WISSENSHUNGER : Tomaten für die Augen

Kai Kupferschmidt .

Kupferschmidt.
Kupferschmidt.Foto: Mike Wolff

Aussehen ist nicht alles, bekommen wir als Kinder beigebracht. Und dann ziehen wir als Teenager los und suchen uns den erstbesten Psycho mit glatter Haut und charmantem Lächeln. Aussehen ist nicht alles. Aber es macht alles andere vergessen.

Das gilt offenbar auch für Tomaten. Die Früchte werden geerntet, wenn sie noch grün sind. Wilde Varianten sind dann ungleich gefärbt: dunkelgrün auf den „Schultern“, heller auf der Unterseite. Doch Bauern haben über 70 Jahre gleichmäßig hellgrüne Tomaten herangezüchtet. „Das macht es leichter für Bauern, den richtigen Zeitpunkt zu finden, um zu ernten“, sagt Ann Powell, eine Forscherin an der Universität von Kalifornien in Davis. Im Supermarktregal sind die Früchte dann auch gleichmäßig rot gefärbt – und das Auge isst (und kauft) ja bekanntlich mit.

Powell hat nun mit Kollegen aus Argentinien und Spanien das Gen identifiziert, das die Zuchttomaten so blass aussehen lässt: SlGLK2. Es ist ein Transkriptionsfaktor, ein molekularer Schalter also, der zahlreiche andere Gene an- oder ausschaltet.

In Wildtomaten führt SlGLK2 dazu, dass in der Frucht mehr Chloroplasten entstehen. Chloroplasten sind die Kraftwerke der Pflanzenzellen, sie nutzen den grünen Farbstoff Chlorophyll, um Sonnenenergie einzufangen und verwenden diese dann, um aus Wasser und Kohlendioxid Zuckermoleküle zu bauen. Wegen der zahlreichen Chloroplasten erscheinen die Tomaten dunkelgrün.

Aber bei allen Zuchttomaten, die Powell und Kollegen untersuchten, war das Gen defekt. Das gibt Tomaten ein einheitliches Rot, doch für Konsumenten ist es ein bitteres Geschäft. Denn mit den Chloroplasten haben die Züchter den Supermarkttomaten auch den Zucker ausgetrieben. In einem Experiment haben die Forscher um Powell diesen Tomaten ein intaktes Gen eingefügt. Das Ergebnis: Die Früchte enthielten 40 Prozent mehr Glucose und Fructose. Auch der Gehalt an Lycopin, ein anderer wichtiger Inhaltsstoff, war deutlich erhöht.

„Das ist ein schönes Beispiel, dass in der Züchtung Eigenschaften verloren gehen können, die an sich wünschenswert sind“, sagt Ralph Bock vom Max- Planck-Institut für Pflanzenphysiologie in Potsdam. Das Schöne ist eben nicht immer das Gute.

Besonders überraschte die Forscher, dass sie im SlGLK2-Gen aller Zuchttomaten denselben Fehler fanden: Der genetische Code enthielt an einer Stelle sieben As in einer Reihe anstatt sechs. „Wir wissen nicht, wo diese Mutation ursprünglich herkommt“, sagt Powell. Denkbar wäre es auch, dass der Schreibfehler mehrfach unabhängig voneinander entstanden ist. Das klingt zwar unwahrscheinlich, aber Forscher wissen, dass die Kopiermaschinerie der Zelle sich bei einer Reihe desselben Buchstabens leichter vertut. Ganz wie ein Mensch, der sich bei einer Telefonnummer, die fünfmal hintereinander die Sieben enthält, eher einmal verliest.

Überhaupt ist das alles sehr menschlich. Da haben Menschen, geblendet von der glänzenden Hülle, mal wieder die inneren Werte vernachlässigt. Über viele Generationen haben wir das Gemüse gezüchtet, und wenn wir es uns genau anschauen, erkennen wir in seiner glatten Haut ein Spiegelbild unserer Selbst. Manchmal wäre es tatsächlich wünschenswert, wir hätten Tomaten auf den Augen.

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