Zeitung Heute : Wissenschaft: Wie funktioniert Verliebtheit?

Bas Kast

Ich muss nur ein paar Schritte gehen, um zu ihr zu gelangen. Ich weiß ja nie, wann sie da ist, meist ist sie nicht da, und doch: jedes Mal, auf dem Weg zum Café, wo sie hin und wieder arbeitet, werde ich mit jedem Schritt nervöser ...

Es beginnt schon tagsüber. Ich sitze vor dem Bildschirm, die Finger an der Tastatur, ich zwinge mich, an etwas anderes zu denken, mich zu konzentrieren, nur um irgendwann festzustellen, dass ich mich doch nur auf sie konzentrieren kann ... Schon am Abend zuvor, wenn ich weiß: morgen gehst du hin!, spüre ich meinen Bauch. Auf meinen Fingern bilden sich Schweißperlen. Mitten in der Nacht wache ich auf, ich bin hellwach. Und denke an sie. An ihr helles Haar. An die kleine Haarnadel, die ihre Strähnen zur Seite legt. An ihr Lächeln ... Auf einem Ölgemälde hinter dem Tresen, wo sie steht, trompetet ein Engel.

Was, frage ich mich, passiert mit dem Hirn, wenn es sich verliebt? Dass es so schwer ist, etwas zu dem Thema zu finden!

Irgendwann finde ich doch etwas Passendes: "Das Netz der Gefühle. Wie Emotionen entstehen" von Joseph LeDoux. Allerdings erklärt der Hirnforscher vor allem das Gefühl Angst.

Auf den letzten Seiten aber wird es auch für mich interessant: LeDoux beschreibt, warum es so schwierig ist, mit guten Vorsätzen seine Gefühle zu kontrollieren. Hirnstrukturen, sagt er, die Gefühle hervorrufen, sind zwar stark mit den Denkregionen verknüpft. Doch die Verknüpfung ist eine Art Einbahnstraße: Strukturen von den Denkarealen zu den Gefühlszentren sind weitaus weniger zahlreich. Deshalb können unsere Gefühle unsere Gedanken beherrschen, während wir umgekehrt mit guten Vorsätzen oft nur wenig gegen unsere Gefühle anrichten können.

Okay, Verliebtheit kann man also nicht abschalten - aber was ist Verliebtheit?

Endlich finde ich, was ich gesucht habe: "Liebe & Sex. Über die Biochemie leidenschaftlicher Gefühle" von Gaby Miketta und Claudia Tebel-Nagy und "Das starke Geschlecht" von der New Yorker Anthropologin Helen Fisher. Und schließlich, soeben erschienen, ein Buch von der Pharmakologin Candace Pert: "Moleküle der Gefühle. Körper, Geist und Emotionen".

Also: Wenn ich die Schritte zum Café gehe, steigt der Adrenalinspiegel. Ich spüre, wie mein Herz klopft. Ich sehe sie schon durch die Glastür, hinter dem Holztresen, und mein Hirn wird von Dopamin überflutet, einem Botenstoff, der immer bei Belohnungen freigesetzt wird. "Dopamin und Noradrenalin führen zum Gefühl von Euphorie und Lebhaftigkeit, die beiden grundlegenden Bestandteile der Liebe", schreibt Fisher. "Dieselben chemischen Substanzen lösen auch Schlaflosigkeit, Appetitmangel, ein Übermaß an Energie und Hyperaktivität aus."

Hinzu kommt der Botenstoff Serotonin: er sinkt auf ein krankhaft niedriges Niveau. Die erhöhte Aufmerksamkeit fixiert sich auf jedes Detail, der Blick für die Haarnadel ("hat sie gelächelt?", "mit wem redet sie?") - all das könnte gut mit dem mangelnden Serotonin zusammenhängen: auch bei Zwangsneurotikern liegen die Serotoninlevels am Boden.

Wer sich mehr für die Entdeckungsgeschichte der Liebesmoleküle interessiert, sollte das Buch von Pert lesen. Und die deutschen Journalistinnen Miketta und Tebel-Nagy beschreiben in ihrem Buch die Liebe geradezu von Kopf bis Fuß: Wieso verliebt man sich überhaupt? Was ist Liebeskummer? Wer passt zu wem? Die Autorinnen beantworten die Fragen mit Verstand, Herz und Humor.

Sofern man da von "Antworten" sprechen kann. "Natur nur mit Hilfe der Naturwissenschaften beschreiben zu wollen, ist so, als wenn man eine Beethoven-Symphonie anhand ihrer Schalldruck-Kurve verstehen wollte", sagte Einstein. Die Schalldruck-Kurve ist in den Büchern gut aufgehoben. Und um die Symphonie zu erleben, muss ich ja nur diese grausamen und schrecklich schönen Schritte gehen ...

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