Zeitung Heute : Wo gar keine Fahnen wehen Harald Martenstein sucht die Begeisterung in Frankreich

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Das Erste, was einem in Frankreich auffällt: Es gibt keine Fahnen. Kein Franzose hat sich die Tricolore an sein Auto montiert. An den Fenstern hängt auch nix. Wenn man den Fernseher einschaltet, immerhin zwei Tage vor dem mindestens zweitwichtigsten Fußballspiel der französischen Geschichte, kommt fast nix. Sie berichten aber groß über die Tour de France, Wimbledon steht in der Wichtigkeitshierarchie der Sportsender auf Platz zwei.

Man glaubt, dass es überall auf der Welt, zumindest bei den Fußballnationen, so ähnlich aussehen müsste wie zurzeit in Deutschland. Offenbar ist es nicht so. Offenbar macht es einen riesigen Unterschied aus, ob eine WM im eigenen Land stattfindet oder nicht. Anderswo ist es eben ein Medienereignis, eine Sache, die man vielleicht interessiert verfolgt, nicht etwas, bei dem man als ganzes Land mitzumachen glaubt.

Ich bin in Péronne, einer kleinen Stadt in der Picardie, etwa 150 Kilometer nördlich von Paris . Madame Prévost ist eine leitende Mitarbeiterin bei der größten Kultureinrichtung der Region, einem Kriegsmuseum, das an den Ersten Weltkrieg erinnert. Im Jahr 1916 haben sich hier am Fluss Somme Deutsche, Franzosen, Briten und ihre Verbündeten die größte Schlacht der Menschheitsgeschichte geliefert, eine Million Tote, mehr als in Verdun, ein englischer Offizier, Captain W. P. Nevill, ließ seine Einheit, ein paar hundert Mann, mit Fußbällen dribbelnd gegen die deutschen Stellungen anrennen. Er hatte einen Pokal gestiftet, für denjenigen, der als Erster einen Ball in einen deutschen Schützengraben hineinschießt. Das fand er amüsant und motivierend. Eine verbürgte Geschichte. Fast alle sind gefallen, auch Captain Nevill.

Madame Prévost erzählt, dass sich etwas geändert hat. Früher habe es nach großen Siegen im Fußball nur in Paris und vielleicht ein paar Großstädten Autokorsos gegeben. Jetzt gibt es das überall, auch in Péronne. Die Jugendlichen würden bei dieser Gelegenheit Mülltonnen anzünden, hin und wieder sogar ein Auto. Eine Schande, sagt sie. Der Fußball sei nur ein willkommener Anlass für Ungezogenheiten. Obwohl die Mannschaft so gut spielt, ist Frankreich nicht wirklich ein fußballverrücktes Land, es tickt anders als Deutschland oder England. Im Flugzeug von Paris nach Berlin, kurz vor dem Endspiel, trägt nur eine einzige Person das französische Trikot. Es ist eine Dame von etwa sechzig Jahren, sie meint es ironisch. Die Franzosen wirken ziemlich gelassen, genau wie Zinédine Zidane.

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