Zeitung Heute : Witze für die Ewigkeit

Seit 30 Jahren kalauert er sich durch Deutschland – warum die Hallen immer noch ausverkauft sind, wenn Otto Waalkes kommt

Moritz Schuller

Emden, Ostfriesland. Im verlassenen Bahnhof, um die Mittagszeit, sitzt ein Mann, in der Hand eine Bierdose. Das Haar ist grau und strähnig. Über seine Jacke läuft eine klitzekleine Spinne, um den Brustaufnäher „Coyote DTM“ herum und dann zurück zur Schulter. Es ist nicht seine erste Dose Bier. „Otto“, sagt er ohne zu lächeln, „ist einmalig. Das lass ich mir nicht nehmen, live oder im Fernsehen. Meine Kinder sagen immer, was schaust du da. Ich sag, der ist immer noch schlauer wie ihr drei.“ Ein anderer Mann, auch er nicht mehr jung, auch seine Nase großporig vom Alkohol, überlegt lange. Was halten Sie von Otto? Schließlich sagt er: „Ja, ja, hundertprozentig.“

In Emden jubeln die Menschen, wenn Eindhoven ein Tor schießt, die Fußgängerzone ist aus rotem Backstein, die Möwen kreischen und ein Xuxu mit Sekt kostet drei Euro 50. Hinter Emden kommt nur noch der Deich. „Der ist ein ganz normaler Mensch“, sagt der Mann mit der Bierdose. Seine Kinder hatte Otto schon mal im Arm. Dessen Eltern kannte er auch, die liegen jetzt da hinten auf dem Friedhof. Kommt Otto nach Emden, das berichten andere, dann mit Bodyguards.

Otto hat seine Herkunft nie verheimlicht. Auch wenn es die Ostfriesenwitze schon vor ihm gab, er hat sie immer bereitwillig verkörpert. „Ich heiße eigentlich Dasein. Weil meine Mutter bei der Geburt gesagt hat: ,Was soll denn das sein?’“ Otto war Harry Hirsch und Oberförster Pudlich, er war Susi Sorglos und Robin Hood, der Rechner der Vererbten, doch die Basis seines Werks ist das eigene Ostfriesentum. Wie zu Beginn des ersten Kinofilms: „Das ganze Unglück begann mit meiner Geburt in meiner friesischen Heimat.“ Die Mutter blickt in die Wiege und sagt: „Ist er nicht niedlich, unser Otti?“ Und dann lässt Baby-Otto den Brei, mit dem sie ihn füttert, langsam aus dem Mund laufen. 1985 wollten das 14 Millionen Menschen sehen, ein Drittel davon in der DDR: „Otto, der Film“ war der erfolgreichste deutsche Film bis zum „Schuh des Manitu“. Die Frau, die ihn damals fütterte, war übrigens die Schwester des Mannes mit der Bierdose.

In Wilhelmshaven, nicht weit von Emden, startete Otto auch seine diesjährige Tour: 40 Auftritte im Frühjahr, 40 im Herbst, alles ausverkauft. Und im Oktober „Sieben Zwerge – Männer allein im Wald“, der neue Film. Hape Kerkeling, Gerhard Polt und Helge Schneider sind mit ihren Kinofilmen in diesem Jahr schon untergegangen. Die Filmverleiher hoffen, wieder mal, auf Otto.

Otto Waalkes wurde 1948 als Sohn des Malermeisters Karl Waalkes und seiner Frau Adele in Emden geboren. Mit zwölf bekommt er seine erste Gitarre, mit 16 spielt er in der Band „The Rustlers“. 1968 macht er sein Abitur und verlässt Emden. Sein Bruder KarlHeinz ist dort geblieben, die beiden telefonieren fast täglich. „Ich bin in eine ganz andere Richtung gegangen. Ich bin als Bauingenieur beim Staat beschäftigt.“ Ab und zu kommt Otto zu Besuch, dann gehen sie durch die Straßen und grüßen die alten Leute. „Wie der mit den Menschen umgeht, eine Pracht“, sagt Karl-Heinz, „dem ist nichts zu viel.“ Was aus seinem kleinen Bruder sonst geworden wäre? „Er hat ja angefangen in Hamburg Kunst zu studieren. Der wäre Pädagoge geworden, Fachrichtung Kunst und Englisch.“ Und dann sagt Karl-Heinz: „Otto ist ein bisschen zu gut für diese Welt.“

