Zeitung Heute : Wissenschaft für alle

Hermann von Helmholtz unterstützte die Ziele der Urania, das Interesse an Forschung und Technik zu fördern

Jürgen Mlynek

Der Ideenreichtum und die Leistungen der Menschen sind der wichtigste Rohstoff unseres Landes. Diese Erkenntnis ist nicht neu, aber sie konsequent umzusetzen bleibt dennoch eine ständige Herausforderung. Denn ein Motor unseres Wohlstands ist die wissenschaftlich-technische Innovation und wir müssen mit hervorragenden Bildungsangeboten immer wieder die Voraussetzungen dafür schaffen, dass auch die nächste Generation auf international höchstem Niveau produktiv sein kann. Und hier haben wir, wie der internationale Schulleistungsvergleich Pisa zeigte, heute offenbar ein Problem, dem wir uns mit mehr Konsequenz stellen sollten. Andererseits zeigen die Nobelpreise 2007 für Physik und Chemie an deutsche Forscher, dass hier Forschung auf höchster wissenschaftlicher Ebene betrieben wird. Dabei liegt die besonders bemerkenswerte Leistung beider Preisträger sowohl in ihren Grundlagenerkenntnissen als auch in der sehr praktischen Umsetzung ihrer Ergebnisse. Und was besonders zählt: Die gewürdigten Entdeckungen sind in deutschen Forschungseinrichtungen gemacht worden, wie die Arbeiten von Peter Grünberg am Forschungszentrum Jülich der Helmholtz-Gemeinschaft.

Die Helmholtz-Gemeinschaft ist mit ihren 15 Forschungszentren, 26 500 Mitarbeitern und einem Jahresbudget von rund 2,35 Milliarden Euro die größte Wissenschaftsorganisation Deutschlands. In den 15 Helmholtz-Zentren arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an den unterschiedlichsten Themen von A wie Astrophysik bis Z wie Zellforschung, was sie aber eint, ist eine gemeinsame Mission: Sie leisten durch Spitzenforschung Beiträge zur Lösung großer und drängender Fragen von Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft, sie erforschen Systeme hoher Komplexität unter Einsatz von Großgeräten und wissenschaftlichen Infrastrukturen, und sie tragen zur Gestaltung unserer Zukunft bei, indem sie Forschung und Technologieentwicklung verbinden. Dabei intensivieren wir stetig die Vernetzung mit Forschungsgruppen an Universitäten und außeruniversitären Forschungseinrichtungen und bauen neue Partnerschaften und strategische Kooperationen auf, sowohl im nationalen als auch im internationalen Raum. Mit der Gründung des Karlsruhe Institute of Technology (KIT) führt erstmals eine strategische Partnerschaft von einem Helmholtz-Zentrum mit einer Universität zu einer institutionellen Verbindung unter einem gemeinsamen Dach. Eine international führende Stellung strebt das KIT insbesondere in den Forschungsfeldern Energie, Nano- und Mikrotechnologie, Elementar- und Astroteilchenphysik sowie Klima und Umwelt an. Zusammen haben die beiden Partnereinrichtungen 8000 Beschäftigte, das Budget beträgt insgesamt jährlich 600 Millionen Euro.

Die Helmholtz-Gemeinschaft steht damit exemplarisch für die Leistungsfähigkeit des Wissenschaftsstandorts Deutschland. Sie hat deshalb eine ganz besondere Verantwortung, das Verständnis für wissenschaftliche Forschung einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Weit mehr als 40 000 Schülerinnen und Schüler besuchen jedes Jahr eines der insgesamt 22 Schülerlabore an den Helmholtzzentren, mit der Initiative „Haus der Kleinen Forscher“ haben wir in Zusammenarbeit mit unseren Partnern McKinsey, Siemens und Dietmar-Hopp-Stiftung sowie dem Bundesministerium für Bildung und Forschung ein groß angelegtes Programm aufgebaut, um die Freude am Experimentieren schon im Kindergarten zu vermitteln. Darüber hinaus engagieren wir uns bei „Wissenschaft im Dialog“ und anderen Initiativen, um die Öffentlichkeit zu informieren.

In der Bevölkerung unseres Landes das Interesse für Wissenschaft und Technik zu fördern, ist eine wesentliche Voraussetzung, um Deutschland wirtschaftlich weiter nach vorn zu bringen. Das beginnt bei der Bildung, beim Wecken von Interesse für Mathematik und Technik, ja ganz allgemein für die Phänomene der Natur, die uns täglich neue Geheimnisse offenbart, wenn wir nur genau hinschauen. Dabei ist es nicht selbstverständlich, dass in Zeiten großer Unsicherheit um Arbeitsplätze jede milliardenschwere Investition in einen Teilchenbeschleuniger oder ein Weltraumlabor wie Columbus den Beifall der Öffentlichkeit findet. Hier braucht es Aufklärung, ein Klima des Interesses und der Anerkennung der Wissenschaft und ihren großen Beitrag zur Kultur, zu unserem Weltbild und ihren langfristigen Nutzen für unseren Wohlstand.

