Zeitung Heute : WM-Qualifikation: Der letzte Kick

Helmut Schümann

Es muss ein Augenaufschlag gewesen sein, ein falscher. Oder war es die Nuance eines zu dunklen Hauttyps? Ein schwarzes Haar im hellen Schnurrbart? Es war mit Gewissheit ein Nichts, was einen Engländer glauben ließ, der vorbeieilende Passant sei ein Türke. Erst flog ein Glas, dann ein Stuhl, und weil der Passant Beschützer fand - immerhin bescheinigten ihm einige Harmlosigkeit -, flogen anschließend die Fäuste, traten Stiefel, krachten Tischbeine auf ungeschützte Köpfe.

In Ermangelung anderer Feinde schlugen sich die Engländer unter sich, und um das zu verstehen, muss man wissen, dass zwei Monate zuvor anlässlich des Fußballspiels zwischen Galatasaray Istanbul und Leeds United zwei Engländer erstochen worden waren. Jetzt verlief die Demarkationslinie also zwischen pauschalen Türken-Hassern und differenzierten Türken-Hassern. Von Letzteren riss einer sein Hemd auf und deutete auf die Narben vergangener Schlachten, wohl, um - trotz seiner Beschwichtigungsversuche - seine Linientreue zu demonstrieren. Dann knallte ihm ein Tischbein aus Hartplastik an die Schläfe, und er ging zu Boden.

Die Szene spielte sich im vergangenen Jahr auf dem Place Emile Buisset im belgischen Charleroi vor dem Café de Paris ab, und sie war bei aller Brutalität und Folgeschäden für Menschen, die Kneipe und umliegende Geschäftsscheiben nur ein kleines Scharmützel im Vergleich zu den Schlachten, die europäische Fußball-Begleiter ansonsten schlagen. Es stand an diesem Tag auf dem offiziellen Programm das Gruppenspiel der Europameisterschaft zwischen England und Deutschland, und auf dem inoffiziellen stand der Straßenkampf zwischen englischen und deutschen Hooligans. Und weil beide Programmpunkte traditionell aufs Engste verknüpft sind - wie auch heute, wenn in München die englische Nationalelf gegen die deutsche um die Qualifikation zur Weltmeisterschaft spielt - war Charleroi, wie München am heutigen Samstag sein wird, im Ausnahmezustand.

Alles im Griff?

Starke Polizeikräfte werden, so viel kann man aus der Erfahrung heraus mit hoher Wahrscheinlichkeit vorhersagen, wie damals eine Konfrontation verhindern. 1100 Polizisten und Beamte des Bundesgrenzschutzes werden patrouillieren, Hooligan-Experten aus Deutschland und England unterstützend die Szenerie beobachten. Schon in der vergangenen Woche griffen die Behörden präventiv ein, in England wurden 537 als gewaltbereit bekannten Männern die Reisepässe entzogen, 200 zusätzliche Beamte kontrollierten am Donnerstag und Freitag alle Passagiere, die die Insel verlassen wollten, in Berlin und anderen deutschen Städten wurden Meldeauflagen verfügt. München wird - und auch das ist keine kühne Prophetie -, den Maßnahmen sei Dank, keine Schlacht erleiden.

Möglicherweise wird sie am anderen Ort, fern des Fußball-Geschehens und der Polizei, geschlagen. Das würde zumindest der Selbsteinschätzung der schlagbereiten Szene entsprechen, die sich gerne als Ansammlung ritterlicher Adrenalin-Junkies umschreibt, die sich lediglich mit Gleichgesinnten der fußballerischen Gegenpartei prügele. In der Tat ist es in der Vergangenheit zu verabredeten Schlägereien irgendwo weit entfernt von den Stadien gekommen. Auch hatte etwa die ungefähr 300 Mann starke deutsche Hooligan-Abordnung, die seinerzeit in Charleroi von starken Polizeikräften, Hunden und Wasserwerfern in Schach gehalten wurde, nichts mehr gemein mit dem gängigen Bild des geifernden, stark alkoholisierten Fußball-Schlägers, der sich den Frust über das eigene und oftmals von Arbeitslosigkeit geprägte Dilemma aus dem Leibe schlägt. Die Hool-Szene, wie sie sich in den vergangenen zehn, 15 Jahren herausgebildet hat, ist nahezu professionell durchorganisiert, verfügt über Internet-Zugang und Handy-Anschluss, und ihre Protagonisten sind Kraftraum gestählte Athleten, die das Geld haben fürs obligatorische designte Outfit und fürs ebenso verbreitete Kokain.

