfelder, durch welche die Universität sich in der Forschung profilieren möchte. Wir werden großzügig gefördert. Institutionell ist die TU gewissermaßen der natürliche Ort für unser Vorhaben.

Warum?

Da ist zunächst das für die TU charakteristische Fächerspektrum von Natur-, Technik- und Geisteswissenschaften. Sodann ist die TU von Hause aus in der Profilierung von Wissensformaten und Methodenkompetenz in transdisziplinärer Forschung geeignet. Vor allem aber müssen sich Philosophie und Geisteswissenschaften heute den Herausforderungen der wissenschaftlich-technischen Welt stellen und ihren Beitrag zur Orientierung leisten. Damit knüpfen wir an eine große Tradition unserer Universität an.

Welche Tradition meinen Sie?

Denken Sie an die Impulse von Walter Höllerer durch seine Arbeiten zur „Sprache im technischen Zeitalter“. Diese Linie kann nun im Verbund von Natur-, Technik- und Geisteswissenschaften auf exzellente Weise fortgesetzt werden. Außerdem wird das Zentrum eine der tragenden Forschungssäulen der Fakultät für Geisteswissenschaften sein. Und in der Lehre werden sich unsere Arbeiten auch auf die Inhalte der neuen Bachelor- und Masterangebote positiv auswirken.

Und welche Akzente möchten Sie mit Blick auf die Öffentlichkeit setzen?

Mit Workshops, Vortragsreihen und Diskussionen zu Themen der Wissensforschung wollen wir bewusst die Öffentlichkeit ansprechen. Dabei werden wir auch mit dem Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte in Berlin kooperieren.

Welche Pläne gibt es mit der Max-Planck- Gesellschaft?

Sehr weit gediehen sind die Planungen für eine International Max-Planck-Research-School zur Geschichte und Theorie des Wissens und der Wissenschaften. Mit dem Max-Planck-Institut, dem Innovationszentrum und der Research School schaffen wir im Verbund mit den anderen beiden Berliner Universitäten eine wichtige Adresse für Nachwuchswissenschaftler. Das macht den Wissenschaftsstandort Berlin in Sachen Wissensforschung international enorm attraktiv.

Das Gespräch führten Kristina R. Zerges und Stefanie Terp.

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