Zeitung Heute : Wo beginnt der Osten?

Eigentlich liegt die polnische Stadt Przemysl an der Grenze zur Ukraine, wo noch nie einer war. Jetzt soll sie plötzlich zum Westen gehören. Denn heute stimmt Polen über den EU-Beitritt ab. Das bringt einiges durcheinander. Ein Besuch am Rand der Welt.

Stefanie Flamm[Przemysl]

Deportazija. Schwer wie ein nasser Lappen hängt das Wort in dem ukrainischen Linienbus, auf dem Weg nach Polen. Als der Fahrer einmal scharf auf die Bremse tritt, kullert eine Ladung Babyschnuller durch den Gang, mehrere Wodkaflaschen gehen zu Bruch. Doch das regt keinen auf. Die Leute im Bus haben sich an den Geruch von Schweiß und Schnaps gewöhnt, der sich auf jeder Tour tiefer in die Polster frisst. Aber eine Deportazija, eine Ausweisung wegen illegalen Handels, wäre für sie der Ruin, sagt Natascha Sawka. Sie ist sehr blass. Ihre Füße stecken in weißen Plastiksandalen, die am Rand so schwarz sind wie ihre Fingernägel. Auf ihrem Schoß sitzt eine karierte Wachstuchtasche, fast so groß wie sie selbst. Natascha Sawka ist seit fünf Jahren zwischen Lwow und Przemysl unterwegs. Alle zwei bis drei Wochen fährt sie zurück in die Ukraine, um Ware zu holen – riesige Büstenhalter mit glänzenden Plastikkörbchen. Normalerweise schafft sie es, in zwei Tagen wieder auf dem Ukrainermarkt im polnischen Przemysl zu sein. Aber diese Woche ist es wie verhext. „Es geht um Zigaretten", glaubt Frau Sawka. Und es geht um viel mehr.

Wenn die Polen sich bei dem Referendum, das heute Abend zu Ende geht, für eine Mitgliedschaft in der EU aussprechen, wird bei Przemysl nächstes Jahr die europäische Außengrenze liegen: 15 Zugstunden hinter Berlin, eine Tagesreise von Warschau, zehn Autominuten vom Ukrainermarkt entfernt. Aus Lwow fährt man, wenn der Bus unterwegs keinen Motorschaden hat, eine gute Stunde bis zur Grenze nach Medyka, ein kleiner Ort im äußersten Südosten Polens, direkt neben Przemysl. Jedem, der sich in Brüssel mit Grenzfragen beschäftigt, ist er seit Jahren ein Begriff. Selbst Otto Schily war schon hier, um sich anzusehen, wie die Dinge vorangehen. Denn in Medyka trainiert Polen für die EU. Die Bedingungen sind seit Jahren klar: Wenn das Land teilhaben will am kontrollfreien Reiseverkehr zwischen Warschau, Berlin und Paris, muss es seine östlichen Grenzen ordentlich bewachen. Drei Millionen Euro „Heranführungshilfe" hat Polen zur Sicherung seiner 1143 Kilometer langen Außengrenze bekommen, bis Ende 2006 sollen es drei Milliarden werden. Auch die neue Abfertigungshalle in Medyka wurde von diesem Geld finanziert: ein blitzsauberes Ungetüm aus glasiertem Backstein und Dächern in Interregio-Farben, das auf den ersten Blick große Ähnlichkeit mit einem Gebrauchtwagenmarkt hat. Reisebusse älterer Baujahre, Privatwagen und die ausgemusterten Lieferwagen der Bäckereien „Schmidtbrot“ und „Hubert Prichel“ aus Kitzbühel warten auf ihren Transfer in die Ukraine. Ansonsten ist die Motorisierung in dieser Gegend noch nicht so weit fortgeschritten. Einzelne Bauern führen einzelne Kühe über die Wiesen, Eggen und Pflüge werden von Ackergäulen gezogen. Landwirtschaft ist Handarbeit, Milchseen und Butterberge sind weit weg. Europa ist hier vor allem Wille und Vorstellung. Man könnte auch sagen Fiktion.

