Zeitung Heute : Wo geht es hier zur Wirklichkeit? „New York Times“-Skandal: Reporter Blair und sein Buch

Matthias B. Krause[New York]

Von Matthias B. Krause,

New York

Fast hätte er an einem Nachmittag im Café „Mona Lisa“ in Greenwich Village, New York City, seinem Leben und den Lügen ein Ende bereitet. Das war vor knapp einem Jahr, Jayson Blair stand in der Toilette, zog den Gürtel aus seiner Hose, legte ihn um den Hals und suchte nach einem passenden Haken, um Schluss zu machen. „Dann traf mich ein Lichtschein, als hätte er einen Weg durch eine Ritze in der Tür gefunden – doch er war in meinem Kopf“, beschreibt er später die Szene. Er rennt raus zu seiner Freundin, die an einem Tisch wartet und fährt nach Hause. Damals hatte sein Arbeitgeber, die „New York Times“, gerade Verdacht geschöpft, dass ihr Reporter unsauber recherchiert, aber das Ausmaß der Lügen war noch nicht bekannt. Selbst danach erfand er weiter Geschichten, verstand den Unterschied nicht mehr zwischen Lüge und Wahrheit. Irgendwann dämmerte es ihm: „Die Wahrheit wird mich entweder befreien oder töten.“

Jayson Blair sitzt bei Larry King, dem Meister-Talker von CNN, gibt sein erstes Live-Interview nach dem Skandal, der den „New York Times“-Chefredakteur und dessen Stellvertreter den Job kostete, und macht einen lebendigen, aber alles andere als befreiten Eindruck. Der Blick starr, der Körper steif im taubenblauen Hemd. Er stolpert über seine Worte, sagt in jedem zweiten Satz „weißt du“, und nur mit Mühe gelingt es ihm, seinen Antworten einen ungefähren Sinn zu geben. Vor einem Jahr noch war er ein hoch gehandelter Nachwuchsreporter bei der „Times“. Dann entpuppte er sich als Urheber dessen, was die größte und angesehenste Zeitung des Landes als einen „Tiefpunkt in unserer 152-jährigen Geschichte“ bezeichnete, nachdem sie die Erfindungen und Fälschungen in wenigstens 36 seiner Berichte aufdeckt hatte. Mittlerweile ist Blair gefeuert, in psychiatrischer Behandlung – und hat ein Buch veröffentlicht.

„Burning Down my Masters’ House“ heißt das Werk, in dem er seine vier Jahre bei der „Times“ schildert als eine Tour de force mit langen Arbeitstagen, Diskriminierung, Frust, erbittertem Konkurrenzkampf – und noch längeren Nächten voller Alkohol, Drogen, Sex. Schon mit dem Titel will er deutlich machen, dass bei seinem Aufstieg – und vor allem seinem Fall – seine Hautfarbe eine Rolle gespielt habe. Doch an keinem Punkt führt er überzeugende Belege für seine These an. So behauptet er etwa, der Lokalchef der „Times“ habe ihn wegen seiner Rasse nicht befördern wollen – nachdem er zuvor in langen Passagen schildert, wie er den Firmenwagen missbraucht, Konferenzen platzen lässt, private Bar-Rechnungen über Hunderte von Dollar über seinen Arbeitgeber abrechnet.

Blair entschuldigt sich wortreich für seine Verfehlungen, aber er übernimmt keine Verantwortung. Schuld waren andere, die Umstände, seine Unsicherheit, seine Hautfarbe, dass er sexuell missbraucht worden sei als Kind, seine Drogensucht, seine mittlerweile diagnostizierte Krankheit, er ist manisch-depressiv. Alle, alles, nur nicht Jayson Blair, 27, Ex-Reporter, ein junger Mann aus der Provinz, der die Chance seines Lebens vermasselte. Diesem Muster bleibt er auch bei Larry King treu. Als King ihn fragt, ob es manchmal nicht einfacher gewesen wäre, an die Orte des Geschehens zu fahren, statt alles daheim am Schreibtisch in Brooklyn mit Telefon und Internet zu recherchieren und zu erfinden. Das Informationszeitalter biete so viele Möglichkeiten, sagt Blair: „Man kann sie missbrauchen, wenn man ein fauler Reporter ist. In meinem Fall war es nicht nur Faulheit, ich war in dieser Zeit schon sehr krank.“

150000 Dollar Vorschuss erhielt Blair angeblich für das Buch, das Nicholas Lemann, Journalismus-Professor an der Columbia-Universität, als „unbearbeiteten Download aus Blairs Hirn“ kritisiert. Und genau so klingt Blair auch im Fernsehen, wenn er zum Beispiel zu Larry King sagt: „Es ist ein täglicher Kampf, wirklich meine Medizin zu nehmen, weil ich die manische Seite mag. Man kriegt viel, weißt du. Es ist ein Teil dessen, was mich zu einem guten Journalisten gemacht hat.“

Über die Branche, die er in Verruf brachte, erfährt man wenig im Buch. Wer große Enthüllungen erwartet hatte, wird enttäuscht. Praktiken, die er ankreidet, wie etwa das Vortäuschen von Recherchereisen, ohne den Schreibtisch verlassen zu haben, sind längst bekannt. Ohnehin weiß man nie so genau, wer das Buch eigentlich geschrieben hat: Blair, der Reporter, oder Blair, der Erfinder.

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