Zeitung Heute : "Wissenschaft und Wirtschaft müssen aufeinander zugehen"

TAGESSPIEGEL: Der Wissenschaftsrat hat damit begonnen, wichtige Forschungsfelder, die auch in den nächsten zehn Jahren von Bedeutung sein dürften, zu ermitteln.Was sind die Folgen der ersten Untersuchungen dieser Art in der Materialforschung, der Energieforschung und Umweltfrage? Wird daraus eine konkrete Politik?



SCHULZE: In diesen Querschnittsuntersuchungen des Wissenschaftsrats werden Stärken und Schwächen in einzelnen Forschungsgebieten analysiert.Arbeitsgruppen des Wissenschaftsrats bewerten die Forschungsaktivitäten in den Hochschulen und außeruniversitären Instituten vor Ort.Bei der Energieforschung wurden auf diese Weise mehr als 30 Einrichtungen besucht.Häufig stoßen wir auf leistungsfähige Hochschulen und Institute.Der Wissenschaftsrat erwartet aber auch, daß die von ihm benannten Defizite - wie fehlende Schwerpunkte oder mangelnder Technologietransfer - behoben werden.Außerdem gibt der Wissenschaftsrat einen Überblick über die wichtigsten Felder innerhalb dieser Forschungsgebiete.Auch hier lautet das Ziel, neben erkennbaren Stärken der Forschung in Deutschland noch bestehende Schwächen zu identifizieren und zu überwinden.Außerdem werden die wichtigsten Forschungsaufgaben, die noch zu lösen sind, benannt.Die Empfehlungen richten sich damit auch an Bund und Länder, die Förderprogramme auflegen.In der Energieforschung hat sich der Wissenschaftsrat für eine deutliche Erhöhung der Fördermittel ausgesprochen, damit Forschung und Technologie weiterhin international wettbewerbsfähig bleiben.Dieser Sektor ist nicht nur unter Aspekten der Energievorsorge zu betrachten, er ist zugleich ein wichtiger Wirtschaftszweig mit einem starken Export.



TAGESSPIEGEL: In seiner ersten Empfehlung zur Materialforschung hatte der Wissenschaftsrat gefordert, die Umsetzung von Forschungsergebnissen in Produkte der Wirtschaft zu beschleunigen.Wenn aus diesem Ziel, das in Sonntagsreden von den Politikern unterstrichen wird, Taten folgen sollen, was muß dann geschehen?



SCHULZE: Die Konsequenz kann nur lauten: effektive Vernetzung im Großen wie im Kleinen.Leider hatte der Vorschlag des Wissenschaftrates, einen unabhängigen Rat für Materialforschung einzurichten, bisher noch keinen Erfolg.Dieser soll aus Vertretern der Wissenschaft, Wirtschaft und Politik zusammengesetzt sein und die Kooperation in der Materialwissenschaft fördern.Ich glaube, daß die wirtschaftliche Nutzung neuer wissenschaftlicher Ergebnisse bisher zu schwach entwickelt ist.Der Wissenschaftsrat kann einzelne Forschungsgebiete analysieren - darin liegt seine Stärke.Zusätzlich aber müssen Wissenschaft und Wirtschaft aufeinander zugehen, um kontinuierlich fachliche Entwicklungen und industriellen Forschungsbedarf in der Material- oder Energieforschung zu erörtern.Dieses schwierige Problem gehört zu den wichtigsten Aufgaben aller modernen Industriestaaten.Insgesamt, so meine ich, gibt es auch in der deutschen Tradition entsprechende Versuche zur strategischen Forschungsplanung und wichtige Ansätze zur Verständigung über notwendige Schwerpunkte.Ich erinnere nur an die sogenannten Gemeinschaftsarbeiten der Notgemeinschaft für die Forschung in der Mitte der 20er Jahre.Heute wären aus den ermittelten Schwerpunkten die Konsequenzen zu ziehen.Das ist der entscheidende Punkt, aber dieses Denken scheint mir bislang zu schwach entwickelt.



TAGESSPIEGEL: Wenn es um die strategische Kompetenz in der Forschung geht: Kann die bisherige Form, getrennte Forschungsorganisationen zu fördern, so bleiben wie sie ist? Ist die Arbeitsteilung hier Fraunhofer-Institute, dort Max-Planck-Institute, Leibniz-Institute, Helmholtz-Institute sinnvoll? Oder wie soll eine zukunftsträchtige Organisation der Forschung in Deutschland aussehen?



SCHULZE: Zunächst muß man einmal sagen, daß die Säulen der Forschungsorganisationen als Reaktionen auf die jeweiligen wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Herausforderungen entstanden sind.Im Grunde genommen bedient die deutsche Forschungslandschaft die unterschiedlichen Aufgaben der Grundlagenforschung bis zur angewandten und Vorsorge-Forschung in der Fraunhofer-Gesellschaft.Diese differenzierten Stärken sollten auch weiterhin gepflegt werden.Ich glaube aber, daß die einmal entwickelten Säulen nicht ausreichende Möglichkeiten bieten, um auf neue Herausforderungen zu reagieren.Es gibt Kritiker dieser Forschungslandschaft, die sagen, man müsse alles zerschlagen und dann wieder neu beginnen.Wir haben aber inzwischen eine Forschungslandschaft, die nicht mehr beliebig umgruppiert werden kann, wenn man davon ausgeht, daß riesige Apparate eine gewisse Konstanz verlangen.Denkbar ist es, zwischen den Säulen Justierungen und Verklammerungen vorzunehmen.Man sollte zwischen den Säulen verstärkt Formen der Verbundforschung entwickeln, die für einen bestimmten Zeitraum die Kompetenzen aus unterschiedlichen Forschungseinrichtungen zusammenbringen.Die Frage sollte dann lauten: Wie lösen wir dieses Problem für die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre? Wir würden bei einer so organisierten Verbundforschung dem Verdacht entgegenarbeiten, daß diese Forschungssäulen bestenfalls nur in sich kooperieren und nicht über die Grenzen ihrer Institutionen hinaus zusammenarbeiten.



TAGESSPIEGEL: Wie stehen die Chancen für eine solche Lösung?



SCHULZE: Es gibt für eine solche stärkere Kooperation zwischen den Säulen schon Ansätze, so in dem Genomprojekt oder der Biomedizin.Aber wir müssen darüber hinaus programmatische Ansätze wagen, um dieses Prinzip noch stärker durchzusetzen.Ob man dazu noch eine steuernde Institution benötigt, ist eine Frage, die ich im Moment nicht abschließend beantworten kann.Ich stelle mir vor, daß der Wissenschaftsrat auf der Basis seiner Querschnittsuntersuchungen hier stärker beratend tätig sein könnte.Daß eine solche strategische Kompetenz notwendig ist, scheint mir eindeutig zu sein.Alle Industrieländer haben solche Kompetenzen, und wir müssen uns verstärkt auf diese spezielle Aufgabe konzentrieren.

Das Interview führte Uwe Schlicht.

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