Zeitung Heute : Wo gehobelt wird

…streiten sich Ost und West. Warum ein Gurkenschälgerät das Land spaltet – und worauf man beim Kauf achten muss.

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Von Susanne Kippenberger

Es hätte alles so schön sein können an diesem deutschen Feiertag, so einig und harmonisch. Seit der großen Flut gab es die Grenze zwischen Ost und West doch nicht mehr, gab es nur noch Menschen, die Hand in Hand gegen die Katastrophe ankämpften – wer woher kam, danach hat in den Hilfstrupps niemand gefragt. Und dann das! Ein Gurkenhobel entzweit die Nation. Ein sächsisches Ehepaar hatte das „3-teilige Küchenset für höchste Ansprüche“ in Bad Füssing an einem Straßenstand für 25 Euro gekauft. Wieder daheim, probierten sie es in der Küche aus und erklärten das Gerät für „Schrott. Stumpf, wackelig, ohne Funktion“ und reklamierten. Daraufhin wurden sie vom Verkäufer in einem Brief wüst als blöde Ossis beschimpft. „Ich empfehle Ihnen den Umgang mit Ihrem ehemaligen DDR-Schrott, weil Sie der Handhabung eines qualitativ hochwertigen Gerätes anscheinend nicht gewachsen sind.“ Die Mauer wollte der Verkäufer (der inzwischen nicht mal mehr ans Telefon geht) in doppelter Höhe wieder aufbauen. „Bild“ brachte die Affäre groß heraus („Dieser Unternehmer beleidigt 16 Millionen Deutsche“), andere Zeitungen zogen nach. Vor lauter Empörung ging die Nachricht fast unter, dass der Händler selbst aus Sachsen-Anhalt kam und der Hobel aus Thüringen.

Dick, dünn, fetzig

Die Affäre trifft einen wunden Punkt: Auch wenn der Gurkenhobel zur Grundausstattung eines jeden deutschen Haushalts gehört – einen guten zu finden, ist eine Kunst. Entweder er ist zu scharf oder zu stumpf oder zu rutschig, die Schneide wackelt oder rostet, hobelt zu dick oder zu dünn, dass nur noch Fetzen in die Schüssel fliegen. Oft will er zu viel auf einmal sein, Hobel und Reibe zugleich, mit vielen Einzelteilen und komplizierter Gebrauchsanweisung und hohem Preis. 142 Euro kostet die „Mandoline“, zu der Profis gerne greifen. Dafür kriegen sie 38 verschiedene Klingen, mit denen sie Karotten in Waffelmuster und Kartoffeln in Streichholzform schneiden können.

Carmen Krüger, beste Köchin Brandenburgs, schwört dagegen auf ihren schlichten kleinen Plastehobel, ohne Schnickschnack und Gebrauchsanweisung, mit schön scharfem Messer. Der hält zwar nicht ewig, aber „hobelt wie ein Gewitter“. Das Gerät hat die Berlinerin sich schon lange vor der Wende aus München regelmäßig zuschicken lassen. Denn, lacht die Köchin, die früher als Metzgerin im Familien-Betrieb gearbeitet hat: „Wir haben die DDR nur mit West-Messern überlebt“; mit dem „Mistforkenstahl“ aus dem Osten, wie ihr Vater schimpfte, habe man kein Schnitzel schneiden können.

Ein schlichtes Gerät passt gut zum schlichten Gemüse. Denn der Reiz der Gurke liegt in ihrer Einfachheit, darin, dass man sie überall und günstig kaufen und schnell zubereiten kann. Man muss den Salat nicht lange waschen, ja, nicht mal pellen soll man ihn: Denn unter der Schale steckt die ganze Gesundheit (weswegen man gewachste Exemplare meiden sollte). Auch Kalorien hat die Gurke kaum, besteht sie doch zu 97 Prozent aus Wasser – und schmeckt erstaunlicherweise trotzdem nicht nach Wasser, sondern nach Gurke.

Vincent Klink macht es sich noch einfacher als Carmen Krüger. Den Krauthobel aus Holz überlässt der Stuttgarter Starkoch seinen Mitarbeitern, elektrische Gemüseschneider kommen ihm eh nicht in die Restaurantküche, er selber schneidet die Gurke mit der Hand. Das gebieten ihm Ehrgeiz und Ehre, aufs Handwerk legt er großen Wert. Aber, gibt Klink zu bedenken, „das muss man können, das ist so wie beim Eiskunstläufer, der jahrelang trainieren muss, bis er seine Pirouetten drehen kann“. Zu schwersten Verstümmelungen sei es in seiner Lehrlingszeit gekommen, bis er die wichtigste Lektion verinnerlicht hatte: Fingerspitzen einziehen.

