WISSENSHUNGER : Verbogene Früchte

Im Grunde ist es erstaunlich, dass wir Pflanzen überhaupt essen können. Schließlich hat das Grünzeug wenig Interesse daran.

Im Grunde ist es erstaunlich, dass wir Pflanzen überhaupt essen können. Schließlich hat das Grünzeug wenig Interesse daran. Erdbeeren und Kirschen wollen uns zwar mit ihrem Duft und ihren Farben zur Mahlzeit verführen, damit wir ihre Samen verbreiten. Aber wir beschränken uns ja nicht darauf. Viele Pflanzen verzehren wir mit Blatt und Stiel. Wir sind ihre Todfeinde.

Völlig wehrlos sind Pflanzen uns allerdings nicht ausgeliefert. Weil sie nicht weglaufen können, bleibt ihnen nur eines: zurückzuschlagen. Sie produzieren Abwehrstoffe, die uns Pflanzenfressern die vegetarische Mahlzeit verderben sollen. Forscher nennen sie „sekundäre Pflanzenstoffe“, eine Verlegenheitsbezeichnung, weil sie eben nicht Eiweiß, Zucker oder Fett sind.

Bis zu 100 000 dieser Stoffe könnte es in der Pflanzenwelt geben. Und obwohl sie uns eigentlich schaden sollen, haben manche davon geradezu wundersame Eigenschaften: Sie reduzieren das Krebsrisiko, bekämpfen Infektionen oder senken den Blutdruck. Darum wollen Wissenschaftler nun Pflanzen züchten, die ausgerechnet mit solchen Abwehrstoffen besonders üppig ausgestattet sind.

Beispiel Brokkoli: Zur Zeit sorgt ein Patentstreit für Aufregung, bei dem das Unternehmen Plant Biosciences aus England einen Brokkoli schützen lassen will. Das Besondere: Er enthält dreimal so viel Glucoraphanin wie normaler Brokkoli. Glucoraphanin gehört zur Gruppe der Senfölglykoside. Diese Stoffe geben etwa Senf und Rettich ihre Schärfe. Im Körper wird Glucoraphanin abgebaut – und schützt dann offenbar vor bestimmten Tumoren. So werden manche krebserregende Stoffe bei Mäusen besser entgiftet, wenn die Tiere voher Glucoraphanin bekamen.

Der Superbrokkoli liegt im Trend. Forscher der TU München wollen Erdbeeren züchten, die besonders viele sekundäre Pflanzenstoffe haben. Andere Wissenschaftler arbeiten an Birnen oder Trauben. Sie wollen die Zusammensetzung der Früchte so hinbiegen, dass sie besonders gesund sind. Das Motto: „Eure Nahrungsmittel sollen eure Heilmittel und eure Heilmittel sollen eure Nahrungsmittel sein.“ Das wusste schon Hippokrates.

Die Veränderungen mögen gut gemeint sein, sinnvoll sind sie nicht unbedingt. Hans-Rudolf Glatt vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam ist zwar überzeugt, dass viele sekundäre Pflanzenstoffe gesund sein können. „Wir wissen aber nicht welche und in welchen Dosen.“ Bernhard Watzl von der Bundesforschungsanstalt für Ernährung in Karlsruhe sieht das ähnlich: „Wir wissen zu wenig, um einzelne Stoffe zu empfehlen“, sagt er.

Eher gilt das Gegenteil: Mit Sicherheit wissen wir nur, dass einige dieser Stoffe äußerst ungesund sind. So gehören zu den sekundären Pflanzenstoffen auch Nikotin, Morphin und das Gift der Tollkirsche. Möglicherweise sind auch die „gesunden“ sekundären Pflanzenstoffe eigentlich giftig. Der kleine Angriff, so die Theorie, stimuliert unsere Körperabwehr, die dann besonders aufmerksam gegen Schädliches vorgeht. Als Gesamtpaket sind Brokkoli und Erdbeeren jedenfalls gesund. Dazu muss man sie nicht verbiegen.

Kai Kupferschmidt arbeitet im Wissenschaftsressort des Tagesspiegel.

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