Zeitung Heute : Wo bleibt Super Mario?

Der neue Gameboy will die älteren Spieler ansprechen

Gregor Wildermann

Was haben die beiden japanischen Städte Kioto und Tokio gemeinsam? Wenig, wenn man einmal davon absieht, dass sich ihre Namen aus den gleichen Buchstaben zusammensetzen. In Größe, Mentalität und Struktur könnten die beiden Städte hingegen kaum unterschiedlicher sein. Umso mehr überrascht es, dass eine moderne Unterhaltungsfirma wie Nintendo im von Tradition und Religion geprägten Kioto beheimatet ist und nicht in Tokio. Und die Gegensätze setzen sich in der Eingangshalle des im Süden der Stadt gelegenen Hauptquartiers fort. Direkt an einer großen Kreuzung liegt das massive weiße Gebäude, das man über eine Eingangshalle mit weißem Marmor betritt, und wo die aufgehängten Blumenbilder direkt auffallen. Blumen? Wo sind übergroße Figuren von Mario, Zelda und Donkey Kong oder eine Ausstellung diverser Gameboys und Konsolen?

Dabei begann alles mit Blumen. Im Jahre 1889 gründete Fosajiro Yamauchi eine Firma zur Produktion traditioneller Hanafuda-Spielkarten. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg übernahm Hiroshi Yamauchi das Geschäft vom Großvater und erhielt 1959 von Disney einen Auftrag Spielkarten mit Plastikblumen auf der Rückseite. Die enormen Gewinne setzte er für die Gründung von Nintendo Company Ltd. ein. Anfang der 80er Jahre folgte der große Schnitt: Yamauchi stieg in das Geschäft mit elektronischen Spielzeugen wie der „Game & Watch-Serie“ ein. Das war die Geburtsstunde der ersten kleinen Handheldspiele, der Vorläufer des 1986 eingeführten Gameboys.

Neben der eigenen Spielsoftware und den größeren Heimkonsolen sind die weltweit 100 Millionen verkauften Gameboys weiterhin die Basis des Erfolges von Nintendo. Den will das Unternehmen mit dem neuen, in der vergangenen Woche in Deutschland eingeführten Gameboy fortschreiben.

Als gelernter Industriedesigner ist Kenichi Sugino seit Anfang der Neunziger Jahre an der Entwicklung des Gameboy beteiligt und hat bereits unter seinem Erfinder Gunpei Yokoi gearbeitet. Das radikal neue Design des faltbaren GBA empfindet er als sehr gelungen. Denn erst das „Superior Product“ bietet die längst fälligen technischen Neuerungen wie Displaybeleuchtung und eingebauten Akku. (siehe Kasten).

Mit dem neuen Gameboy zielt Nintendo auf eine erwachsene Zielgruppe, die mit den alten Gameboys aufgewachsen ist und den Geschmack an technischen Spielereien nicht verloren hat. Für rund 32 Millionen Dollar ließ man sich sogar eindeutig zweideutige Werbebotschaften einfallen. Wenn Männer nachts noch neben der halbnackten Frau zum hell erleuchteten Gameboy greifen, ist das laut Nintendo das Zweitbeste, was man dann im Dunklen machen kann. Doch sind damit auch die Zeiten von Pokémon & Co vorbei? Chefdesigner Sugino glaubt das nicht: „Es gab nie die Vorgabe, nur noch Erwachsene anzusprechen.“ Der GBA SP soll eine möglichst breite Zielgruppe erreichen. „Deswegen bin ich auch auf diesen sehr simplen Designentwurf gekommen. Wir würden ja nie absichtlich ein Produkt entwerfen, das Kinder ausschließt.“

Konkurrenz von Nokia & Co.

Drohende Konkurrenz von Gamehandys wie dem auf der Cebit unlängst vorgestellten N-Gage-Modell von Nokia scheint Nintendo nicht zu fürchten. Allein in Japan wurden seit Anfang Februar gut 365 000 neue Gameboys verkauft. Noch höhere Verkaufszahlen wurden nur dadurch verhindert, dass die Produktion in China mit der unerwartet hohen Nachfrage nicht Schritt hielt.

Ganz der Tradition der Gegensätze folgend sieht Kenichi Sugino beim Blick in die Zukunft des Gameboy in eine ganz andere Richtung. „Man fragt mich immer wieder, was ich als nächstes plane oder wie der perfekte Gameboy aussehen könnte. Man darf dabei nicht vergessen, dass der Gameboy immer als unkomplizierte Spielgelegenheit gedacht war und dies auch bleiben sollte.“

Viel wichtiger ist darum nach Suginos Ansicht auch die Frage: Welche Spiele will man auf dem Gameboy spielen? „Das ist die wirkliche Antwort auf die Frage nach dem ultimativen Gameboy. Ich würde sogar sagen, das es den perfekten Gameboy nicht geben kann, da unsere eigene Vorstellungskraft sich immer wieder Spiele wünscht, die man erst noch entwickeln muss.“ So gesehen dürfte auch die Entwicklung des Gameboy kein Ende haben.

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