Der Nagel im Schnitzel

In Galizien, dem ehemals östlichsten Kronland der Habsburger Monarchie, gibt es keine über Jahrhunderte verbürgten Grenzen. Hier findet man immer eine Tradition, die älter ist. Genau wie Lwow, das ehemalige Lemberg, aus dem heute noch die meisten Busse kommen, hat auch Przemysl zu verschiedenen Zeiten verschiedenen Herrschern gehört: ruthenischen Fürsten, polnischen Königen, österreichischen Kaisern, Diktatoren aller Couleur. Bis die dritte Teilung Polens, 1939 im Hitler-Stalin-Pakt, die beiden Städte verschiedenen Lagern zuordnete, stand Przemysl immer im Schatten der großen, prächtigen Schwester Lwow. Lwow war die Hauptstadt Galiziens, Joseph Roth hat lange hier gelebt, in seinen Büchern spielt die Stadt eine wichtige Rolle. Przemysl war dem Reisereporter Emil Franzos nur deshalb in Erinnerung geblieben, weil er auf der Durchreise dort einmal einen Nagel in seinem Schnitzel gefunden hat. Franzos war Anfang des 20. Jahrhunderts auf dem Weg nach Lwow. Anfang des 21. Jahrhunderts geht der Trend in die andere Richtung. Denn formal wird Przemysl bald Westen sein und Lwow immer noch Osten. Und der Osten liegt auf der emotionalen Landkarte der Gegenwart irgendwo zwischen Nostalgie und Verachtung, vom Osten träumt man vielleicht, aber dorthin fährt man nicht.

Aus dem Osten kommen die Frauen mit ihren großen karierten Plastiktaschen, er riecht nach Armut und Dreck. Fast jedes Land hat seinen Osten. Er ist das finstere Gegenstück zum eigenen, relativen Wohlstand, eine verdrängte Angst, die über Nacht zurückkommen kann, aber er ist schon lange kein geografischer Begriff mehr. Für die Italiener liegt der Osten in Albanien, für die Slowaken in Rumänien, für die Deutschen in Polen. Für Westpolen beginnt er hinter Warschau, für Warschau hinter Krakau, von Krakau aus gesehen, liegt Przemysl eigentlich schon in der Ukraine. Doch umgekehrt ist der Andrang aus der Ukraine immer noch groß. Sechs Millionen Grenzgänger pro Jahr, das ist zu viel für Europa. Am 1. Juli führt Polen für die Ukrainer wieder eine Visumpflicht ein.

„Es ist unser Ziel, den Grenzhandel in den nächsten Monaten um 70 Prozent zu reduzieren“, sagt Major Janusz Sobejko. Seine braune Uniform spannt sich ein bisschen unter der stolz geschwellten Brust. Er hat die Zahlen ohne Zettel parat. An den 250 Grenzkilometern, für die er verantwortlich ist, arbeiten zwölf Einheiten. Neue Schneemotorräder haben sie letztes Jahr schon bekommen, 200 neue Grenzer werden noch eingestellt. Was der Major nicht sagt: Die knapp 67000 Einwohner von Przemysl leben zu großen Teilen vom Grenzhandel, den zu unterbinden seine heilige Pflicht ist. Denn die ukrainischen Händler bringen nicht nur Waren, sondern auch Geld in die Stadt. Sie übernachten hier und kaufen Konsumgüter, die es bei ihnen nicht gibt.

Ihr Terrain beginnt auf dem löchrigen Asphalt des Busbahnhofs, ihre Erkennungszeichen sind Säcke, Kartons, rot-blau karierte Taschen, zerknitterte Plastiktüten, darin sind je nach Saison Gartenschläuche, Badeschlappen, Damenunterwäsche, Zigaretten, Wodka und in guten Zeiten auch Kaviar. Doch die besten Zeiten sind vorbei. Seitdem die Polen mit der „Deportazija“ nicht mehr kleinlich sind, ist auf dem Markt nebenan nicht mehr jeder Stand besetzt. „Zigaretten“ flüstern die Frauen hinter dem Bahnhof, in der Hand hält jede eine Tafel polnische Schokolade. Zigaretten waren immer schon heikel, sagt Natascha Sawka, die Schmugglerin aus dem Bus. Sie hat sich das nie getraut, obwohl Zigaretten wegen der größeren Gewinnspannen immer das beste Geschäft waren.

In Lwow kostet eine Schachtel Lucky Strike regulär gut zwei Griwna, knapp 50 Cent. In Przemysl kosten die gleichen Zigaretten gut einen Euro, auf dem Weg über Krakau und Breslau, das Wohlstandsgefälle hinauf bis an die deutsche Grenze, ist noch einiges drin. Solange der Preis nur fühlbar unter der Drei-Euro-Marke liegt, finden sich auch vor Görlitz, Guben und Frankfurt/Oder noch Käufer. Natascha Sawkas Büstenhalter sind länger unterwegs. Sie kommen aus China, werden über Istanbul und das Schwarze Meer zuerst nach Odessa geschafft. In Przemysl kosten sie dann acht Zloty, gut zwei Euro, und sehr viel teurer dürfen sie auf dem Weg nach Westen nicht mehr werden.

Frau Sawka ist nervös. Es ist zwei Uhr in der Nacht, um vier Uhr kommt der Kollege, der die Büstenhalter von Przemysl weiter nach Westen verfrachtet, und sie steht noch immer auf der ukrainischen Seite. Wenn sie es heute schon wieder nicht schafft, zumindest einen Teil ihrer Ware nach Polen zu bringen, wird sie diese Woche nur Verluste machen. Aber sie sieht schwarz. Die dicke Grenzerin hat Dienst. Ausgerechnet. Langsam marschiert sie hinter ihrem Tresen auf und ab, in der einen Hand eine Kippe, in der anderen einen Stock. Die Fronten sind klar: Hier die Neueuropäerin, die eine ordnungsgemäß versteuerte Slimeline-Zigarette raucht, dort ein Häufchen Elend, das angeblich nichts zu verzollen hat. Beide Seiten kennen sich seit Jahren, die Dicke hat sogar Spitznamen für die Händlerinnen. Natascha Sawka heißt nach ihrer Heimatstadt „Iwano-Frankowka“. Sie muss den dritten Tag in Folge ihre Taschen öffnen. Vorgestern hatte sie noch zehnmal so viele Büstenhalter dabei, gestern nur noch doppelt so viele. Wenn die Polen heikel sind, versucht sie es mit täglich kleiner werdenden Portionen. Das ist immer noch illegal, aber es ist ein Spiel, auch die Grenzerin kennt die Regeln. „In Ordnung“, sagt sie schließlich. Natascha Sawka kommen die Tränen. Erleichtert? Die Nerven, sagt sie. Das drohende Visum, die Müdigkeit. Die schmale blonde Frau hat wahrscheinlich noch nie darüber nachgedacht, dass sie mit ihren 38 Jahren auch etwas anderes machen könnte, als sich am Dienstmädcheneingang nach Europa demütigen zu lassen. „Ihr im Westen habt gut reden“, sagt sie. Wir im Westen.

Wenn der Osten das Verdrängte des Westens ist, ist der Westen für den Osten so etwas wie ein fremdes Über-Ich: eine unberechenbare Instanz, die Visumpflichten einführt, eine Macht, die Preise für riesige Büstenhalter vorschreibt, ein Ort, wo die Toiletten immer sauber und die Berge aus Butter sind. Auch Westen ist eine Projektionsfläche für Sehnsüchte und Ängste. Katerina, eine polnische Bäuerin aus der Umgebung, fürchtet die Konkurrenz der westlichen Supermärkte, Janusz Mlynarski, ein ehemaliger Journalist, erhofft sich vom Westen Ordnung und Arbeit. Im Hotel Gromada riecht der Westen vor allem nach Sagrotan.

Die Hygienevorschriften aus Brüssel scheinen den Eigentümern dermaßen zu Kopf gestiegen zu sein, dass sie die Verkehrsräume gleich bis zur Decke mit Kacheln verkleidet haben. Seitdem herrscht eine Atmosphäre wie in einem Schwimmbad, dem man gerade das Wasser abgelassen hat. Die Präsidenten der Ukraine und Polens treffen sich hier regelmäßig. Meistens findet dann eine dieser Gute-Laune-Konferenzen statt, auf denen Grenzen schnell zu Brücken, Grenzstädte zu Brückenköpfen und Risiken ganz allgemein zu Chancen werden. Die Wirklichkeit zwischen beiden Ländern sah oft anders aus. Denn es gibt außer im ehemaligen Jugoslawien wenige Orte, wo sich die ethnischen Säuberungen des 20. Jahrhunderts so tief ins kulturelle Gedächtnis gegraben haben, wie im ehemaligen Vielvölkerstaat Galizien. 1939 holte Hitler die Deutschen „heim ins Reich“, von den Juden blieben nach dem Zweiten Weltkrieg nur die Friedhöfe, in den späten 40er Jahren haben Polen und Ukrainer sich gegenseitig grausam vertrieben. Und als sich Mitte der 90er Jahre in Przemysl die Übergriffe auf die 3500 in der Stadt lebenden Ukrainer wieder häuften, hatte Przemysl bald einen so schlechten Ruf wie Frankfurt/Oder in Deutschland. Doch die Nationalisten haben sich schnell wieder beruhigt. Das Geschäft mit den Ukrainern lief einfach zu gut.