Dieses Anliegen hatte schon Alexander von Humboldt, als er 1827/28 in der Berliner Singakademie, dem heutigen Maxim-Gorki-Theater, in seinen berühmten Kosmos-Vorlesungen ein umfassendes, naturwissenschaftliches Weltgebäude vor einem breiten Publikum errichtete. Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer und Bettelmann saßen vereint und lauschten fasziniert den Schilderungen über den Regenwald am Amazonas ebenso wie über das Sonnensystem, Mineralien und Pflanzen und die Kräfte der Natur. In den folgenden Jahrzehnten vollzog sich eine rasante Entwicklung der Naturwissenschaften und es entwickelte sich eine neue Technologie, die das Leben der jungen Industriegesellschaft grundlegend verändern sollte, die Elektrotechnik. Und so erhob sich schon vor mehr als hundert Jahren die Frage, wie man die Öffentlichkeit auf den Weg in ein neues technisches Zeitalter mitnehmen kann, wie neue Einblicke in physikalische Phänomene ebenso wie technische Neuheiten, besonders aber auch die neuen Erkenntnisse der gerade entstandenen Astrophysik einem breiten Publikum vermittelt werden konnten.

So entstand bekanntlich die Urania in Berlin, deren 120-jähriges Bestehen uns nicht nur Anlass zur Gratulation gibt, sondern auch Gelegenheit zum Lernen. Dort können wir erfahren, wie vor mehr als hundert Jahren Wissenschaftler wie die Astronomen Wilhelm Foerster und Max Wilhelm Meyer oder Industrielle und Erfinder wie Werner von Siemens auf die Herausforderungen der Zeit reagiert haben. Und diese Herausforderungen waren den heutigen ähnlicher, als wir es vermuten würden. Eine neue Technologie, eben die Elektrotechnik, entwickelte sich stürmisch, doch die neue Technik und ihre Produkte waren weithin unbekannt. Die Schulbildung war auf die Fortschritte der aufstrebenden Naturwissenschaften nicht eingerichtet, man brauchte (kennen wir das nicht?) Fachkräfte.

Die Urania in Berlin war deshalb nicht nur öffentliche Sternwarte und wissenschaftliches Theater, sie war Innovationszentrum, Schaufenster modernster wissenschaftlich-technischer Entwicklungen. So war es der Namensgeber unserer Gemeinschaft, Hermann von Helmholtz, der seinen Mitarbeiter Eugen Goldstein, den Entdecker der Kanalstrahlen, für einige Zeit in die Urania schickte, um dort Anschauungsmaterial zu entwickeln, wie wir es heute aus jedem Science Center kennen und „Hands-on-Experimente“ nennen. Konrad Wilhelm Röntgen hinterließ nach seinen Vorträgen über die neu entdeckten x-Strahlen vor den Berliner Physikern und im Schloss vor der kaiserlichen Familie sein Gerät der Urania. Diese veranstaltete über Monate fast täglich einen Vortrag „Photographie mit unsichtbaren Strahlen“, durch den sich die Kenntnis über die neuen Möglichkeiten der Röntgentechnik schnell unter Ärzten und Ingenieuren ausbreitete.

Wenn heute die Bundeskanzlerin am Telefon mit den Astronauten der Internationalen Raumstation über das europäische Raumlabor Columbus sprechen kann, dann ist das ein Ergebnis der ungebrochenen Forschungs- und Technologie-Tradition in unserem Land, unserem Kontinent, ja der ganzen aufgeklärten Welt, der Natur ihre Geheimnisse zu entlocken, sie beherrschbar zu machen und zum Wohl der Menschheit zu nutzen. Vorreiter wie Werner von Siemens oder Hermann von Helmholtz haben damit begonnen, und wenn wir heute Schülerlabore einrichten und Ferienkurse anbieten, dann folgen wir der guten Tradition, die mit der Gründung der Urania in Berlin ihren weltweiten Anfang nahm.

Deshalb möchten wir diese einzigartige Einrichtung, die täglich mehrere Veranstaltungen zu den unterschiedlichsten Wissensgebieten realisiert, auch nicht missen. Gerade bei der Wissenschaftskommunikation kann die Urania auf klangvolle Namen und vielfältige Veranstaltungsformen verweisen. In den letzten Jahren haben wir viel erreicht: Denken wir nur an die umfangreichen Programme der Wissenschaftsjahre, die langen Nächte der Wissenschaft oder die zunehmenden Angebote wissenschaftlicher Themen in den Medien. Kann es ein Zuviel sein?

Welchen Platz kann hier die Urania einnehmen, die aus ihrer großen Tradition heraus immer wieder mit Mut zur Veränderung und Erneuerung auf neue Entwicklungen reagiert hat? Sie kann mit ihren erfolgreich modernisierten Veranstaltungssälen und großzügigen Foyers ein Forum für wissenschaftliche Diskussionen sein, geradezu ein Festspielhaus der Wissenschaft. Und sie könnte auch wieder das werden, was sie war und was wir trotz der Vielzahl an Museen und Präsentationen in Berlin noch nicht dauerhaft eingerichtet haben – eine Innovationsschau für neue wissenschaftliche und technologische Entwicklungen.

Alle, die der Öffentlichkeit neue wissenschaftliche Erkenntnisse mitzuteilen haben, können diese Einrichtung Urania bestens nutzen. Denn mehr Wissenschaft für alle heißt auch mehr wissenschaftliche Bildung für alle, mehr Aufklärung und Information, noch mehr Dialog zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit. Dazu waren 120 Jahre noch nicht genug, denn heute ist dieses Anliegen wichtiger denn je.

Der Autor ist Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft

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