Zeitung Heute : Wo, bitte, geht’s zum Sitzplatz? Orientierung per Handy

Der Tagesspiegel

Von Krystian Woznicki

Ron Sommer dozierte neulich bei einer Pressekonferenz in München ausnahmsweise mal über Fußball: „Der FC Bayern München ist derzeit eine der spannendsten und attraktivsten Kommunikations- und Sponsoring-Plattformen auf dem deutschen und europäischen Markt.“ Was der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Telekom bei dieser Andeutung im Hinterkopf hatte, dürfte sich mittlerweile als der 120-Millionen-Euro-Vertrag des FC Bayern München herumgesprochen haben – ein alle bisherige Dimensionen des Sport-Sponsorings sprengender Deal, der den Telekom-Chef tagträumen ließ. Er versprach, Bayern-Spiele, Pressekonferenzen und Mannschafts-Interviews per Web-TV im Internet zu senden. Und die Kicker mit dem T-Mobile-Logo auf ihrer Brust sollen weltweit auf den Handy-Displays der Fans zu sehen sein.

Viel hängt bei diesem Angebot von der Durchsetzung der UTMS-Technologie ab, doch gibt es auch eine Reihe von geplanten Diensten, die weniger futuristisch anmuten: In naher Zukunft können Fans per Handy Tickets für Bayern-Spiele bestellen und die Eintrittskarten gleich online bezahlen. Mit so genannten Location Based Services, also Mobilfunkdiensten, die sich auf den aktuellen Standort des jeweiligen Kunden beziehen, wird ihnen künftig Orientierungshilfe geboten (siehe Kasten).

Hätte irgendein Fußballfan vor einigen Jahren diese multimediale Rundumbetreuung erwartet? Ein Blick zurück: Während der EM 2000 verschickte ein Mobilfunkanbieter SMS-Nachrichten wie: „Fussball Interaktiv. Heute: Chausseestr.96. Sei da!“ Wer dieser Einladung folgte, dürfte heute über den Vorstoß der Telekom nicht sonderlich überrascht sein. In einem Fitness-Park des weltgrößten Sportartikelherstellers war ein Fußball-Platz gelandet, der eine Zeitreise ins nächste Jahrhundert hinter sich gebracht zu haben schien. Er war gleichmäßig in zwölf Stationen aufgeteilt, die die Spielleiter allen Besuchern als Interactives vorstellten. Bevor man sich daran machen konnte, den interaktiven Parcours zu durchlaufen, hatte man in die Rolle eines Agenten zu schlüpfen und einen Auftrag entgegen zu nehmen. Dann ging es los: Antreten gegen intelligente Roboter, maschinell präparierte Schussvorlagen in Tore verwandeln oder an einem überlebensgroßen Flipperautomaten seine Reaktionsschnelligkeit testen. Gleich daneben hatte die Viag-Interkom-Tochter Loop ihr Lager aufgeschlagen.

Der Handy-Anbieter setzte ebenfalls alles auf Interaktion rund ums Thema Fußball. In bunt-grellen Farben waren aufblasbare Mini-Häuschen und Fun-Skulpturen aufgestellt worden. Spektakulär war ein transparenter Riesenfußball, den man besteigen konnte, um darin dann von einem skischanzenähnlichen Abhang runter zu rollen. Besonders erinnerungswürdig war dagegen ein anderes Objekt: Ein überdimensional großer Kicker-Tisch in grün, rot und blau, bei dem die Positionen der Spielfiguren durch Jugendliche eingenommen wurden. Kids standen Schlange und konnten von dem Spiel nicht genug bekommen. Überhaupt dürfte die Rechnung bei dieser Promo-Aktion für mobile Telekommunikation aufgegangen sein: Ausgesprochen erfolgreich appellierte der Mobilfunkanbieter an die Fußball-Begeisterung seiner minderjährigen Zielgruppe.

Dass man den Fußballfan aber auch ganz anders im Mobilkosmos verorten kann, zeigt wiederum „Tigertxt“. Wie Rachel Baker, der Kopf dieses SMS-Projekts, zu verstehen gibt, „können sich Fans schnell in Gemeinschaften formieren und selbst organisieren. Ich blicke auf die Masse im Stadion“, so die Künstlerin weiter, „und stelle mir vor, wie die selbe Masse für eine gute Sache auf die Barrikaden geht.“ Auf dieses Potenzial setzte Baker, als bekannt wurde, dass ein Korruptionsskandal die Existenz eines Fußballvereins in Nordengland gefährdete. Sie begann daraufhin, Treffen einer Selbsthilfegruppe zu besuchen, die sich zur Aufgabe gemacht hatte, den Untergang des Hull City FC abzuwenden.

Als sie im vergangenen Jahr dort den Redakteur von Amber Nectar – das vor Ort bekannteste Fanzine des Fussballclubs – traf, entstand zwischen ihnen eine Partnerschaft mit dem Ziel, das von den Stimmen der Fans lebende Printmedium mit dem Handy kurz zu schließen. „Tigertxt“ sollte alle Hull City FC-Anhänger über eine SMS-Mailingliste miteinander verbinden und die Stimme dieser Gemeinde in elektronischen Kurznachrichten Gestalt annehmen lassen. Ein Konzept, das den Nerv traf und wohl nicht zuletzt deswegen ein richtiger Hit wurde, weil die Ökonomie der 160-Zeichen-SMS den Sprechchören der Fans entspricht.

Obwohl der ehemalige Sheffield United-Funktionär Adam Pearson mit einer großzügigen Finanzspritze den Hull City FC vor dem Ruin gerettet hat, nimmt Bakers Projekt unabhängig von dieser Entwicklung seinen Lauf. Als Inspirationsquelle könnte es vielleicht Telekom-Chef Ron Sommer dienlich sein, der gerade wegen Fehleinschätzungen den T-Mobile-Börsengang abblasen musste. Das schreckt die Verantwortlichen des FC Bayern München allerdings nicht ab, von einer Fußballübertragung per Handy und multimedialem Breitband zu träumen. Auch andere Bundesligavereine werden sich diesem Trend wohl nicht entziehen können, mit welchem Sponsor auch immer.

Was bieten Vereine? Aktuelle Egebnisse und Spielstände, den Spielplan der Bayern, sowie interne Top-Nachrichten gibt es unter: http://wap.fcbayern.de .

Telekommunikationsfirmen. In Zukunft will der FC Bayern mit T-Mobile das mobile Angebot erheblich erweitern: mit dem Bestellen/Bezahlen von Eintrittskarten. Location Based Services werden den schnellsten Weg zum Stadion, zum nächsten Parkplatz, zur U-Bahn oder zum Stadion-Sitzplatz anzeigen. UMTS-Handys sollen Spiele live ausstrahlen.

Sportmedien. Ein SWR3-Service informiert über die Zwischenstände der Fußball-Bundesliga: www.swr3.de/startpage/index.html?/info/service/sms/fussball.html . kw

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben