Zeitung Heute : Wo die wilden Kerle wohnen

Der Film „Brokeback Mountain“ und die Cowboy-Wirklichkeit: Frei, hart und einsam – stimmt dieses Klischee heute noch?

Christoph Marschall[White Stallion Ranch (Ari]

Braun-violett reflektiert der Wüstensand das Morgenlicht. Kakteen bedecken den Boden und stacheliges Gestrüpp. Alle paar Meter ragen Kandelaberkakteen, Saguaro genannt, auf wie mehrarmige, bis zu vier Meter hohe Kerzenleuchter. Dazwischen suchen Rinder nach jedem bisschen frischen Grün, an dem sich knabbern lässt. Manche waren unvorsichtig oder zu hungrig, sie tragen Kaktusstacheln rund ums Maul. Schroffe Felszacken in wenigen hundert Meter Entfernung begrenzen das Avra Valley – und den Blick. Metallisch klappern die Hufe, wenn sie auf Stein treffen.

Nach 20 Minuten Ritt auf einem schmalen, staubigen Pfad, der sich zwischen Kakteen, Gesträuch und weidendem Vieh windet, erreichen wir ein Korral, verführerisch dringt von der offenen Feldküche der Duft von Rühreiern und scharf gewürzten Bratkartoffeln herüber. Die meisten Reiter greifen erst mal nach einem Becher heißen Kaffee. Die Gegend hier unten um Tucson, Arizona, hat zwar die längste Sonnenscheindauer der USA, und selbst Anfang März erreicht das Thermometer tagsüber verlässlich 26 Grad Celsius. Aber am frühen Morgen nach der klaren Nacht ist es noch empfindlich kühl. Ein richtiger Mann hält das freilich aus. Und richtige Männer wollen sie alle sein, die sich jetzt um den Steintresen mit den dampfenden Eisenpfannen drängen. Wahrscheinlich gehören die leisen Flüche derjenigen, die neben Jeans, Lederstiefeln und breitkrempigem Hut ganz cowboygerecht nur ein kariertes Hemd und ein Halstuch tragen, zu diesem Selbstgefühl des rauen Naturburschen dazu.

Die Kulisse und die Szenen, wie man sie in den 70er und 80er Jahren so oft in Italowestern gesehen hat und die bis heute die Zigarettenreklamen bevölkern – hier sind sie Wirklichkeit, zum Anfassen real. Auch im Jahr 2006 hat der Mythos des freien Lebens im Wilden Westen nichts von seiner Anziehungskraft verloren. „Brokeback Mountain“, die anrührende Filmgeschichte zweier schwuler Cowboys in Wyoming, mehrere hundert Meilen nördlich von hier, war seit Wochen der große Favorit für die Oscars in der vergangenen Nacht. In den USA hat er seit dem Kinostart im Januar über 100 Millionen Dollar eingespielt. Diese Woche kommt er auch in die deutschen Filmtheater.

Film und Wirklichkeit – von einem Vergleich oben in Wyoming hatte der Verband der Rinderrancher abgeraten, jedenfalls in dieser Jahreszeit. „Zu viel Schnee.“ Da sei wenig zu sehen, weder Viehherden noch Cowboys. Einen Großteil der Rinder verkauften die Züchter vor Wintereinbruch zum Schlachten, damit sie sie nicht durchfüttern müssen. Der Rest werde in niedriger gelegene Weidegründe oder Ställe gebracht. Die für Besucher interessante Saison beginne in Wyoming erst im Juni und dauere nur bis September.

„Echte Cowboys?“ hatte Carol hier unten in Arizona erst mal die Frage wiederholt und ihren Schwarzbraunen nach dem Absatteln weiter gestriegelt, als brauche sie Zeit, um zu überlegen, wie viel Realität sie dem Gast zumuten dürfe. „Echte Cowboys sind eine aussterbende Spezies.“ Die Frau mit ihren von Wind und Schweiß verklebten schulterlangen blonden Haaren ist ein gutes Beispiel, wie viel sich im Ranchleben geändert hat. Auf der White Stallion Ranch ist der oberste Wrangler, wie die mit den Pferden betrauten Cowboys und Cowgirls heißen, eine Frau – sie selbst.

