WISSENSHUNGER : Adipös durch Antibiotika

Kai Kupferschmidt .

Kupferschmidt.
Kupferschmidt.Foto: Mike Wolff

Eine der wenigen Bauernregeln, die sich in den vergangenen 50 Jahren als richtig erwiesen hat, lautet: Gib deinen Tieren Antibiotika und sie werden fetter. In Europa ist das inzwischen verboten, aber Bauern in den USA dürfen gesunden Truthähnen, Rindern und Schweinen nach wie vor Antibiotika ins Trinkwasser mischen.

Für den Wachstumsschub reichen schon geringe Mengen der Medikamente, der Mechanismus ist bis heute unklar. Einige Forscher glauben, dass die niedrig dosierten Antibiotika die Zusammensetzung der Darmflora ändern. Die Idee: Mikroben, die Nahrung besonders gut „aufschließen“ können, vermehren sich, das Tier kann mehr der Nahrung verwerten und wird dicker. Manche Vertreter dieser These gehen noch weiter: Dasselbe gelte vermutlich auch für Menschen, sagen sie.

Einer dieser Forscher ist Martin Blaser, Mikrobiologe an der New York University School of Medicine. In der vergangenen Woche hat er gleich zwei Studien veröffentlicht, die seine These untermauern sollen. Im Fachblatt „Nature“ beschreibt er ein Experiment an jungen Mäusen. Sieben Wochen lang erhielten sie Wasser, dem Antibiotika zugesetzt waren. Am Ende hatten sie mehr Körperfett als Tiere, die normales Wasser erhalten hatten. Die Zahl der Mikroben im Verdauungstrakt hatte sich dabei nicht geändert. Aber die Medikamentenmäuse hatten deutlich mehr Bakterien, die zur Gruppe Firmicutes gehören, und weniger, die zur Gruppe Bacteroides gehören. Firmicuteskeime könnten aus der selben Nahrung möglicherweise mehr Kalorien bereitstellen, vermutet Blaser.

In einer zweiten Studie, publiziert im „International Journal of Obesity“, nutzten die Forscher Daten von 11 000 Kindern, die in den Jahren 1991 und 1992 in der britischen Stadt Avon geboren wurden. Das Ergebnis: Die Kinder, die laut Angabe der Eltern in den ersten sechs Monaten Antibiotika bekommen hatten, waren im Alter von 10, 20 und 38 Monaten eher übergewichtig als Kinder, die keine Antibiotika bekommen hatten.

Viele Wissenschaftler sind allerdings skeptisch. Die Gewichtsunterschiede bei den Kindern waren gering, und im Alter von 7 Jahren, als das letzte Mal das Gewicht gemessen wurde, fand sich keine bedeutende Differenz mehr. Und auch die Unterschiede zwischen den Mäusen, die Antibiotika bekamen, und der Kontrollgruppe waren gering. „Mich überzeugen diese Daten überhaupt nicht“, sagt Michael Blaut vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Und der Mikrobiologe David Relman von der Universität Stanford weist darauf hin, dass die Darmflora erst am Ende der sieben Wochen untersucht wurde. „Wir wissen also nicht, ob die Veränderungen Ursache oder Wirkung sind oder gar nichts mit der Fettzunahme zu tun haben“, sagt er.

Noch ist die Rolle des Mikrobioms, der Millionen Mikroben in und auf dem menschlichen Körper nicht gut genug verstanden, um sichere Schlussfolgerungen zu ziehen. Aber es wird immer klarer, dass es sich dabei um ein wichtiges Organ handelt und dass ein Eingriff Risiken und Nebenwirkungen birgt. Auch Antibiotika haben dann eben ihren Preis. Die Amerikaner haben dafür einen schönen Ausdruck: „There is no such thing as a free lunch.“

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