Zeitung Heute : Wo die Berge beben

„Stell dich blöd“, haben sie ihm geraten, „weil einen G’scheiten mögen’s nicht in der ÖVP.“ Er hat sich nicht daran gehalten – und gewonnen. Wolfgang Schüssels Sieg bei den österreichischen Wahlen ist vor allem deshalb so spektakulär, weil er Haiders FPÖ zum Absturz brachte.

Paul Kreiner[Wien]

Noch nie in all den Jahren, in denen sie so eng an Haiders Seite gearbeitet hat, war sie bei einer Wahl so weit entfernt von Österreich. Susanne Riess-Passer steht am Tag danach auf der Chinesischen Mauer und sinnt über Jörg Haider nach. „Er hat 13 Jahre gebraucht, um alles aufzubauen und nur 13 Wochen, um alles zu zerstören.“ Dass der letzte Staatsbesuch, den sie als Vizekanzlerin absolviert, ausgerechnet einen derart entscheidenden Wahltermin überlagert – nun ja, mit höherer Symbolkraft könnte man die Entfremdung innerhalb der einst so glorreichen FPÖ nicht inszenieren.

Auch Jörg Haider ist dem zu erwartenden Desaster ausgewichen. Nachdem er, im berühmten blauen Porsche vorfahrend, in Klagenfurt seine Stimme abgegeben hat, verschwindet er: „I geh’ auf den Berg.“ Mit einem Absturz rechne er nicht, fügt er doppeldeutig an und wird nicht mehr gesehen bis Montagmittag. Da taucht er hörbar verstimmt beim Parteivorstand in Wien auf und knurrt den Reportern auf die Was-nun-Frage nur ein hartes „Werd’ ma sehn“ ins Mikrofon. Eine gute Stunde später macht ein Interview die Runde, das er vorher schon dem Kärntner Landesstudio des Österreichischen Rundfunks gegeben hat: Er sei vom Wahlergebnis „schwer betroffen“, sehe darin „ein Misstrauen mir gegenüber“ und werde seinen Rücktritt als Landeshauptmann von Kärnten anbieten – sagt Haider, der schon mindestens dreimal zurückgetreten ist im laufenden Jahr. Aber ob ihn die Parteigremien diesmal wieder zum Bleiben überreden? Ob er auch dort nicht mit einem Absturz rechnet?

Die Totengräber der Partei

Derweil hat ein früherer, von Haider und dessen Höflingen weggemobbter Weggefährte, schon begonnen, seine offenen Rechnungen zu begleichen. Peter Westenthaler, der mit allen Wassern der Demagogie gewaschene frühere Fraktionschef, verlangt eine Neugründung der FPÖ als „wertkonservative, liberale Partei“, aber gänzlich ohne Haider. „Er muss einsehen, dass seine Zeit vorbei ist. Das Wahlergebnis war eindeutig. Die Totengräber der Partei sollen sich vertschüssen.“

Dem Einbruch der FPÖ entspricht spiegelbildlich ziemlich genau der Aufstieg der ÖVP. Von den 735000 Wählern, die den Freiheitlichen abhanden gekommen sind – zwei Drittel ihrer Wähler von 1999 – hat Schüssels Kanzlerpartei 600000 geerbt. Um einen vergleichbaren Zuwachs zu erzielen, müsste in Deutschland eine Partei sechs Millionen Stimmen angeln. Mit dunklen Ringen unter den Augen von einer durchgearbeiteten Nacht verkünden am Montagmorgen die Politologen Peter Ulram und Fritz Plasser ihre erste „wissenschaftlich seriöse“ Analyse der Wahl. „Ein Erdbeben“, sagt Ulram, „ist quer durch alle Bevölkerungsschichten gegangen.“ Muster und Trends, ergänzt Plasser, die bisher das Wahlgeschehen beeinflusst haben, seien entweder außer Kraft gesetzt, nicht mehr nachweisbar oder durch gegenläufige Trends ersetzt worden. So gewaltige Implosionen wie jene der FPÖ sind, „soweit wir sehen, in Europa einmalig“.

Ein Dossier mit 50 Seiten haben Ulram und Plasser noch in der Wahlnacht erstellt. Schüssels Partei konnte demnach die führende Stellung in Wählergruppen übernehmen, die ihr bisher kaum zugänglich waren: bei den Kärntnern, bei Jungwählern, bei Frauen, bei Angestellten; „besonders dramatisch“ bei den Arbeitern. „Seitdem es Vergleichszahlen gibt“, sagt Plasser, „hat die ÖVP in dieser Gruppe noch nie so gut abgeschnitten wie jetzt.“ Sie ist sogar an der SPÖ vorbeigezogen. Praktisch nur noch in der Gruppe der Hausfrauen liegen die Roten vorne.