Aber jetzt kann auch Amateuren geholfen werden. Schlicht und raffiniert zugleich ist das neue Gerät aus dem Hause Rösle. „Für den Gurkenhobel bricht eine neue Zeit ein“, jubelt die altehrwürdige Metallwarenfabrik über das eigene Produkt – und hat durchaus Recht damit. Fast zwei Jahre lang hat Erhard Heidebrecht mit der Firma daran herumgetüftelt, ließ es testen von Profiköchen und seiner Frau. Am Ende hatte der Designer alle Problemzonen beseitigt: Sicher und sauber, flexibel und scharf ist das Gerät, dem Gummifüßchen festen Halt geben.

Wie ein Turner auf dem Reck

Der gebogene Griff liegt angenehm, fest, aber weich in der Hand. „Wie ein Turner mit den Kniekehlen auf dem Reck“, so der 60-Jährige, hängt das Gerät auf der Schüssel. Der Rahmen ist lasertechnisch so geschweißt, dass Speisenreste nicht hängen bleiben. Und der Clou: Die Rädchen lassen sich so verstellen, dass man die Scheiben in verschiedenen Abstufungen dick oder dünn schneiden kann. Letztes Jahr wurde das Edelstahl-Teil auf der Messe in Frankfurt vorgestellt, und gleich mit drei großen Designpreisen ausgezeichnet. Plagiate sind auch schon auf dem Markt.

Wie ein deutscher Gurkenhobel beschaffen sein muss, schreibt keine Bestimmung vor, aber wie eine europäische Salatgurke auszusehen hat, ist gesetzlich genau festgelegt. Fest und gerade muss sie sein, aber nicht bitter. Ein Exemplar der „Extra-Klasse“ hat „gut entwickelt und gut geformt“ zu sein. Maximal zehn Millimeter auf zehn Zentimeter Länge darf die Krümmung betragen.

Die Schlangengurke selber ist gar nicht deutsch. Als man in Thailand 11500 Jahre alte Speisereste entdeckte, befanden sich auch Gurken zwischen Nüssen und Erbsen. Vergil hat die Gurke gepriesen, Kaiser Tiberius aß sie jeden Tag. Allerdings trieben die Römer der Gurke noch mit Honig die Bitterkeit aus, die inzwischen weggezüchtet ist. Gurkensalat allerdings hat für Vincent Klink etwas sehr Deutsches. Weshalb der Koch Olivenöl auch unpassend findet und lieber zu Apfelessig und kalt geschlagenem Rapsöl greift. Das ist auch dickflüssig und von tiefem Goldgelb, ein klein wenig nussig, aber nicht dominant und schmiegt sich an die Scheiben.

Aber deutsch muss der Gurkensalat nicht sein. Es gibt englischen (mit Bleichsellerie), russischen (mit Sahnequark, Knoblauch und saurer Milch), österreichischen (mit Kürbiskernöl) und exotischen, wie Kolja Kleeberg ihn zubereitet: Der Chef im Restaurant „Vau“ karamelisiert Zucker, löscht mit Limettensaft ab, gibt feingeschnittenen Ingwer dazu, ein wenig Brühe und Creme fraiche, Pfeffer und Salz. Vorher salzt er die Gurken immer erst, um das Wasser rauszuziehen; von der Flüssigkeit nimmt er dann oft einfach ein wenig und schlägt es mit Creme fraiche, Pfeffer und Salz auf, um am Ende Petersilie dazuzugeben – „eine herrliche frische Beilage zu knusprig gebratenem Bachsaibling“.

Man kann auch Senf in die Sauce geben, Carmen Krüger macht ihren Salat am liebsten mit saurer Sahne, Zitrone und Zucker an. Dazu Quetschkartoffeln, mit ausgelassenem Speck und Zwiebeln zur Krönung – das ist „wie Weihnachten für mich“. Das gab’s zu Zeiten der DDR immer am Internationalen Frauentag, denn wenn in Leipzig die Messe eröffnet wurde, fing die Saison offiziell an. Kühl, knackig und nass ist die Gurke die ideale Erfrischung für den Sommer. Dann nämlich hat das Gemüse Hochsaison. Jetzt neigt sich die deutsche Freilandgurkensaison dem Ende zu. Den Gurkenhobel allerdings müssen Sie nicht einmotten, der hat immer Saison. Wenn er was taugt, kann man damit nämlich viel mehr als Gurken schneiden: Trüffel und Möhren, Zwiebeln und Zitronen, Kürbis und Kohl, Parmesan und sogar Camembert, wie es in einem Rezept empfohlen wird. Vorausgesetzt, dass der Weichkäse gefroren ist.

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