Zeitung Heute : Wo Einstein bis drei zählen lernte

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Von Caroline Fetscher

Hier im Musiksalon der Grunewald-Villa, das hat Robert-Alexander Bohnkes Großmutter Marie von Mendelssohn ihrem Enkel erzählt, wurde Albert Einstein ermahnt, er möge auf der Violine den Takt einhalten. Der kleine Robert-Alexander, genannt „Robi“, saß oft im hellen Kinderanzug und mit großen Ohren dabei, wenn musiziert wurde, und er amüsiert sich heute noch, wenn er daran denkt. „Für uns Kinder war Einstein nur so ein alter Mann, der unsauber und unrhythmisch Geige spielte.“ Einmal hatte der Pianist Artur Schnabel Einstein zugerufen, „ja, werden Sie denn niemals lernen, bis drei zu zählen“. Zum Abendessen erschienen hier manchmal 250 Gäste, wie man so sagte, „tout Berlin“. Auch Max Planck kam auf Besuch, ins Herrenzimmer, Walther Rathenau, ein Nachbar, schaute oft herein.

Einmal, 1904 oder 1905, keiner weiß es mehr genau, war sogar der Kaiser selbst da. Sofort wurde das Modellboot aus dem Paket geschält, das Seine Majestät als Geschenk vorausgeschickt hatte – doch dann mussten die Dienstboten der Mendelssohns es in Windeseile wieder einpacken: „Der Kaiser will selber sehen, wie Sie sich freuen“, hatte ein Adjutant gedrängt, ehe Wilhelm II. in die Halle der Bankiersvilla trat. „Meine Mutter Lilli war damals noch ein Mädchen“, erzählt Bohnke. „Sie nannte ihn ,Kaiserchen’, fand seine glänzenden Knöpfe wunderschön und sang für ihn das Lied ,Ihr Kinderlein, kommet’.“

Später, als Teenager, verliebte sich die Mutter in Rathenau, über den sie in ihr Tagebuch schrieb: „Ich langweile mich, Rathenau soll mit mir rodeln gehen!“ Dieses Dokument gehört zu den schönsten Erinnerungsstücken in Bohnkes Sammlung. Walther Rathenau übrigens wurde kaum hundert Meter von der Villa Mendelssohn entfernt am 24. Juni 1922 erschossen. Seine Mörder waren antisemitische Ex-Offiziere.

Versenkt wie ein Dampfer

Aus einem untergegangenen Berlin tauchen all diese Geschichten auf, wenn Robert-Alexander Bohnke erzählt. Aus der Geschichte des jüdischen Berlin, des intellektuellen, geselligen und wohlhabenden, das vom Nationalsozialismus versenkt wurde wie ein Dampfer mit all seinen Passagieren. Überlebende könnten sich als Schiffbrüchige fühlen, doch das liegt Bohnke überhaupt nicht. Er sagt, er sei trotzdem glücklich geworden – als Pianist und Komponist, durch Musik, Freunde und seine fünf Kinder. Im März feierte Bohnke in Tübingen am Neckar seinen 75. Geburtstag, wo sein Laudator der alte Weggefährte und Musikkritiker Joachim Kaiser war. „Eitel ist er wirklich nicht!“, sagte Kaiser. Man glaubt das, wenn man erlebt, wie Bohnke heute auf einer der Terrassen des einstigen Elternhauses sitzt und von damals erzählt, beschwingt, mit Hingabe ans Erinnern, nicht ans Wiederhabenwollen.

Am Herthasee in Grunewald stehen heute nur noch Reste der 50-Zimmer-Villa, die der kaiserliche Hofrat Ernst von Ihne um 1898 für Franz von Mendelssohn im Stil englischer Landhäuser bauen ließ. Jetzt kehrte Robert-Alexander Bohnke dorthin zurück, nur zu Besuch. In seine Geburtsstadt Berlin, wo er auch noch zur Schule ging, war er wegen eines Klassentreffens mit den Mitschülern vom Arndt-Gymnasium gekommen.

