Zeitung Heute : Wo der lustige Cowboy plaudert

Der Tagesspiegel

Am Anfang der Sendung „Gabi Bauer“ stand Otto Schily neben Gabi Bauer, und Gabi Bauer sagte zu Otto Schily: „Wir stehen hier jetzt dumm rum, lassen Sie uns doch ins Studio gehen.“ Am Ende der Sendung sagte Gabi Bauer, die 30 Minuten seien jetzt leider um, und Otto Schily sagte zu Gabi Bauer: „Wir können ja in die Verlängerung gehen.“

Otto Schily hat sich sichtbar pudelwohl gefühlt am späten Mittwochabend in der ARD. Und Gabi Bauer? Die fragte „Leben Sie in Minga“? In Minga? Der Innenminister war irritiert. „Ach, Frau Bauer, das sollte jetzt bayerisch (Minga=München) sein?“ Ja, das sollte es. Denn Frau Bauer ist jetzt nicht mehr bei den „Tagesthemen“ und also locker und lustig, ein bisschen wenigstens. Man merkt das auch am klatschklatsch Publikum und daran, dass zu Beginn auf dem Talk-Tisch eine Art Tipp-Kick-Feld steht mit den Bildchen der Spieler von Schalke und Bayern, und wenn Frau Bauer nur die mit einem deutschen Pass übrig lässt, dann müssen die beiden Mannschaften vier gegen vier kicken. Herr Schily sagt, den Gag kenne er bereits aus der Opel-Werbung. Die Visualisierung des Themas Zuwanderung!

Sonst war nichts los am Mittwoch? Tote Soldaten in Kabul, Spendenskandal in Köln? Vielleicht wollte sich Gabi Bauer vom Weltgeschehen nicht das Konzept zerstören lassen. Vielleicht braucht sie ein Korsett wie bei den „Tagesthemen“. Ihr betont burschikoser Schwung jedenfalls brachte ihre Verkrampftheit erst richtig ans Licht. Vor ihrer Babypause war das bauersche Image: seriös, kompetent. Keine schlechte Basis eigentlich. Trotzdem fehlt das Vertrauen, dies könnte über eine halbe Stunde tragen. Also steht unterm Tisch ein Monitor, über den farbige Streifen wandern, in kurzen Einspielfilmen sagt „der notorische Schlipsträger“ Otto Schily mal ganz wie du und ich „Scheiße“ (Lachen im Publikum), an den Law-and-Order-Mann wird mit Szenen aus Wild-Westfilmen erinnert.

So bleibt Otto Schily der Souverän. Er kennt sich im Fußball aus („rote Karte für Kufour“), er ist demütig und bescheiden („Nimm dich nicht so wichtig“), er hat ein, zwei Macken („Wer hat die nicht?“), er ist diskret („Das klänge jetzt aufgesetzt“), er ist sich immer treu („stets den Rechtsstaat verteidigt“). Sympathisch, taktisch, klug.

1,71 Millionen Zuschauer haben das gesehen, und das ist sehr viel kurz vor Mitternacht. Johannes B. Kerner und Harald Schmidt hatten schlechtere Zahlen. Und die machen Unterhaltung und keinen politischen Journalismus. Das ist doch eine gute Nachricht im Jahr des Wahlkampfs: Gabi Bauer in dieser Form ist wenigstens für Politiker eine prima Adresse. Norbert Thomma

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