Zeitung Heute : Wo das Beten sich noch lohnt

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Doch, doch, es gibt noch ein paar markante Orte in Deutschland, die nicht auf -arena enden. Einer ist in Leipzig. Da steht die Nikolaikirche – ziemlich mittig im Stadtzentrum steht sie. Hier, genau hier, haben sie montags immer gebetet, im großen Wendejahr ’89. Und dann sind sie losgezogen zur Demo, jeden Montag, bei Wind und Wetter, so lange, bis in Berlin die Mauer fiel. Als die Mauer dann gefallen war, haben sie mal kurz mit dem Demonstrieren aufgehört, mit dem Beten aber nicht. Es gibt einfach noch zu viele, um die man sich kümmern muss: die Wendeverlierer, die Arbeitslosen, die Erniedrigten, die Beleidigten, und, kürzlich erst, die beiden nach 100 Tagen des Schreckens freigekommenen Irakgeiseln Thomas Nitzschke und René Bräunlich – „für die Nöte der Welt können sie Tag und Nacht auf der Straße liegen“, sagt der Pfarrer von Nikolai, Christian Führer, ein mutiger, nimmermüder Mann. Das mit dem Beten in Leipzig hat sich herumgesprochen, und dass die Gebete offenkundig recht oft erhört werden dito. „Wenn ihr betet, dann wird’s auch was“, hat jüngst ein Besucher aus Weißrussland dem Pfarrer von Nikolai anvertraut und eine zaghafte Anfrage daran geschlossen, ob nicht vielleicht auch sein Land mit ins Gebet aufgenommen werden kann. In Weißrussland liegt noch ziemlich viel im Argen.

Leipzig ist WM-Stadt. Zidane, den viele noch immer für einen Fußballgott halten, muss heute mit seiner Equipe Tricolore gegen Südkorea ran. Drinnen, in der Nikolaikirche, hängen die Fahnen Frankreichs und Südkoreas und die von sechs weiteren in Leipzig antretenden Nationen auch. Sie haben auch ein Mobile mit Fußballbezug installiert – fünf, die verschiedenen Erdteile symbolisierende Bälle nebst kleinen Schildern, auf denen auf Deutsch und Englisch die Begriffe „Freude“, „Fairness“ und „Offenheit“ geschrieben sind. Draußen an der Fassade von Nikolai hängt ein Plakat, auf dem ein Fußballfeld in die Umrisse einer Kirche gezeichnet ist – lassetdiekickerzumirkommen lautet die Botschaft. Und was dann? Die Frage liegt also so fern nicht, ob in der Kirche wohl auch immer mal für den Sieg des eigenen Teams die Hände gefaltet worden sind. „Zum Glück“, sagt Pfarrer Führer, „weiß ich das nicht. Der Mensch kann mit all seiner Trauer und Not in die Kirche kommen, da gibt es keine Zwischeninstanz“. Führer wird die Fahnen nach dem Achtelfinale abhängen, dann soll’s gut sein mit dem Fußball. Er selbst wird vorher noch bei Angola – Iran im Stadion sein. Wir müssen weiter nach Bad Dürrnberg.

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