Der Sohn der Musikerin Lilli Mendelssohn und des Komponisten Emil Bohnke verlor 1928 beide Eltern am selben Tag durch einen Autounfall. Das Paar war auf dem Weg ins pommersche Pasewalk, wo sie die Sommerferien verbringen wollten. Robi war damals gerade ein Jahr alt. Die silberne Taufschale dieses Jüngsten von drei Kindern – schon seit Generationen ließen sich die Mendelssohns taufen – steht heute in einer Vitrine des Jüdischen Museums in Berlin. Robert-Alexanders Tauftag ist darin eingraviert, auch der seiner Mutter, des Bruders, der Schwester und der Großmutter. Sie verstanden sich als Christen. „Oft hat meine Großmutter nach dem Machtantritt der Nazis geseufzt, wie schlimm es sei, was die armen Juden jetzt alles durchmachen müssten.“ Sie ahnte nicht, dass die Taufe vor Verfolgung nicht schützen würde. Bohnkes Großmutter Marie entkam den Nazis im letzten Moment, 1943, durch die Intervention eines hohen Beamten und floh nach Schweden. Ihr Ehemann war damals schon verstorben.

Robert-Alexander und seine beiden Geschwister wuchsen nach dem Tod der Eltern bei den Großeltern auf. Ihr Geld hatten die Bankiers vor allem durch Russlands Zaren verdient: Die Bank Mendelssohn&Comp. finanzierte ihnen die Eisenbahnlinien quer durch den russischen Kontinent. Franz von Mendelssohn war in der Weimarer Republik auch ein hochkarätiger Wirtschaftsführer, er war Präsident des Deutschen Industrie- und Handelstages und besaß ein kleines Imperium.

Marie und Franz von Mendelssohn verwöhnten Robert-Alexander, wie der heute sagt, „auf nahezu absurde Weise. Ich durfte alles.“ Sie wollten ihn, den Jüngsten, entschädigen für einen Verlust, den das Kind kaum begriff. So wurden Haus und Garten zu seiner grenzenlosen Spielwiese, und der riesige Dachboden war zur Turnhalle ausgebaut worden.

Das Grundstück der Grunewald-Villa, 23000 Quadratmeter, gehört nun längst anderen. Und nur in Fragmenten lugt der Bau von damals aus einem geschmacklosen Durcheinander von spitzen Metallgiebeln und Balkonen hervor, das ihm Mitte der 60er Jahre übergestülpt wurde. Von der Atmosphäre des Musiksalons, die hier einst geherrscht haben muss, spürt man heute nichts mehr. Man fühlt sich eher wie in einer Jugendherberge, und an die Mendelssohns würde kaum etwas erinnern, hinge nicht, fast verschämt, ein kleines Porträt des Vorfahren Moses Mendelssohn im hohen Foyer des „St. Michaels Heim“, das das „Johannische Aufbauwerk“ hier 1957 einrichtete.

„Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“, soll der Käufer den Mendelssohns damals gesagt haben, erinnert sich Bohnke. Denn die erhielten nicht viel: Für ganze 332500 Mark erwarb die evangelische Freikirche das Anwesen, nachdem die Mendelssohns vergebens bei den Alliierten um Käufer geworben hatten. 1938 hatten die Machthaber das jüdische Bankhaus Mendelssohn liquidiert, viele aus der Familie flüchteten. Die Villa wurde zunächst ein Gästehaus für Naziprominenz. Später überwachte die Gestapo von hier aus Telefonate der Bürger im Bezirk Grunewald. Ab 1946 verwendeten die Briten das Haus als Schule. Als sie sich dafür einen Neubau in Charlottenburg suchten und den Mendelssohns ihren Besitz zurückgaben, mochte die Familie, inzwischen in alle Welt verstreut, das Haus nicht mehr behalten.

Jetzt stehen hier ein Gästehaus für die Kongresse der Gemeinde, ein Bioladen und eine Kapelle, es gibt Senioren-Tanznachmittage, Grillpartys und Männergruppen. Freundlich fragt der ehemalige Sohn des Hauses nach, ob er sich einmal umsehen dürfe. „Selbstverständlich“, sagt die Dame an der Rezeption mit einem Anflug von Respekt. „Wir sind keine Sekte“, antwortet sie dann mit einem Anflug von Empörung auf die Frage nach dem Charakter der Kirche.

Auf der neugotischen Galerie, oberhalb des Foyers, findet sich der „Treffpunkt Nähstube“. „Hier hingen die drei van Goghs“, sagt Bohnke und zeigt im damaligen großen Musikzimmer auf eine weiße Wand, „und da der Manet, da drüben ein Cézanne.“ Einige Räume weiter, im früheren Schlafzimmer von Robert-Alexander Bohnkes Großmutter, übt eine Siebenjährige Blockflöte. „Was spielst du gerade?“, fragt der Gast, der in diesem Haus zur Welt kam. „Weiß nicht“, sagt das Mädchen verlegen. „Darf ich mal?“, Bohnke klappt das Klavier auf und erklärt der verduzten Flötenlehrerin, dass er hier einst gewohnt hat. Bohnke spielt eines von Felix Mendelssohn-Bartholdys „Liedern ohne Worte“, ein kurzes, heiter-trauriges Stück. Ein paar Augenblicke lang scheint der Pianist weit weg zu sein.

