Zeitung Heute : Wo einst sowjetische Soldaten Dienst schoben entsteht ein skurriles Meeresmuseum

Alexander Musik

Seit der Unabhängigkeit Estlands ist die idyllische Küste des kleinsten baltischen Landes keine Sperrzone mehr. In Käsmu, einem kleinen Ort an der Nordspitze, haben zwei engagierte Esten eine marode sowjetische Küstenwache zu einem Meeresmuseum umgebaut.

"Das Museum ist ganzjährig, jeden Tag, zu jeder Zeit geöffnet", steht auf dem Werbezettel des "Käsmu Meremuuseum". Manche Besucher nehmen das wörtlich und klingeln Museumsleiter Aarne Vaik und seine Frau Tiina Koitla auch mal zu nachtschlafener Zeit aus dem Bett. Museum und Wohnung liegen im selben Haus. An diesem Frühsommerabend ist es eine polnische Gruppe, die in den estnischen Küstenort gekommen ist, um sich das maritime Sammelsurium anzusehen, das Aarne Vaik im Laufe von 30 Jahren zusammengetragen hat und in seinem kleinen Museum ausstellt.

Tiina Koitla öffnet die Tür, und zwei gutmütige Cocker-Spaniel springen heraus. Wahrscheinlich hat die Gruppe, die ihre Zelte auf dem nahen Campingplatz aufgeschlagen hat, gar nicht gemerkt, wie spät es schon ist. Denn in lauen Sommernächten wie dieser sind die zweistöckigen hölzernen Kapitänshäuser Käsmus mit ihren weiten Gärten, die Fischerkaten, die kleine Kapelle mit dem Seemannsfriedhof, der eiserne sowjetische Wachtturm und die sanft rauschende Ostsee ins fahle Dämmerlicht der Mitternachtssonne getaucht. Dunkel wird es nicht.

Das Meeresmuseum, ein in die Bucht geschmiegter Flachbau von 1880, liegt direkt am Meer, mitten in der ehemaligen Sperrzone. Die Spuren der früheren Mieter sind noch nicht ganz getilgt: 50 Jahre lang haben 52 sowjetische Soldaten den Bau als Küstenwache und Kaserne genutzt. Als die Russen, von den Esten als unliebsame Besatzer wahrgenommen, 1994 abzogen, konnte niemand im Ort etwas mit der herunter gewirtschafteten Küstenwache anfangen, erinnert sich Tiina Koitla: "Das Haus sah widerlich aus und stank entsprechend."

Das ist vorbei. In Eigenregie haben die beiden aus dem maroden Haus ein ansehnliches Museum gemacht: Aarne Vaik, ein schmaler, stiller Mann und leidenschaftlicher Sammler, dem als Nachfahre einer der zahlreichen Kapitänsfamilien Käsmus selbst noch Seemannsblut in den Adern rinnt. Und Tiina Koitla, die polyglotte, aparte Bibliothekarin aus der Universitätsstadt Tartu, die ihrem Mann 1993 in den abgelegenen Küstenort gefolgt ist.

Das "Meremuuseum" ist noch im Werden - jede verfügbare estnische Krone wird in die Verschönerung des Hauses gesteckt; jede verfügbare Minute in die Bereicherung des Inventars. Verblichene alte Postkarten und Fotos mit maritimen Motiven gibt es da, fein ziselierte Schiffsmodelle und -laternen, Anker, Harpunen, Seekarten, Logbücher, Seestücke in Öl und Aquarell, pittoreskes Strandgut, getrocknet und zum Exponat erhoben. "Stop! The border!" steht auf einem mannshohen hölzernen Grenzpfosten, eins der Exponate. Auch dieses Relikt haben die Ostseewellen an den Strand von Käsmu getragen.

Spektakulär ist hier nichts, doch alles harmoniert, zusammengehalten vom Panoramablick auf die See, den jeder Raum bietet: Blassblaue und grüne Glasflaschen schmücken die Fenster. Bunt gefärbt geht der Blick auf den Strand mit den typischen, aus dem Wasser ragenden steinernen Findlingen, bevor er sich in der Weite der Ostsee verliert.

Seit 1790 wurden in Käsmu Schiffe gebaut. 1884 bis 1931 bildete die örtliche Seefahrtsschule Kapitäne aus. Seefahrt und Salzhandel brachten den Wohlstand. Dorf der Kapitäne oder Dorf der Witwen hieß Käsmu weithin, je nach Sichtweise. In jedem zweiten Haus wohnte eine Kapitänsfamilie. Die Männer waren meistens auf See, die Frauen blieben zu Haus. Dem Schiff, das ein weibliches Wesen betrat, verhieß der Aberglaube baldigen Untergang. Den Aberglauben ernst zu nehmen, bot für die Männer freilich keinen Schutz vor einem nassen Grab auf dem Meeresgrund.