Das ist das Paradoxe am Cowboyalltag 2006: Die meisten Ranchs können nur überleben, indem sie sich immer weiter vom traditionellen Leben entfernen. Aber all die Fertigkeiten, die einen guten Cowboy ausmachen – von den Reitkünsten über den zirkusreifen Umgang mit Lasso und Colt bis zum Niederringen eines jungen Bullen mit bloßen Händen – rangieren ganz oben im Wertesystem des Westens der USA. Der Mythos von den harten Gesellen, die dieses wilde Land erobert und erschlossen haben, die auf alle Bindungen verzichteten und einsam in den Sonnenuntergang ritten, ist bis heute eine Leitkultur.

Die Erfüllung des Kindheitstraums vom Cowboydasein, und sei es nur für eine Woche, lassen sich viele Menschen eine Stange Geld kosten und helfen so den Ranchern zu überleben. Zum Beispiel der White Stallion Ranch, einem mittelgroßen Familienbetrieb auf 1200 Hektar Fläche mit rund 40 Angestellten am Rande des Saguaro Naturschutzgebiets, 60 Meilen nördlich der Grenze zu Mexiko. Die meisten der Menschen in Cowboykleidung, die sich gerade zum Nachtisch des deftigen Frühstücks im Freien Heidelbeerpfannkuchen mit Ahornsirup bestreichen und den Becher mit heißem Kaffee nachfüllen lassen, sind nur als Feriengäste hier: für mehr als tausend Dollar die Woche. Sie gehen sonst im Anzug ihren Berufen in Großstädten nach.

Nein, einfach war es nicht, als Frau in diesem Beruf zu landen, sagt Carol. Der lebe nun einmal vom Image des unabhängigen Machos. Und ja, es könnte theoretisch schon noch passieren, dass ein Mann sich weigere, unter ihr zu arbeiten – weil sie eine Frau ist. Allerdings sei das heutzutage nicht mehr so wahrscheinlich. Vor gut zehn Jahren hatte sie sich im Alter von 35 Jahren entschlossen, ihre Festanstellung als Werbegrafikerin in Ohio aufzugeben, „weil ich Pferde so sehr liebe“. Monatelang bekam sie keine Antwort auf ihre Bewerbungen. Die Besitzer der White Stallion Ranch gaben ihr eine Chance. Seither ist sie hier und seit sechs Jahren Herrin über den Pferdestall. Genauer: jedes Jahr von September bis Juni, der Saison hier in Arizona. Die übrigen, von Juni bis September, arbeitet sie in Wyoming auf einer Farm, dann ist Hauptsaison dort oben im Norden. Hier unten im Süden ist es dann bei über 40 Grad Hitze draußen kaum auszuhalten.

Eine Frau als Boss der Kerle? „Sie hat ein besseres Gefühl für die Tiere. Und sie kann besser mit Menschen umgehen“, sagt Russell True, ein schlanker 40-Jähriger mit kurz geschnittenen angegrauten Locken. Ihm und seinem jüngeren Bruder Michael gehört die White Stallion Ranch. „Männer in so einem Machoberuf denken oft mehr über ihr Aussehen und Image nach als über die Wünsche der Kunden.“ 1965 haben die Eltern die Ranch gekauft, ihr Geld hatten sie mit Erdöl in Colorado gemacht. Das Dude-Ranching, wie der Gästebetrieb heißt, ist freilich keine neuere Entwicklung aus Not, sondern viel älter. Als der Vorvorbesitzer Max Zimmermann, ein Spirituosenhändler aus Chicago, den Besitz 1940 dafür umbaute, gab es bereits 100 Gästeranchs um Tucson. Heute sind es noch drei.

Weitläufig breiten sich die Gästewohnungen aus: Bungalows aus Lehm, wie man sie schon vor über hundert Jahren hier gebaut hat. Verschoben hat sich die ökonomische Basis. Die Gäste sind die Haupteinnahmequelle, der klassische Ranchbetrieb dient als Grundlage dafür. 100 Pferde und 150 Rinder hat die White Stallion Ranch, eins zu zehn wäre das Verhältnis in einem reinen Viehzuchtbetrieb. Die Mechanisierung der Landwirtschaft hat den Alltag verändert, freilich weniger als im Norden. Dort oben gilt: „Jeder Rancher ist auch ein Farmer.“ Er muss Futter anbauen, Heu machen, um die Tiere über den Winter zu bringen. Da ist es ebenso wichtig, einen Pick-up reparieren und einen Traktorreifen wechseln zu können, wie Pferd und Lasso zu beherrschen.