Frankfurt am Main, Nordend. Oben an der Wohnungstür wartet Bella, die später auf dem eleganten Ledersofa einen Hundehustenanfall bekommen wird. Bianca, die goldene Katze, versteckt sich noch. Robert Gernhardt zeigt auf die Wendeltreppe, die rauf ins ausgebaute Dach des Altbaus führt. „Das hat der erste Otto-Film bezahlt.“

Als Otto 1972 im Hörsaal der Hamburger Uni auf der Bühne steht, das war sein erster großer Auftritt, trägt er „König Erl“ vor, eine Erlkönig-Parodie von Heinz Erhardt. Und er spricht folgendes kleines Gebet: „Lieber Gott, gib doch zu, dass ich klüger bin als du./Und nun nimm doch endlich hin, dass ich was Besonderes bin./So, nun preise meinen Namen, denn sonst setzt es etwas. Amen.“ 23 Sekunden dauert das, ohne diese 23 Sekunden wäre Deutschland heute eine anderes Land.

Otto hatte das Gebet aus der „Welt im Spiegel“ geklaut. Die zweiseitige „WimS“ lag seit 1964 dem Satiremagazin „Pardon“ bei und wurde von dem Dichter Robert Gernhardt und den Zeichnern F.W.Bernstein und F.K.Waechter gemacht. Das Programm der „WimS“-Leute war das Absurde, Alberne und Bizarre, Klamauk und Kalauer: Der Sprache von Ringelnatz und Wilhelm Busch wurde nicht nur „das Mieder gelockert“ (Karl Kraus), es wurde ihr gleich „an die Titten gegriffen“ (Robert Gernhardt).

Bei Heinz Erhardt klang ein Tiergedicht noch so: „Das Reh springt hoch, das Reh springt weit,/warum auch nicht, es hat ja Zeit.“ Bei den „WimS“-Machern so: „Der Habicht fraß die Wanderratte,/nachdem er sie geschändet hatte“, oder, ganz legendär: „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche.“ Zu Gernhardt, Bernstein und Waechter gesellten sich nach und nach Hans Traxler, Chlodwig Poth, Eckhard Henscheid, Peter Knorr und Bernd Eilert, um sich schließlich zur „Neuen Frankfurter Schule“ zusammenzuschließen. Nach dem Ende von „Pardon“ gründeten einige aus der Truppe das Satireheft „Titanic“. Dessen Projekt: die Komik der Aufklärung. Vielleicht auch: die Aufklärung der Komik. Zur Politik fiel der „WimS“ nur ein: „Kabarette sich wer kann.“

Gernhardt sieht den zehn Jahre jüngeren Otto zum ersten Mal 1973 auf der Bühne: „Ich war ganz und gar bezaubert von der Figur, von seiner Präsenz, von der nicht von dieser Welt seienden Erscheinung. So etwas hatte es noch nicht gegeben. Man hatte das Gefühl: Dem muss man helfen, und zugleich beherrschte er die Szene. Ein echter Eulenspiegel-Typ.“

Otto hatte Potenzial, aber keine Inhalte. Warum die Texte nicht kaufen, statt zu klauen? Otto ließ sich nun von den Frankfurtern Texte liefern, und deren Material wurde durch ihn zur Sensation: „Theo, wir fahr’n nach Lodz“, „English for Runaways“, „Das Wunder des Ärgerns“ („Milz an Faust: Feigling!“) – alles große Klassik.

