WLADIMIR KAMINER Schriftsteller : WLADIMIR KAMINER Schriftsteller

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Ich war sieben Jahre alt, als mir mein Vater eine Kalaschnikow schenkte. Er hatte sie während einer Dienstreise in Weißrussland gekauft. Sie war grün, der Lauf aus Plastik, das Hinterteil aus Holz. Ich war beeindruckt. All meine Freunde und Nachbarn beneideten mich.

Man konnte sogar damit schießen. Die Geschosse waren an einer Schnur angebunden. Das Schießen funktionierte mit Luftdruck: Man zog die Kalaschnikow mit einem lauten Geräusch auf – und drückte ab. Es war ein sehr lautes Geschenk. Das ist vielleicht nicht besonders besinnlich, aber in der Sowjetunion feierte man ja auch nicht Weihnachten, sondern Silvester. Beides hat sich zu einem Datum verschmolzen. Bei diesem Feiertag kamen alle auf ihre Kosten: Im Fernsehen hielt die Staatsmacht eine Rede – und alle hörten zu. Es herrschte seltene Einigkeit.

Den Baum kaufte mein Vater bei ein paar Männern im Wald. Zum Fällen fehlte ihm die Axt. Auf unserem Dachboden stand ein verstaubter Pappkarton mit dem Schmuck: rote Sterne und Kugeln. Auf den Kugeln waren der Kreml und das Lenin-Mausoleum abgebildet.

Die Rolle von Väterchen Frost übernahm jedes Jahr ein Arbeiter aus der Firma meines Vaters. Als er mit den Süßigkeiten endlich zu uns kam, war er schon ziemlich betrunken. Väterchen Frost musste eine lange Liste abarbeiten. Oben standen der Direktor, sein Stellvertreter und der Chefingenieur. Bei jeder Station musste er einen mit dem Gastgeber auf ex trinken. Ich sah, dass er sich in dem Kostüm sehr quälte, denn die Maske besaß nicht einmal Nasenlöcher.

Als Kind wusste ich, dass die Geschenke von Mama und Papa sind. Die Russen sind ein misstrauisches Volk; niemand würde daran glauben, dass ein Fremder, egal ob Väterchen Frost oder der Weihnachtsmann, Spielzeug bringt.

Von Wladimir Kaminer, 44, erschien zuletzt „Liebesgrüße aus Deutschland“ (Manhattan).

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