Schon Mitte des 19. Jahrhunderts waren auswärtige Besucher auf das idyllische Käsmu an der Spitze der gleichnamigen Halbinsel aufmerksam geworden. Der erste Tourist war ein deutscher General aus St. Petersburg, Baron Nikolai von Dellinghausen. Dem Baron folgten ruhebedürftige russische Dichter. Eine idyllisch gelegene Villa mit preisgünstiger Kost und Logis bietet Käsmu auch heute estnischen Dichtern und Übersetzern. Touristen ohne literarische Ambitionen kommen in Privatzimmern unter; es gibt zwei kleine Läden, ein Gasthaus, eine Bushaltestelle, den Campingplatz.

Dass der Strand Käsmus und die gesamte estnische Küste einmal zur Sperrzone erklärt würden, hätte sich Baron von Dellinghausen sicherlich nicht träumen lassen. Ein hoher Wachtturm, ein paar Schritte vom Meeresmuseum gelegen und heute von Kindern zum Klettern genutzt, erinnert noch heute an die Zeit des Kaltes Krieges. Ebenso wie die in Beton gegossenen Abdrücke daneben: ein Elchshuf, eine Wolfs- und eine Bärentatze, ein Nato-Kampfstiefel - Grundkurs Fährten lesen auf sowjetische Art. Ein paar Meter weiter thront eine Art Hyäne aus Stein auf einem Sockel. Die Kehle ist rot gepinselt und wirkt wie blutverschmiert - ein Relikt aus dem Programm Kunst in der Armee, mit dem Farbbeutel der Lächerlichkeit preisgegeben.

Tiina Koitla hat in der ehemaligen Sperrzone ein Fest arrangiert, das etwas Geld in die klamme Museumskasse bringen soll. Von Nah und Fern sind die Leute zum Feiern gekommen; sogar ein Bus aus Lettland steht auf dem Parkplatz. Der Duft von frisch gebratenem Fisch vermischt sich mit dem des Holzfeuers. Der Wind trägt den Hauch ätherischer Öle aus den Wäldern im Hinterland herüber. Estnischer Vodka fließt reichlich, eine Kapelle spielt. Eben noch hat Reimo Pullat, ein finnischer Historiker - die Zunge sitzt ihm schon ziemlich locker - unter freiem Himmel eine Rede gehalten - ausgerechnet über Prohibition.

Über 40 Jahre lang, bis zur Unabhängigkeit 1991, mussten die Esten eine Sondererlaubnis bereit halten, um Käsmu überhaupt betreten zu dürfen. Der Strand war tabu.

"Auf dem Kreuzweg stand die Grenzwache, alle Menschen wurden kontrolliert", erinnert sich die Kinderbuchautorin Dagmar Normet in perfektem Deutsch. Die alte Dame ist zum Fest gekommen. Im Winter lebt sie in Tallinn, den Sommer verbringt sie in Käsmu: "Hier war ein großer Zaun, wir wussten gar nicht, was dahinter vor sich geht. Jeden Abend patrouillierte die Grenzwache längs der Küste mit Hunden, und später als zehn Uhr durfte man nicht heraus." Das Meer sei doch ein Symbol der Freiheit, sagt Dagmar Normet, und das Schlimmste sei gewesen, das Meer hinter dem Stacheldraht zu verstecken.

Heute behindert kein Zaun mehr den Blick auf die Ostsee oder die ausgelassene Stimmung des Festes - nicht in Käsmu, nicht in anderen Orten von Lahemaa, dem größten Naturschutzgebiet Estlands, dem "Land der Buchten". - Spät nachts verlassen die Festgäste auf der schmalen Küstenstraße den Ort; sie fahren mitten durch Lahemaa: Auf 649 Quadratkilometern wechseln lichte Kiefernwälder mit ausgedehnten Moorgebieten und rauschenden Bächen ab. Dazwischen liegen ein paar Bauernhöfe und alte Herrenhäuser.

Schon jetzt, im Juni, dauert es lange, bis einem ein Auto entgegen kommt.

Im Winter ist Käsmu dann ausgestorben. Die einzige Straße, die in den Ort führt, ist oft eingeschneit. Nur die Alten sind geblieben. Und Aarne Vaik, der unermüdliche Sammler, mit seiner Frau Tiina Koitla. Tiina sitzt dann im Wintergarten, trinkt Tee und schaut aufs Meer. Wer weiß, ob nicht doch noch Besucher ins "Meremuuseum" wollen. "Die Leute denken, wir sind verrückt", sagt Tiina, "wir sind es auch. Aber es ist nun mal kein Kraut gewachsen gegen die Eitelkeit eines Sammlers, der seinen Besitz vorzeigen will."

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