Vor allem Gernhardt, Eilert und Knorr schreiben nun für Otto und Otto triumphiert: goldene Schallplatten, Bambi, Goldene Kamera, Grimme-Preis, das OttoBuch wird zum Bestseller. 1983, am Tag vor Loriots 60.Geburtstag, sitzen Otto, Gernhardt und Loriot in dessen Wohnzimmer im bayerischen Ammerland auf dem Sofa und schauen sich die zehnte TV-Show an. Sehbeteiligung: 51 Prozent, die Hälfte der deutschen Fernsehzuschauer. Der Erfolg hielt an: In Emden steht heute ein Otto-Museum, per Versand gibt’s Ottifanten-Rucksäcke, Ottifanten-Kuscheldecken und Ottifanten-Bettwäsche, DVDs sowieso. Das Imperium, von Ottos altem Kumpel Hans Otto Mertens geführt, macht Millionenumsätze. Otto Waalkes besitzt Immobilien in Hamburg und Florida, eine Weile hatte er sogar einen Hubschrauber.

Es war nicht alles feinsinnig, was er machte, aber es funktionierte: Die Leute lachten. Otto gab der „Neuen Frankfurter Schule“ ein Leben außerhalb der 68er-Gegenkultur. Nur er wusste besser, was beim Publikum ankommt. Otto Waalkes, sagt der ehemalige „Titanic“-Chef Oliver Maria Schmitt, war neben Heinz Erhardt der größte Modernisierer des deutschen Bühnenhumors. Standesgemäß ist Komik in Deutschland erst durch Otto und Loriot geworden. Otto hat gezeigt, was man mit Sprache anstellen kann, dass man nicht unter Niveau lachen kann. Er war auch der Erste, der den angelsächsischen Humor nach Deutschland brachte: „Monty Python“ oder auch „Saturday Night Life“, Otto hatte alles genau studiert. Nach dem 23-Sekunden-Gebet entstand nicht nur ein Team, das von Erfolg zu Erfolg eilte, sondern eine kulturelle Blödelbasis, von der die Engelkes, Profitlichs und Mittermeiers heute profitieren. Kein Wunder, dass Gernhardt die Folgen dieser Entwicklung unberührt lassen. „Spaßkultur? Untergang des Abendlandes? Überhaupt nicht. Man kann ja abstellen.“

Ottos historische Leistung ist dokumentiert. Aber ist er, nach den immer schlechteren Kinofilmen, einer misslungenen Edgar-Wallace-Serie, vielleicht schon selbst Geschichte geworden? Horst Wendlandt, der inzwischen gestorbene Produzent der Otto-Filme, hat den Filmkomiker Otto verheizt, sagt Gernhardt. „Da sind schreckliche Sachen passiert: aus Inkompetenz und Geldgier. Auch aus Eitelkeit des Schauspielers Waalkes.“ Gernhardt hat sich inzwischen aus dem Otto-Betrieb zurückgezogen, seine Lyrik wird heute im „FAZ“-Feuilleton besprochen. Otto erhielt 2002 beim „Deutschen Comedy Preis“ den Ehrenpreis für sein Lebenswerk. Mit solchen Auszeichnungen ehrt man die, die womöglich bald vergessen werden.

Berlin, Tempodrom, vor wenigen Wochen. Otto betritt den Saal und singt „Friesenjung“ nach der Melodie von Stings „Englishman“. 2500 Menschen, vornehm ist hier keiner. Warum sind sie hier, fragt Otto in die erste Reihe: „Weil’s Spaß macht.“ Dann reißt er sich die Baseballkappe vom Kopf. Das strähnige blonde Haar ist noch da, aber nicht mehr oben auf dem Kopf. Otto hat eine Glatze. All die Kinder, für die er vor allem die Synchronstimme des Faultiers Sid aus dem Zeichentrickfilm „Ice Age“ ist, kennen ihn nicht anders. Für die anderen fackelt er einen Klassiker nach dem anderen ab: Er backt Pomme de Bordell, bei diesen Kartoffel-Puffer juchzen die Zuschauer, er ist Robin Hood in leicht überarbeiteter Version, er singt das Lied der Schlümpfe und Hänsel und Gretel. Er hetzt über die Bühne, kündigt Sachen an und bricht wieder ab, er gibt den Dilettanten, um dann wirklich gut zu singen. Er erzählt „28 durch 7“, das Meisterwerk der Frankfurter übers Dividieren, und zerschlägt eine Melone mit dem Hammer. Das Publikum tobt.