Oben auf der Terrasse des Hauses sitzen die Gäste und Mitarbeiter des „Johannischen Aufbauwerks“ bei Kaffee und Kuchen. Von hier aus überblickt man den Park, in dem Bohnke als Junge gespielt hat und wo sich einer seiner Onkel, ein homosexueller Künstler, zu Amouren mit Gustav Gründgens und Vladimir Horowitz traf. Schmunzelnd erzählt Bohnke auch über das frühere Personal, 30 Leute waren es, darunter acht Gärtner und der strenge Chauffeur Schulz, vor dem der kleine Robi mehr Ehrfurcht hatte als vor dem Großvater. Schulz nahm den Jungen nur mit, wenn der sich zuvor die Hände gewaschen hatte. Einer der Diener war nur für das Aufziehen und Warten der Uhren zuständig, einer nur zum Beaufsichtigen der Gärtner. Bohnke scheint die Vergangenheit in Anekdoten aufgelöst zu haben, kein Anflug von Bitterkeit.

Der junge Robert-Alexander besuchte in Berlin zunächst wie jedes Kind die Schule. Doch 1941 zogen er und seine Geschwister fort aus Berlin. Die Großeltern hatten sie nach Österreich geschickt, aufs Land. Einigermaßen unbehelligt überstanden sie den Krieg. Aus Robert-Alexander Bohnke wurde nach dem Krieg ein bekannter Pianist. In Genf gewann er 1956 den internationalen Klavierwettbewerb, eine der höchsten Auszeichnungen der Musikwelt in seinem Fach. Er wurde Professor für Klaviermusik in Freiburg, frönte seiner Leidenschaft für Tolstoi, Dostojewski und Gogol, bereiste Japan, die USA und ganz Europa. Von seinem Idol, dem Weltstar Vladimir Horowitz, hörte Bohnke so viele Konzerte wie möglich.

Auf den Spuren des Erbes

Vom Vorfahren Moses Mendelssohn hat Bohnke gesammelt, was immer ihm in die Hände kam, und er liebt „vor allem die Schriften zur Toleranz“. Toleranz war die Tugend, die „Nathan der Weise“ verkörpert, Lessing entwarf ihn als Abbild des befreundeten Philosophen Mendelssohn.

„Was will der Jude?“, soll Moses Mendelssohn gefragt worden sein, als er sich 1743 am Rosenthaler Tor als Neubürger von Berlin registrieren ließ, wie es für alle Juden von außerhalb Pflicht war. „Lernen!“, lautete seine Antwort, so die Legende. Zu Fuß war er aus Dessau gekommen, und er lernte und lehrte bald rasch und viel im Preußen Friedrichs des Großen, der den Juden gestattete, „Handel, Commerce, Manufakturen, Fabriquen und dergleichen“ zu betreiben.

Moses Mendelssohn war einer der Protagonisten der Berliner und der jüdischen Aufklärung, der Haskala. Doch die Toleranz gegenüber Juden war nicht immer spürbar für den Philosphen und seine Familie. „Allhier in diesem sogenannten duldsamen Lande“, schrieb Moses Mendelssohn einmal, „lebe ich gleichwohl so eingeengt, durch wahre Intoleranz so von allen Seiten beschränkt.“ Seine Kinder, sagt er, fragen ihn: „…was ruft uns jener Bursche dort nach? Warum werfen sie mit Steinen hinter uns her? Was haben wir ihnen getan? (…) Ich schlage die Augen unter und seufze mit mir selber: Menschen! Menschen! Wohin habt ihr es endlich kommen lassen?“

Die Jahrhunderte später geborenen Nachfahren des Gelehrten sollten Phasen erleben, in denen es ihnen besser erging als ihm. Jetzt ist einer von ihnen, Robert-Alexander, ein Besucher in Berlin, wo wir das Erbe der Mendelssohns vor allem in Museen aufheben. Im Libeskind-Bau etwa kann man Bohnke dann dabei zusehen, wie er einer Führung durch die Abteilung Moses Mendelssohn lauscht. Heimlich macht er Fotos und freut sich fast kindlich, dass ihn keiner ertappt.

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