Zeitung Heute : Wo die Hose niedrig hängt

Von Martin Kilian

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Wie Sie nicht wissen, verbringe ich einen Teil des Monats im wunderschönen Universitätsstädtchen Charlottesville im Staat Virginia, meinem Zweitwohnsitz. Dort, im Schatten von Thomas Jeffersons Gut Monticello und mit Blick auf die Berge der Appalachen, gebe ich mich erbaulichen Gedanken hin und vergesse Washington. Charlottesville ist eine Art liberale Insel in einem eher konservativen Staat. Und in einer einzigen Woche schlug das Staatsparlament in der Hauptstadt Richmond mal wieder derart zu, dass Virginia in der GagaListe amerikanischer Bundesstaaten ganz vorne landete.

Es begann damit, dass sich sowohl Virginias Senat als auch das Delegiertenhaus unter christlichem Druck der grässlichen Gefahr der Schwulenehe annahmen. Um einer Verwilderung virginianischer Sexualsitten resolut entgegenzuwirken, wurde wie anderswo in den Vereinigten Staaten die Ehe unter Homos strikt verboten. Kinder dürfen sie, wenn es nach der Mehrheit in Richmond geht, ebenfalls nicht adoptieren. Wäre ja noch schöner, wenn die Kleinen im gleichgeschlechtlichen Sündenpfuhl aufwüchsen und der Papa eine Mama wäre! Die Konfusion!

Um die Haltung des Parlaments zu unterstreichen, sollen Virginias Automobilisten neuerdings Nummernschilder erstehen können, auf denen die „traditionelle Ehe“ gefeiert wird: Ein rotes Herz mitsamt Eheringen ziert hinten und vorn die Karre, womit dem Gegenverkehr wie allem anderen Verkehr klar angezeigt wird, welche Art des Verkehrs der derart ausgerüstete Autofahrer bevorzugt.

Außerdem feilte das Parlament zu Richmond an einem Gesetz, welches fortan das Beten, Predigen und Missionieren in allen öffentlichen Gebäuden, also auch in Schulen oder Bibliotheken, gestatten würde. Der oberste Befürworter dieses Gesetzes, der Delegierte Charles Carrico, forderte im übrigen, man solle sich ein Beispiel an der muslimischen Kultur in arabischen Ländern nehmen. Dort würden die Prinzipien der geltenden Religion beachtet und gefördert und ihre Einhaltung überwacht. Wie sprach doch Mao? „Von den Taliban lernen!“

Aber wie auch immer: Die Scharia wird bis auf weiteres nicht in Virginia eingeführt, die Burka ebenfalls nicht, doch so richtig heraushängen lassen darf man nichts. Denn das Delegiertenhaus billigte eine Verordnung, nach der das Tragen von „low riding“-Hosen künftig mit einer Geldbuße von 50 Dollar geahndet wird. Sie wissen, „low riding“? Wenn Ihre Hosen so niedrig an den Hüften baumeln, dass die Unterhosen zu sehen sind. Haute Couture für Rapper! Nein, noch nie gehört? Meine Güte, wo leben Sie eigentlich?

Jedenfalls wird der Staat Virginia künftig nicht mehr dulden, wenn Beinkleider derart verrutscht sind, dass Designer-Labels diverser Unterwäsche-Hersteller sichtbar werden. Ein Gesetz gegen zu niedrig hängende Hosen käme einer „staatsweiten Kleiderordnung“ gleich, maulte daraufhin die Vertreterin der wie immer renitenten Bürgerrechtsorganisation „American Civil Liberties Union“. Was hat sie nur?

Dafür will die Volksvertretung seit voriger Woche nicht mehr dulden, dass jeder waffengeile Hansel mit einer geladenen Kanone das Parlamentsgebäude betreten kann. Nun braucht es zum bewaffneten Besuch der Volksvertretung die Genehmigung zum Tragen einer „verdeckten Waffe“. Man darf also auf der Parlamentstribüne sitzen, während im Hosenbund eine versteckte Pistole dezent den Bauch wärmt.

Wurde hier die Freiheit – in diesem Falle des Waffentragens – empfindlich eingeschränkt, so sollen Virginias Motorradfahrer künftig vom Tragen eines Helms befreit werden. Er wolle keine Hirnverletzung, „aber lassen Sie mir diese Wahl“, flehte der Chef einer Motorradfahrer-Lobby vorige Woche das Parlament an. Was sich die Leute doch nicht alles offenhalten wollen im Leben!

Und damit bröselte die Legislaturperiode in Richmond ihrem Ende entgegen. In der Tat eine denkwürdige Woche.

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