Der Glanz der frühen Jahre

Przemysl war lange einer der größten Marktplätze Mitteleuropas, über Lwow und Odessa kamen vietnamesische Elektronik, türkische Stoffe, Schildkrötenfleisch und das übliche Programm: ukrainische Zigaretten, russischer Wodka und Waffen. In umgekehrter Richtung, von West nach Ost, wurden die darniederliegenden Volkswirtschaften der Ukraine, Russlands und Moldawiens über Przemysl vom Autoreifen bis zum Schokoriegel mit all dem versorgt, was sie selber nicht mehr herstellten. 1994/95, als die Staaten der ehemaligen Sowjetunion die Zollschranken wieder hochzogen, gab es auf der polnischen Seite dann schon den ersten kleinen Gründerkrach. Viele prächtige Häuser, die in diesen Jahren an dem Hang hinter dem alten Königsschloss errichtet wurden, haben bis heute noch kein Dach. Eines davon gehört Josef Olech, einem Mann um die 50, dem das graue Haar auf dem Kopf sitzt wie ein Helm. Er war, sagt er, einmal reich: eigenes Speditionsuntenehmen, Spezialität Ost-West-Handel, eigenes Hotel plus Barvermögen von einer halben Million Dollar. Auch er hat wie so viele in Przemysl offenbar gut von der Grenze gelebt. Jetzt sitzt mit einem stadtbekannten Trinker und einer Gitarre in der „Snackbar“ von Przemysl, die, wenn man es genau nimmt, eine ziemlich finstere Drinkbar ist, und singt patriotische Lieder. An der Wand leuchtet eine Werbung für Grolsch-Bier, darunter steht ein Spielautomat. Hinter das Kruzifix über der Theke, hat der Wirt zwei Europafähnchen gesteckt. Olech hält das für Kitsch. Er sieht sich als Opfer von Europa. Aber er ist wohl auch ein Opfer der Euphorie der ersten Jahre. Während der Handel boomte, hat in Przemysl niemand an die Zukunft gedacht. Heute ist Przemysl fast deindustrialisiert, die Infrastruktur ist zerstört. Zeitungen haben ihre Büros geschlossen, das Theater und die Fachhochschule sind so gut wie außer Betrieb. 20 bis 30 Prozent der Bevölkerung sind arbeitslos. Wenn der Handel bald ganz zum Erliegen kommt, gibt es hier fast nichts mehr zu tun.

Bürgermeister Robert Choma spricht von großen Fehlern, die gemacht wurden. Er trägt eine schöne Krawatte und einen flotten Mecki-Schnitt. Choma hat gut reden. Er war noch ein hoher Ministerialbürokrat im Arbeitsamt in Warschau, als seine Vorgänger sich in Przemysl darauf verließen, dass Brüssel hier irgendwann schon das Geld in Säcken vorbeibringt. Viele Fördertöpfe der EU, sagt er, seien in den letzten Jahren nur zu drei Prozent ausgeschöpft worden. Da sei viel mehr drin. Robert Choma plant, sein schönes, aber bitterarmes Städtchen mit Unterstützung aus Brüssel zur Touristenhochburg aufzurüsten. Die Festungsanlage aus Habsburger Zeiten soll zur Attraktion ausgebaut werden, Festivals und ordentliche Mittelklassehotels Reisende anlocken. Kultur im Sommer, Schneewandern im Winter, lautet die verzweifelte Devise einer Stadt, die politisch bedeutend, wirtschaftlich aber am Ende ist. Aus dem polnischen Frankfurt/Oder soll dann so etwas wie ein polnisches Ischgl werden.

Längerfristig träumt der Bürgermeister von einem Skilift.

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