Ihre Motivation für das scheinbar absurde Freizeitvergnügen ist oft schon durchleuchtet worden. Am weitesten ist bei der Feldforschung der Amerikaner Bill Buford gegangen, der in den 90er Jahren mit englischen Hooligans durch Europa reiste. Was er berichtete, war gleichermaßen erschreckend wie erhellend. Buford war dabei, wie ein im Alltag wohlsituierter und bürgerlicher Familienvater einem Fan der gegnerischen Mannschaft ein Auge ausbiss, andere wildfremde Menschen, darunter Frauen und Kinder, mit Eisenstangen zusammenschlugen. Und Buford berichtete auch, wie er selbst die Mutation erlebte, wie er immer stärker gierte nach dem Exzess der Entgrenzung. Das Ausloten der Grenzen, an die man sonst im Alltag nicht stößt, hat auch die Frankfurter Soziologin Beate Matthesius als Beweggrund fürs brutale Vorgehen eruiert, wie auch der Buchautor Dirk Schümer: "Um dieses kostbare Gefühl der Entgrenzung geht es den Hooligans, denen sonst längst alles egal geworden ist. Früher ersehnten sich solche Existenzen den Krieg, jetzt landen sie im Fußballstadion."

Oder eben davor oder in den Innenstädten oder fern des Spielortes, seitdem die Stadien ihretwegen zu Festungen ausgebaut wurden und am Spieltag Hundertschaften hochgerüsteter Polizisten Parks, Plätze und Fußgängerzonen überwachen. An weniger brisanten Spieltagen als einem Länderspiel zwischen Deutschland und England kommt es trotzdem immer wieder zu Konfrontationen. Zum Auftakt der diesjährigen Bundesliga-Saison attackierten mit Hertha BSC angereiste Berliner Hooligans Anhänger des FC St. Pauli. Minutenlang war weit und breit keine Polizei zu sehen, zum Nachteil der Berliner, die von der im Straßenkampf erprobten autonomen Szene des Kiezklubs Dresche bezogen.

Verlogene Mythen

Die Selbstdarstellung der Schläger, wonach sie sich nur untereinander bekriegten, ist allerdings ein Mythos. Fehlt der Gegner, muss die Polizei herhalten, um die Sucht nach dem Kick zu befriedigen. Daniel Nivel, ein französischer Gendarm, der 1998 bei der Weltmeisterschaft in Frankreich von deutschen Hooligans fast zu Tode geprügelt wurde, ist heute nach wochenlangem Koma ein geistig und körperlich schwer behinderter Mann. Oder es wird wahllos auf gänzlich Unbeteiligte eingeprügelt. Mitte der 90er Jahre rissen deutsche Hools bei einem harmlosen und deshalb weniger streng bewachtem Freundschaftsspiel zwischen den Niederlanden und Deutschland in Den Haag ohne erkennbaren Anlass einen Zaun nieder und stürmten auf den dahinter liegenden Sitzplatz- und Pressebereich zu. Buchstäblich in letzter Sekunde wurde die Horde von einer Polizeistaffel zurückgeprügelt. Und in Charleroi verdankten zwei deutsche Reporter ihre körperliche Unversehrtheit nur dem glücklichen Umstand, dass sie plötzlich zur Seite gerempelt wurden: Vor ihnen stand ein Fotograf, der niedergeschlagen wurde. Die Kollateralschäden, die die Hooligans bei ihren vermeintlich hehren Fights Mann gegen Mann in umliegenden Cafés und Kneipen hinterlassen, sind dabei noch nicht einmal erwähnt.

Denn auch die Behauptung, sie würden sich am liebsten auf freiem Felde zum ungestörten Schlägern treffen, entspringt mehr den Legenden, die die Hools um sich selber aufbauen. Medienpräsenz möchten sie schon auch haben, wenn die Wildesten unter ihnen ihre vermeintliche Verwegenheit zur Schau stellen. Und es wird wohl nicht zu klären sein, ob die Inflation von Kameras an den Brennpunkten den Auftritten von Hooligans nur folgt oder sie mitbefördert. In Charleroi schien zumindest jede europäische Fernsehstation ein Team zum Place Charles II. entsandt zu haben, wo englische Fans im südlichen Teil des Platzes tranken, deutsche im nördlichen, ein Polizeikordon die undurchlässige Grenze sicherte und auf dem Rest des Platzes zahlreiche Schauderlustige auf die Eskalation warteten. Deshalb ist es wieder keine wilde Spekulation vorherzusagen, dass heute im Olympiapark vor dem Stadion, auf dem Marienplatz, dem Viktualienmarkt und der Leopoldstraße in München etliche Kamerateams das Geschehen beobachten - natürlich nur auf der Suche nach den schönen Bildern deutsch-englischer Fußballfreundschaften.

Die wird es ganz sicherlich geben. Weil der Teil der befriedeten Zuschauer ja auch der weitaus größte ist. Der Teil braucht zu seinem Glück 90 Minuten, möglichst Spannung, die einen ein paar Tore für die deutsche Elf, die anderen ein paar Tore für die Engländer, vielleicht noch ein Bier dazu, eine Bratwurst, schönes Wetter. Der kleinere Teil braucht mitunter nur einen Augenaufschlag, einen falschen.

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