Zeitung Heute : Wo es Hilfe gegen Überforderung gibt

Bei der Suche nach dem richtigen Anti-Stress-Trainer sollte man auf Methodenwissen achten

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Eigentlich sind sie Psychologen, Mediziner und Sportwissenschaftler, manchmal auch Heilpädagogen oder Physiotherapeuten. Doch sie nennen sich oft lieber Coach, Mentaltrainer oder Anti Stress-Manager – genauso also wie die Absolventen diverser Coaching-Lehrgänge, die inzwischen bundesweit angeboten werden. Für beide Gruppen zuständig fühlt sich der Deutsche Bundesverband Coaching (www.dbvc.de) in Frankfurt a. M., der strenge Anforderungen an seine Einzelmitglieder und an Coaching-Weiterbildungs-Anbieter stellt. Um einen gemeinsamen Standard bemüht sich auch die DIN Certco (www.din-certco.de), eine Tochtergesellschaft des DIN, mit „PAS 1029“. Diese Art „Vor-Norm“ prüft, ob der Coach über Fach-, Methoden- und Sozialkompetenz verfügt.

Doch nicht jeder, der Anti-Stress-Ttrainings anbietet, möchte sich einem Verband anschließen oder einer Norm-Prüfung unterziehen. DBVC-Mitglied Christoph Rauen schätzt, dass es in Deutschland rund 3500 Coaching-Berater und rund 200 Weiterbildungsanbieter gibt. „Der Coaching-Markt ist sehr unübersichtlich“, urteilen deshalb die Personalentwickler in Unternehmen wie TUI, Walter Bau, Daimler-Chrysler oder auch Deutsche Bahn – und haben sich der Forschungsstelle Coach-Gutachten in Hamburg (www.coach-gutachten.de) angeschlossen. Absicht des Teams um Professor Harald Geißler, der an der Universität der Bundeswehr in Hamburg Berufs- und Betriebspädagogik lehrt, ist es, „die Qualität von Coaching-Angeboten besser beurteilen zu können“. Das ist tatsächlich nicht einfach. Unter oft noch fantasievolleren Bezeichnung als Fitness-Coach kann jeder etwas völlig anderes offerieren, als Beruf staatlich anerkannt sind die Tätigkeiten, die zum Stressabbau führen sollen, ohnehin nicht.

Die meisten Kunden freilich scheint dies nicht zu stören. Im Gegenteil: Dass sie weder ein fertiges Produkt noch eine in sich abgeschlossene Dienstleistung erwarten dürfen, ist meist sogar Grundlage des Vertrags zwischen Coach und Kunden, dem so genannten Coachee. Auch beim renommierten Anbieter Heinze + Alwart in Hamburg beispielsweise heißt es: „Es werden Kräfte und Motivationen frei gesetzt, die durch Routine und Stress verschüttet wurden. Wir unterstützen diesen Prozess und entwickeln aus dem Potential des Coachees eine tragfähige Lösungskompetenz. Das Ziel heißt: Eigenständigkeit und Eigenverantwortung. Das Mittel: Hilfe zur Selbsthilfe! Die Erfolge: Leistungssteigerung, neue Perspektiven, verbessertes Selbstmanagement.“

Mit einer Stunde Lockerungsübungen bei aromatisch angereichertertem Raumklima und Entspannungsmusik scheint es beim Coaching oder Training, das dem Stressabbau dienen soll, offensichtlich nicht getan. „Diese Variante funktioniert nur, wenn man den Stress auslösenden Stressor kennt und tatsächlich ausschalten kann, etwa störenden Lärm“, erklärt dazu Winrich Widera vom artop-Institut an der Humboldt-Universität zu Berlin (www.artop.de). Meist müssten Verhaltensänderungen im Umgang mit dem Stress, etwa in Form von neuen Regeln, gefunden werden. Und das sei „harte Arbeit sowohl für den gestressten Klienten als auch für seinen Coach", sagt Widera und nennt eine fundierte Ausbildung deshalb „unverzichtbar".

Eine Untersuchung durch das artop-Institut belege, „daß die Wirkfaktoren beim Einzelcoaching sehr komplex sind. Um einen Coachingprozess zum Erfolg zu bringen, benötigt ein Coach daher die entsprechenden Instrumente – in Form unterschiedlichster Methoden“, sagt Widera. Das könne nur eine Ausbildung bei einem seriösen Anbieter erreichen. Wer unsicher sei, worauf er bei der Auswahl seines Anti-Stress-Trainers achten soll, empfiehlt Widera, unbedingt auf eine qualifizierte Ausbildung zu achten und sich gegebenenfalls an einen der Verbände oder das artop-Institut zu wenden. rch

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