„Bescheiden bleiben“, hat Bundeskanzler Wolfgang Schüssel schon am Abend seines Triumphs den Anhängern zugerufen, die ihn vor lauter Klatschen und Begeisterungsrufen erst gar nicht zu Wort kommen lassen wollten. Die eiserne Selbstbeherrschung, die in den zweieinhalb Jahren Koalition mit der FPÖ zu Schüssels Markenzeichen geworden ist – nachdem er die Fliege gegen eine Krawatte eingetauscht hatte –, verließ ihn auch nicht, als er von einem „atemberaubenden Ergebnis“ sprach und von einer „unglaublichen Zuversichtswelle, die uns getragen hat“. Schüssel hat dazugelernt. Noch 1997 entfuhren ihm Bemerkungen, die ihn beinahe seine Karriere gekostet hätten. Beim inzwischen berüchtigten „Amsterdamer Frühstück“ im trauten Journalistenkreis bezeichnete er den deutschen Bundesbankchef Hans Tietmeyer als eine „richtige Sau“. Schüssel konnte sich nur mit einem Entschuldigungsflug nach Frankfurt retten. Seither ist er nicht gut auf Journalisten zu sprechen, vor allem dann nicht, wenn sie kritische Fragen stellen. Seither hat man von ihm auch nie ein böses Wort über seinen unberechenbaren Koalitionspartner Jörg Haider gehört – ein solches hätte das riskante Regierungsexperiment schon viel früher zum Scheitern gebracht. Schüssel aber wollte den Zeitpunkt in der Hand behalten, wie ein englischer Premier, der Wahlen dann ausschreibt, wenn die Lage für ihn am günstigsten scheint.

Helmut Kohl soll es gewesen sein, der Schüssels Talent in der Schwesterpartei entdeckte: „Einen Gescheiteren habt ihr nicht“, soll er 1995 bei einem Besuch in Wien gesagt haben, und der damalige Handelsminister Schüssel, gerade einem Flugzeug aus China entstiegen, beerbte den zuvor mit mehr oder weniger feinen Intrigen hinausgeekelten ÖVP-Chef Erhard Busek. „Stell dich blöd“, hat ihm Busek aus leidvoller Erfahrung mit auf den Weg gegeben, „weil einen G’scheiten mögen’s nicht in der ÖVP.“

Egal ob beim Fußballspielen oder in der Politik, der 57 Jahre alte Schüssel ist hart in seinem Ehrgeiz. Er ist das Kind einer geschiedenen Ehe – ein wenig verrucht also im konservativen Österreich der Nachkriegszeit. Im Wiener Schottengymnasium, einer katholischen Eliteschule, lernt er, sich durchzuboxen. Jurastudium, dann Sekretär in der ÖVP-Fraktion, Wirtschaftsminister, Parteichef, Außenminister; 1999 ist er für seine Partei der größte Wahlverlierer aller Zeiten – in den Koalitionsverhandlungen aber spielt er die SPÖ aus, paktiert mit Haider. So wird er Kanzler.

Die Loyalität der Schweigsamen

Natürlich hat seine Partei dem Verwegenen damals ein paar Aufpasser an die Seite gestellt, potenzielle Sofortnachfolger für den Fall, dass die Koalition mit Haider scheitert. „Kronprinzen“ stiegen auf und ab – und Schüssel schwebt unangefochten wie nie über allen. Das ist deswegen besonders schwierig in der ÖVP, weil die Partei nicht nur aus sechs berufsständischen „Bünden“ besteht, sondern auch noch aus sehr eigenwilligen Landesfürsten. Die scheinen jetzt die Parole ausgegeben zu haben „von Schüssel lernen heißt siegen lernen“, seine Partei leistet ihm eine bislang beispiellose Gefolgschaft. Und dies, obwohl Schüssel seine Entscheidungen sehr einsam trifft. Wirklich Vertraute hat er nur wenige. Alles sehr verschwiegene, überaus loyale Leute.

Einer davon, Landwirtschaftsminister Wilhelm Molterer, ist es gewesen, der am Niedergang von Haiders FPÖ einen nicht unwesentlichen Anteil hat. In stillen Verhandlungen, über die die FPÖ-Minister im Kabinett alles zu wissen glaubten, hat er Tschechien zu einem Kompromiss über das umstrittene Atomkraftwerk Temelin überredet: Umweltverträglichkeitsprüfung, sicherheitstechnische Nachrüstung. Erst, als alles fertig war, legte er die Karten auf den Tisch. Die FPÖ, die dauernd gegen Tschechien polemisiert hatte, konnte nur noch zustimmen – und hat dann, aus lauter Ärger, angefangen, sich zu spalten: Die Landesorganisationen der Partei und Jörg Haider starteten das erste Volksbegehren gegen die eigene Regierungsmannschaft. Und vielleicht hat Susanne Riess-Passer, die heute in China weilt, während in Wien die Partei zerfällt, damals schon geahnt, dass das Ende naht.

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