Zeitung Heute : Wo das Bauen eint

In der Mitte ist eine Stadt für alle entstanden

Bernhard Schulz

Fünf Millionen Einwohner sollte Berlin in kurzer Zeit zählen, Hunderttausende neue Arbeitsplätze sollten entstehen, Hochhäuser in die Höhe schießen. An Visionen mangelte es nicht, nach der Wiedervereinigung. Hoffnungen, Erwartungen, aber auch Ängste beherrschten die Gemüter. Es dauerte Jahre, bis Nüchternheit einkehrte. Es kam alles nicht so großartig, wie die Gipfelstürmer erwartet, aber auch längst nicht so grundstürzend, wie deren Widersacher befürchtet hatten. 16 Jahre nach der Einheit hat Berlin ein neues Gesicht, mehr noch: Die Stadt hat sich daran gewöhnt.

Die einschneidendste Veränderung war zweifellos die Rückkehr der Hauptstadt. Sie hat Berlin nicht nur baulich tiefgreifend verändert, sondern auch im Bewusstsein der Öffentlichkeit. Berlin hat wieder eine genuine Aufgabe jenseits derer, Schaufenster „des Westens“ wie „des Sozialismus“ spielen zu müssen. Hier wird regiert, konferiert, entschieden und protestiert; aber das ist Alltag geworden. Manchmal störend, aber doch selbstverständlich. Der Horizont hat sich geweitet.

Städtebaulich wohl am bemerkenswertesten ist, dass das immer schon polyzentrische Berlin noch einmal vielfältiger geworden ist. Neben die City-West und die wiederbelebte Alte Mitte hat sich ein „Zwischenbereich“ geschoben, entlang der früheren, teilungsbedingten Brachflächen. Er reicht vom Potsdamer Platz im Süden bis zum Hauptbahnhof im Norden und umfasst mithin alle denkbaren städtischen Funktionen, vom Einkaufs- und Vergnügungszentrum am Potsdamer Platz über die symbolische und nicht allein für Touristen höchst attraktive eigentliche „Hauptstadt“ zwischen Reichstag und Kanzleramt. Kein Bereich charakterisiert das neue Berlin besser – denn es ist ein von der Vergangenheit wenig überlagerter. Dieses neue Berlin gehört der ganzen Stadt, unabhängig von der Reserviertheit, die die Bewohner der früheren Halbstädte noch immer beim Wechsel in die jeweils andere Hälfte empfinden mögen.

Abgesehen von der vollständigen Neubebauung der „Zwischenzone“ hat die Alte Mitte die größten baulichen Veränderungen erfahren. Die Friedrichstraße, deren Aufwertung noch in der Endzeit der DDR begann, ist neuerlich zu einer Lebensader der Stadt gewachsen. Die Befürchtung, dass hier nichts als Büroraum entstünde, hat zum Glück getrogen: Was einst die Leipziger Straße war, die vor der Nazi-Zeit als „Kaufstraße“ Berlins galt, ist die heutige Friedrichstraße zwar nicht ganz, aber doch in einem bemerkenswerten Maß geworden. Und zu sehen und zu hören ist, wie viel Berlin seiner enorm gesteigerten Anziehungskraft verdankt: an der Zahl der Touristen, die gerade hierher zum Einkaufen kommen.

Zum Flanieren ist es nicht weit zur Prachtmeile Unter den Linden um die Ecke. Auch hier gibt es, vom Pariser Platz bis zu den restaurierten Kulturbauten etwa des Zeughauses, viele Aufwertungen. Das Alte, Geschichtsträchtige, das hier lockt, ist durchweg Saniertes – und bezeichnet damit die andere Seite des Baubooms: die Restaurierung. Vom Brandenburger Tor über den Gendarmenmarkt bis zu den Großbauten des Finanz- und des Außenministeriums: Überall wurde vorhandene, oft dem Verfall preisgegebene Substanz ins urbane Leben zurückgeholt. Das wird oft übersehen, zumal Neu-Berliner die Geschichte gern als etwas immer schon Vorhandenes wahrnehmen. Für Berlin trifft das nicht zu. Die Stadt – und das ist vielleicht die größte Leistung der Stadtbaupolitik – hat sich ihrer Geschichte versichert und eine Brücke zwischen Vergangenheit und neu geschaffener Zukunft geschlagen. Im Großen und Ganzen hat eine metropolitane Gelassenheit Einzug gehalten.

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