Zeitung Heute : Wo die Gewalt herkommt

Kriege der Gegenwart: Viele Staaten haben Guerilla-Banden selber ausgebildet – oft unfreiwillig

Klaus Schlichte

Kriegerische Auseinandersetzungen prägen auch 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs weite Teile der Welt. In über 200 Kriegen nach 1945 sind staatliche Armeen aber offenbar nur noch auf einer Seite die Hauptakteure. In über drei Vierteln dieser Kriege handelt sich um innerstaatliche Kriege, über deren Akteure wenig systematisches Wissen existiert.

Die Forschung zu diesen Gruppen hat mit zwei Hauptschwierigkeiten zu kämpfen. Zum einen liegen nur wenige verlässliche Daten vor, und die vorhandenen sind häufig aus politischen Gründen manipuliert. Zum anderen sind die innere Politik dieser Gruppen, ihre Beratungen und Entscheidungen nicht archiviert und deshalb nur mit großem Aufwand rekonstruierbar. Die von der Volkswagen-Stiftung finanzierte Nachwuchsforschergruppe „Mikropolitik bewaffneter Gruppen“ hat politikwissenschaftliche Methoden mit ethnologischen Verfahren verbunden, und in elf Ländern mehrmonatige Feldforschungen durchgeführt, um die Entwicklungswege dieser Gruppen zu rekonstruieren. Die Wissenschaftler reisten nach Nicaragua, El Salvador, Sudan, Libanon, Sri Lanka, Eritrea und Serbien, in der zweiten Projekthälfte nach Moldawien, Angola, Kongo und Zypern. Die Forschungen beziehen sich auf 80 Gruppen, die noch weit mehr Ländern abdecken.

Immer gehen den innerstaatlichen Kriegen massive Prozesse sozialen Wandels voraus. Landflucht, Verstädterung, die Auflösung von Clanstrukturen und das Vordringen der Geldwirtschaft sorgen in den Übergangsgesellschaften in Afrika, Asien und Lateinamerika für politische Dynamiken, die in den vorhandenen Institutionen nicht bewältigt werden können. Politische Opposition entsteht dann häufig entlang der Linien erinnerter Gewalt: Bevölkerungsgruppen, die in früheren Kriegen viele Gewaltopfer zu beklagen hatten, formieren sich zu Parteien oder sozialen Bewegungen, die zur Radikalisierung neigen.

Sowohl demokratische wie autoritäre Regime reagieren auf diese Herausforderung nicht immer angemessen. Staatliche Repression ist einer der Mechanismen, die dann zur Formierung bewaffneter Gruppen führen können. Ein anderer Mechanismus besteht in der absichtlichen Entscheidung eines Teils der politischen Klasse, Staatsämter mit Gewalt zu erobern. Das war im Falle des mittlerweile exilierten Charles Taylor in Liberia so, der sich zu solch einer Strategie entschloss, nachdem er aus der Pfründenverteilung im Staat ausgeschlossen worden war. Ein dritter Mechanismus kommt über die Delegation staatlicher Gewalt zustande: Regierungen, häufig aber auch Geheimdienste, delegieren Gewaltausübung an Milizen, die offiziell keine Verbindung zum Staat haben. Diese Milizen verselbständigen sich leicht, wenn sie vom Staat unabhängige Versorgungsmöglichkeiten, in der Regel systematische Plünderungen, aber auch Wegzölle und anderes für sich monopolisieren können.

Bewaffnete Gruppen werden häufig als das Gegenteil des Staates dargestellt. Tatsächlich gibt es viele Verbindungen zum Staat. Sechzig Prozent der Anführer haben an staatlichen Universitäten studiert. Fast die Hälfte der Leiter von 80 untersuchten bewaffneten Gruppen hat zuvor in staatlichen Gefängnissen gesessen, rund 40 Prozent haben in staatlichen Institutionen eine militärische Ausbildung erhalten. Staaten können die Gewaltexpertise, die sie ständig produzieren, offenbar nicht hinreichend kontrollieren. An der Spitze und in den Stabspositionen von bewaffneten Gruppen finden sich auch häufig ehemalige Militärs. Wie bedeutsam staatliche Gewaltapparate für die gewaltsame Herausforderung sind, wurde besonders in den Kriegen sichtbar, die mit der Auflösung des Staatssozialismus zusammenhingen. In Jugoslawien, aber auch in Tadschikistan und Tschetschenien sind viele Anführer bewaffneter Gruppen ehemalige Armee-Offiziere.

Wie bewaffnete Gruppen entstanden sind, hat auch einen großen Einfluss darauf, zu welchen Formen sie sich entwickeln. Viele scheitern früh, andere entwickeln sich nahezu lehrbuchhaft nach der Guerilla-Lehre Maos und Che Guevaras. Das gilt etwa für die eritreische Befreiungsfront, aber auch für viele lateinamerikanische Rebellengruppen.

Viele Gruppen entwickeln kaum formale Institutionen wie gewählte Gremien, sondern bleiben personale Herrschaftsverbände: An der Spitze steht dann eine Einzelperson, die alle Machtmittel monopolisiert. Solche Verbände, wie etwa die „Tamil Tigers“ in Sri Lanka, können lange stabil bleiben und erfolgreich operieren. Das Nachfolgeproblem wird für sie dann allerdings dramatisch. In der Regel sind jedoch solche Gruppen erfolgreicher, die interne Gremien und formale Organisation entwickeln. Die Hisbollah im Libanon, aber auch die sandinistische Guerilla in Nicaragua können als Musterfälle dafür gelten.

Obwohl sie gegen Regierungen und staatliche Armeen kämpfen, sind bewaffnete Gruppen nicht das Gegenteil des Staates. Das wird ganz offensichtlich, wenn man sich siegreiche Bewegungen anschaut. Die Eritreische Volksbefreiungsfront, die 1993 die Unabhängigkeit des Landes erreichte, hatte sich schon im Verlauf des Krieges in ein quasi-staatliches Gebilde verwandelt. Sie verfügte über Krankenhäuser, Schulen und eine Verwaltungshochschule ebenso wie über einen internen Geheimdienst. Aus der bewaffneten Gruppe wurde ein autoritärer Staat.

Wie eng staatliche Politik und bewaffnete Gewalt gegen Staaten zusammenhängen, kann man nicht zuletzt daran erkennen, dass etwa 70 Prozent aller bewaffneten Gruppen wenigstens zeitweise von anderen Staaten finanziert werden. Besonders in regionalen Konflikten haben Staaten immer die Guerilla im Nachbarland unterstützt, um so ihre eigene Machtstellung zu verbessern.

Die Ergebnisse der Forschungen über bewaffnete Gruppen machen auch gegenüber den militärischen Interventionen des Westens skeptisch: Nicht nur der Ost-West-Konflikt, sondern gegenwärtig auch durch den „Krieg gegen der Terror“ verstetigen sich die Sicherheitsprobleme. Der militärische Charakter dieser Politik führt vor allem zu einem: zur Produktion weiterer Gewaltexpertise.

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