In Arizona, wo kein Winter den Ranchbetrieb einschränkt und die Rinder das ganze Jahr auf kargem Land weiden, spielt das keine große Rolle. „Für uns bleiben die Pferde im Mittelpunkt. Nur wenn man es eilig hat, nimmt man den Pick-up“, sagt Russell. Technisch verändert hat sich die Fleischproduktion. „Jedes Tier bekommt einen Chip eingepflanzt, über den sich die Entwicklung vom Kalb bis zur Ladentheke verfolgen lässt.“

Jeden Samstag ist Rodeo auf der White Stallion Ranch. Rinder blöken und schlagen mit Hufen gegen die Metallkäfige, aus denen sie gleich freigelassen werden, damit die Reiter sie jagen können. Die Trues sind zu Managern eines Ferientraums geworden. Aber zu zeigen, dass sie das klassische Handwerk mindestens so gut wie ihre Angestellten beherrschen, ist erstens Ehrensache. Und zweitens eine Lehre aus der Kindheit: Der Vater hatte sich mit dem Koch überworfen, konnte ihn aber nicht feuern, „weil ich nicht kochen kann“, wie er den Söhnen erklärte. Die haben sich deshalb vorgenommen, alles selbst zu können, was sie von Angestellten erwarten. Der jüngere Bruder Michael, ein athletischer 35-Jähriger mit Buffalo-Bill-Mähne, prescht im Galopp einem Jungbullen nach, springt, als sein Pferd auf gleicher Höhe ist, auf ihn herab, greift die Hörner mit beiden Händen und wirft ihn auf den Rücken. Fünf Sekunden hat das gedauert. Lassos schwirren durch die Luft, ein Reiter wirft eins um den Kopf des Rindes, der andere eins um den Hinterhuf, schon liegt das Tier am Boden, durch den Zug aus zwei gegensätzlichen Richtungen bewegungsunfähig.

Die praktische Anwendung dieses „Roping“ zum Impfen, Brandmarken oder Kastrieren von Bullen beschränkt sich bei einer Ranch mit 150 Rindern auf wenige Tage im Jahr. Die meiste Zeit ist es heute eine Kunstfertigkeit, die man zur Schau stellt. Schon lange werden keine gigantischen Rinderherden mehr über hunderte Meilen zu einer Bahnstation getrieben. Auch im Westen sind die USA heute von einem dichten Netz von Straßen und Schienen durchzogen. Allenfalls in so dünn besiedelten nördlichen Staaten wie Wyoming oder Montana gibt es noch den „open range“ – die Weite, in der Herden tagelang nur begleitet von campenden Hirten weiden, wie in „Brokeback Mountain“.

Und die Tabus, wie das von den schwulen Cowboys, das der Film angeblich gebrochen hat? Das hält Russell True für einen geschickten Vermarktungstrick Hollywoods. Ein Tabu sei das längst nicht mehr. Es gebe bereits ganz offiziell eine „Gay Rodeo Association“. Und „verprügelt wird heute keiner mehr, weil er schwul ist“. Aber ihm soll’s Recht sein, dass ganz Amerika jetzt wieder öffentlich über die Cowboy-Tradition diskutiert.

Er selbst hat „Brokeback Mountain“ noch gar nicht gesehen, genauso wenig wie Carol. Keine Zeit angesichts der Arbeitstage auf der Ranch von zwölf bis 14 Stunden. Aber die Bossin der Kerle findet es ohnehin viel faszinierender, was sich im Umgang von Männern und Frauen auf der Ranch verändert. Und was nicht. Die Hälfte der Mitarbeiter im Pferdestall ist weiblich. Aber Cowgirls haben es nach ihrer Beobachtung nicht so leicht, einen Partner zu finden. „Den Mythos der Ungebundenheit finden Frauen an Cowboys anziehend, Männern macht dagegen die Unabhängigkeit von Cowgirls Angst.“

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