Zeitung Heute : Wissenschaft: Wenn die Chemie nicht stimmt

Bas Kast

"Schluss jetzt mit dem Thallium!" Das ist der Anfang vom Ende. Oliver, ein 14-jähriger Junge, sitzt im Auto, auf dem Rücksitz. Er befindet sich auf einer Sommerreise in Südfrankreich, es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. 20 Minuten lang hat er auf seine Eltern eingeredet, ununterbrochen, über ein einziges Thema: Thallium. Olivers Welt ist die Welt der Metalle. Im heimischen Haus in London hat er sich ein ganzes Chemie-Labor eingerichtet. Nicht immer läuft bei seinen Experimenten alles nach Lehrbuch: Einmal entzündet sich das Lithium und fackelt einen Teil des Labors ab. Ein anderes Mal müssen bei einer Wasserstoff-Explosion die Augenbrauen seines Bruders dran glauben. Jetzt aber reicht es. Schluss mit den Spielereien! Für Olivers Eltern ist klar, dass ihr Sohn das werden soll, was sie selbst sind: Arzt.

Ich weiß nicht, ob wir Olivers Eltern dankbar sein müssen. Oliver Sacks wäre ohnehin das geworden, was er heute ist: einer der berühmtesten Ärzte, die es gibt. Sechs Bücher gab es bislang von ihm, die in 22 Sprachen übersetzt wurden ("Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte", "Eine Anthropologin auf dem Mars"). Jetzt hat der Neurologe, der heute in New York lebt, ein siebtes Buch geschrieben: Erinnerungen an seine Jugend.

Wissenschaftler mit Erzähltalent

Nie nähert sich der Neurologe seinen Patienten als nüchterner Wissenschaftler. Sacks tritt eher als Beobachter auf, neugierig, scharfsinnig - und was er schreibt, sind keine trockenen Fallbeschreibungen, sondern tatsächlich: Geschichten. Was fehlte, war die Geschichte von Sacks selbst. Die hat er nun geliefert: "Onkel Wolfram" heißt das Buch - und für die "New York Times Book Review" ist es eines der besten, die im letzten Jahr erschienen sind (Rowohlt 2002, 383 Seiten, 24,90 Euro). Sacks wächst während des Zweiten Weltkriegs auf - in einer Familie mit fast 100 Cousinen und Cousins und zahlreichen Onkeln und Tanten. Sein Lieblingsonkel ist Onkel Dave, "Onkel Wolfram" genannt, weil er eine alte Glühbirnenfabrik im Londoner Stadtteil Farringdon besitzt - und die feinen Drähte in den Lampen bestehen aus dem besonders schweren Metall Wolfram. Onkel Wolfram führt den jungen Sacks ein in die Welt der Chemie...

Eine Welt, die zu einem Zufluchtsort für den jungen Sacks wird. Die Nazis können die Häuser von London zerstören - aber die Gesetze der Physik sind unzerstörbar. Oft genug gibt für den jungen Oliver einen Grund zu "fliehen": Wenn er wegen der Bombardierungen in ein grauenhaftes Internat auf dem Land geschickt wird. Wenn sein Bruder Michael plötzlich psychotisch wird. "Onkel Wolfram" erzählt aber nicht nur die Geschichte von Oliver Sacks. Sacks stellt auch immer wieder Entdeckungen der Chemie, der Physik vor. Erzählt er die Geschichte des Lichts, dann erklärt er auch, wie man dem Licht überhaupt auf die Schliche kam: Wie der englische Physiker Michael Faraday entdeckte, dass Elektrizität nicht nur Magnetfelder beeinflusst, sondern dass auch ein Magnet, wenn man ihn bewegt, Elektrizität erzeugen kann - die Geburtstunde des ersten Dynamos. Faraday war ein autodidaktisches Genie, aber eine Niete in Mathematik. Der schottische Physiker Clerk Maxwell spann seinen Gedanken weiter und fasste sie in mathematische Formeln. Wenn ein bewegtes elektrisches Feld ein magnetisches Feld erzeugt, sagte Maxwell, wird das wiederum ein elektrisches Feld erzeugen.

Nichts in seiner Jugend deutet daraufhin, dass er einmal das wird, was sein Vater gerne geworden wäre: Neurologe. Ja, die Medizin stößt den Jungen sogar ab. Im Alter von 14 Jahren nimmt die Mutter Oliver mit ins Krankenhaus, wo er die Leiche eines 14-jährigen Mädchens sezieren soll Einen Monat braucht der zukünftige Arzt, um das Bein zu sezieren - eine schreckliche Erfahrung: "Ich wusste nicht, ob ich je in der Lage sein würde, die warmen, geschmeidigen Körper der Lebenden zu lieben, nachdem ich vor der formalingetränkten Leiche eines Mädchens meines Alters gestanden, ihren Geruch eingeatmet und sie zerschnitten hatte."

Erektionen des Geistes

Erst mit der Pubertät ändert sich etwas: "Offenbar wurden mir nicht mehr diese plötzlichen Erleuchtungen, diese erregenden Erkenntnisse zuteil, die Flaubert (den ich jetzt las) als Erektionen des Geistes bezeichnete. Erektionen des Körpers, gewiss, die waren jetzt ein neuer exotischer Teil meines Lebens - aber diese plötzlichen rauschhaften Zustände des Geistes hatten mich verlassen." Oliver liebte die Chemie des 18. Jahrhunderts, das Experiment, die Reaktionen, die Explosionen. Allmählich musste er entdecken, dass die moderne Chemie nicht unbedingt die Art von Chemie war, die er in seinem Privat-Labor betrieb. Die moderne Quantenmechanik beispielsweise war von dem klassischen Chemie-Labor weit entfernt. Sie beschrieb Elektronen nicht mehr als Teilchen in Bahnen, die man sich vorstellen konnte: fortan musste man sie als Wellen "verstehen". Man konnte auch nicht mehr von der "Position" eines Teilchens sprechen, sondern nur noch von einer "Wahrscheinlichkeit", mit der es sich an einem bestimmten Ort befindet. "All das machte mich schwindlig", schreibt Sacks.

Die stabile Welt hat Sacks nie wieder gefunden - im Gegenteil: Die Patienten, die er betreut und beschreibt, sind oft Menschen, deren Identität aufs Tiefste erschüttert worden ist. Die plötzlich ihr eigenes Bein für das Bein einer anderen Person halten. Die ihre eigene Frau mit einem Hut verwechseln. Aber seine Patienten sind niemals abstrakt. Sacks ist kein Analytiker: "Ich musste riechen, anfassen und fühlen können, musste mich mit allen meinen Sinnen mitten in die Wahrnehmungswelt hineinbegeben können." Das tut er noch heute. Für die moderne Wissenschaft mutet Sacks damit geradezu wie ein Anachronismus an. Vielleicht gibt es deshalb keinen, der so schön über sie schreiben kann wie er.

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