Otto hat es geschafft, dass die Leute über den selben Witz immer wieder lachen. Otto singt „Hänsel und Gretel“, weil es das Publikum verlangt, und er ist ihm doch voraus: Er bleibt unberechenbar, flüchtig, mal ist er grottig, mal genial und geistesgegenwärtig. Otto gibt drei Zugaben an diesem Abend, dann schreibt er 20 Minuten lang Autogramme, umarmt eine Frau, lässt sich mit Kindern fotografieren und signiert Stofftiere. In über 40 Städten wird er das am Ende der Tour gemacht haben, vor über 200000 Zuschauern.

Berlin, Lobby des Grand Hyatt, Potsdamer Platz. Ist Otto in all den Jahren harmloser geworden, Herr Eilert? „Es kommt einem nur so vor. Als Otto anfing, war die Tabuschwelle schon überschritten, wenn jemand Schimpfworte benutzte oder religiöse Inhalte. Heute ist die durch die jüngeren Comedians so verlegt, dass man gar nicht mehr weiß, wo sie ist.“

Bernd Eilert ist der Einzige aus der „Neuen Frankfurter Schule“, der noch dabei ist. Das aktuelle Programm hat er zusammen mit Otto erstellt. „Diese Tour ist wie jede andere auch ein Experimentierfeld. Wir testen das Verfallsdatum bestimmter Nummern.“ Sonst ist alles wie immer. „Seit es Otto gibt, gibt es Versuche, ihn da herauszulocken, hinter diese Figur zu leuchten. Die sind alle gescheitert, weil sich hinter der Maske des Spaßmachers ein total alberner Mensch verbirgt. Da ist halt keine Tragik aufzutun, das alte Klischee vom traurigen Clown zieht hier einfach nicht.“

Dann taucht Otto auf. Braune Cordhosen, Cordjacke, Wolljacke, und vollkommen begeistert vom Potsdamer Platz. Auf dem Kopf eine Inka-Wollmütze. Was ist heute noch komisch? Otto bestellt ein Wasser. „Das Kriterium ist der Zeitgeist“, sagt er. „,Wer Kuli liebt und Frankenfeld,/der hat ein Recht auf Krankengeld’, das kannst du nicht mehr machen, verstehst du, das ändert sich, Grenzen verschieben sich. Die kleine Schlüpfrigkeit am Rande ist aber immer noch sehr angenehm.“

Früher, sagt Eilert, konnte noch das Hohe Lied Salomons karikiert werden. „Es ist einfach schade, dass Witze, die im bildungsbürgerlichen Sinne gewisse Voraussetzungen verlangen, einfach nicht mehr gemacht werden können.“

Ist die Figur „Otto“ mit den fransigen Haaren manchmal auch eine Belastung? „Nein“, sagt er. „Ich kann mich ja hinstellen und mit dem Publikum machen, was ich will. Früher habe ich gedacht, was tue ich, wenn die Haare weniger werden. Aber ich bin ja kein Teenager-Künstler. Jetzt bleiben die Haare, wie sie sind, das ist beständig.“ Und: „Die Frage ist, wie lange man so weitermachen kann. Ich bin jetzt über 50. Aber guck mal, willst du Loriot sagen, ,Loriot, Sie hätten mit 73 aufhören sollen’? Als Humorist hast du weite Wege geöffnet, bis ins hohe Alter.“

Was sind Sie eigentlich, Herr Waalkes? „Stand-up. Blödelbarde. Mir ist es egal, wie Sie mich bezeichnen. Ein Wortkünstler. Comeeeedian. ,Komiker’ ist klasse.“

Eilert: „Oder Urgestein.“

Otto: „Lieber ,Urgesteinchen’.“ Dann geht er mit Bernd Eilert rüber ins Bocca di Bacco. Mittag essen.

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