Zeitung Heute : Wo die Wunderkinder zu Hause sind

Das Julius-Stern-Institut der Universität der Künste Berlin fördert musikalisch Hochbegabte

Ulrike Gentz

Das Publikum im Kammermusiksaal der Universität der Künste ist begeistert. Souverän beherrscht die 16-jährige Elia Cohen-Weissert den ersten Satz der Cello-Sonate in a-Moll von Franz Schubert. Ihr Oberkörper wiegt sich rhythmisch im Takt und sie blickt konzentriert auf ihre rechte Hand, die den Bogen führt. „Mein großes Vorbild ist Jaqueline du Pré. Ich möchte auch einmal eine berühmte Solistin werden“, sagt Elia nach dem Konzert. Sie ist Jungstudentin am Julius-Stern-Institut und ihr Lehrer Catalin Ilea – selbst ein international gefragter Cellist – traut ihr das zu. Seit zwei Jahren unterrichtet er die junge Israelin, die für die Ausbildung von Jerusalem nach Berlin gezogen ist. „Seit meinem vierten Lebensjahr wollte ich Cello spielen, den ersten Unterricht bekam ich mit neun."

Mit Elia studieren noch 57 andere Kinder und Jugendliche am Julius-Stern-Institut, das zur Fakultät Musik der UdK gehört und bundesweit die größte und erfolgreichste Einrichtung der musikalischen Nachwuchsförderung ist. Die jungen Musiker werden von Professoren der UdK unterrichtet. Sie gehen zur Schule wie alle anderen Kinder und Jugendlichen auch, aber weil sie ein besonderes Talent besitzen, erhalten sie ein- bis zweimal in der Woche Unterricht in einem instrumentalen Hauptfach sowie in Musiktheorie und Gehörbildung. Erste Bühnenerfahrung sammeln sie bei zahlreichen solistischen Auftritten, Konzerten im Kammerorchester oder in einem der vielen Kammermusikensembles. Sobald ein gewisses Niveau erreicht ist, wird mit dem gemeinsamen Musizieren begonnen. „Es ist wichtig, dass das Ohr für das musikalische Miteinander geöffnet und trainiert wird“, sagt Catalin Ilea.

Am 19. August sind Elia und ihr Bruder Michael, der in Komposition und Klavier unterrichtet wird, gemeinsam mit anderen Studenten des Julius-Stern-Instituts und des „Jerusalem Music Centre“ im Rahmen von Young Euro Classic im Konzerthaus am Gendarmenmarkt zu erleben. Für Michael ist das ein ganz besonderer Tag, denn dann wird sein eigens für dieses Festival komponiertes Streichsextett uraufgeführt.

Durch die Medien geistern immer noch Klischees. Aber die so genannten musikalischen Wunderkinder schütteln keineswegs alles aus dem Ärmel, wie so mancher Laie annimmt, sondern sie müssen täglich mehrere Stunden üben, um ihr künstlerisches Potenzial weiterzuentwickeln. Dennoch grenzt es manchmal an ein Wunder, was die Jungstudenten des Julius-Stern-Instituts musikalisch zu bieten haben. Es sind Ausnahmetalente zwischen neun und neunzehn Jahren, die ihrem Publikum bei regelmäßigen öffentlichen Auftritten beweisen, dass sich jugendliches Alter auf der einen Seite und Disziplin und Können auf der anderen Seite nicht ausschließen.

Damit die jungen Musiker eines Tages auch eine reelle Chance haben, ein Probespiel für eine Stelle im Orchester zu bestehen oder als Solistin oder Solist zu reüssieren, müssen sie bereits bei der Aufnahmeprüfung großes Talent beweisen. „Man sieht es schon an der Haltung, wie sich zum Beispiel ein Kind ans Klavier setzt oder wie es die Geige hält. Entscheidend ist, ob jemand nur technisch fehlerfrei spielt oder die Fähigkeit besitzt, einem Musikstück Ausdruck zu verleihen“, sagt Marianne Böttcher. Sie ist an der UdK Honorarprofessorin im Hauptfach Geige und betreut drei Jungstudenten.

Für den zwölfjährigen Antong Zou sind drei Stunden am Klavier das übliche Tagespensum. „Manchmal habe ich auch keine Lust zum Üben und würde lieber Fußball spielen“, sagt er. Aber für ihn gibt es nichts Schöneres, als vor Publikum aufzutreten. Im Januar fand im Kammermusiksaal der Philharmonie ein Benefizkonzert zugunsten der Erdbebenopfer in Haiti statt. Antong gastierte mit dem 3. Satz des Italienischen Konzerts von Johann Sebastian Bach. Er war an diesem Abend der jüngste Teilnehmer.

„Ich habe immer wieder beobachtet, wie die Kinder enge Freundschaften schließen, die über Jahre halten“, sagt Anita Rennert, die Leiterin des Julius-Stern-Instituts. „Gerade für junge Musiker sind die Mitstudierenden und ihre Lehrer ein inspirierender Faktor. Vorbilder nehmen oft einen entscheidenden Einfluss auf das Spiel ihrer Bewunderer.“ Die Leiterin ist überzeugt: „Das Umfeld der Universität trägt maßgeblich zur Förderung dieser herausragenden jungen Talente bei – und trägt so sicherlich das Vermächtnis des Julius Stern weiter.“ Julius Stern (1820-1883) war ein deutscher Musikpädagoge und Komponist, der 1850 in Berlin eine Musikschule gründete.

Ihrer Verantwortung für die musikalische Karriere eines Kindes und seine psychische Entwicklung sind sich die Dozenten bewusst. „Wenn ein Traum platzt, und sei es nur die Teilnahme bei ,Jugend musiziert’, ist das nicht selten eine Katastrophe“, sagt Marianne Böttcher. Sie ist Vorbild, Lehrerin, Seelsorgerin und Freundin ihrer Schüler. „Ein Kind, das Kummer hat, kann schließlich nicht Geige spielen.“ Darum dürfen sie auch noch spät am Abend ihr Herz bei ihr ausschütten. „Egal, was meine Schüler später einmal machen – dass sie sich in jungen Jahren so intensiv mit Musik beschäftigt haben, wird ihnen in vielen Bereichen des Lebens einmal weiterhelfen."

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