Zeitung Heute : Wo geht’s Richtung Frieden?

Es ist einer der blutigsten Konflikte der Welt – mehr als 3,5 Millionen Menschen haben bereits ihr Leben verloren. Die Lage ist unübersichtlich, der Einsatz von UN-Soldaten höchst riskant. Trotzdem soll der Gewalt jetzt ein Ende bereitet werden.

Wolfgang Drechsler[Kapstadt]

KRIEG IM KONGO

Von Wolfgang Drechsler,

Kapstadt

Die Machete ist in Bunia oft tödlicher als eine Kalaschnikow. Wie schlimm die Vernichtungskraft des Buschmessers ist, können Besucher im Behelfskrankenhaus der nordostkongolesischen Provinzhauptstadt Ituri erahnen, wo Ärzte unentwegt damit beschäftigt sind, von Machetenhieben gespaltene Schädel zusammenflicken. Besonders schlimm ist der Anblick der Kinder mit ihren tiefen Schnittwunden: Einem Jungen wurde fast der Oberarm abgehackt und notdürftig wieder angenäht; einem kleinen Mädchen hat ein Hieb mit dem Buschmesser das Gesicht entstellt. Der Krieg im Kongo ist nicht nur besonders grausam, sondern auch höchst komplex – so komplex, dass er sich nicht so mühelos wie der Irak in die Schablonen des globalen Infotainments gießen lässt und deshalb bis vor wenigen Wochen einfach ignoriert wurde.

Dabei ist es der größte Krieg, der Afrika in seiner postkolonialen Ära plagt. Es ist ein Krieg, der sich wie ein Buschfeuer durch das Zentrum eines Erdteils gefressen hat. Der weit über zwei Millionen Kongolesen entwurzelt und in den letzten vier Jahren mehr als 3,5 Millionen Menschen – zumeist indirekt durch Krankheit und Hunger – das Leben gekostet hat. Würde sich dieser Krieg in einer wichtigeren und besser zugänglichen Weltgegend ereignen, könnte ihn der deutsche Fernsehzuschauer allabendlich in den Abendnachrichten verfolgen. Aber er geschieht im Kongo, und auf einem Kontinent, den viele als hoffnungslos abgeschrieben haben. Und es handelt sich um ein unübersichtliches Gestrüpp von Krisen und Konflikten: die Bürgerkriege in Uganda, Sudan und Burundi, die Nachwehen des Völkermordes in Ruanda und schließlich die Erbfolgekriege im Kongo nach der Vertreibung und dem Tod des langjährigen Potentaten Mobutu Sese Seko.

Hinter den Fronten laufen zudem zahllose Nebenkriege, Massaker und Racheakte wie eben auch das Morden in Ituri zwischen den verfeindeten Volksgruppen der Hema und Lendu. Da kämpfen in wechselnden Bündnissen geflohene Massenmörder, Banditen und versprengte Kindersoldaten aus oft gar nicht mehr existenten Armeen. Die Kriegsschauplätze liegen vom Urwald verborgen in einem Gebiet so groß wie Westeuropa, in einer unwegsamen von Flüssen und Hügelketten durchzogenen Wildnis.

Seinen Auftakt nahm der Krieg im Kongo im Jahr 1998. Im Osten des zentralafrikanischen Riesenreiches erhoben sich damals Rebellengruppen, um den korrupten Diktator Laurent Kabila zu stürzen. Die Aufständischen erhielten versteckt Waffenhilfe aus den benachbarten Ruanda und Uganda, während Angola, Namibia und Simbabwe dem bedrängten Kabila-Regime in Kinshasa zu Hilfe eilten. Seither tobt im zentralafrikanischen Becken trotz immer neuer Friedensschlüsse ein Buschkrieg, den keine Seite gewinnen kann.

Doch um die Kernursache des Konflikts zu verstehen, muss man in das Jahr 1994 zurückgehen: zum Völkermord von Ruanda, dem kleinen, überbevölkerten Staat an der Ostgrenze des Kongo. Die Massenmörder – die Armee der Hutu-Diktatur – wurden damals besiegt und flohen anschließend aus Angst vor Vergeltung in den heutigen Kongo, der damals noch Zaire hieß, um fortan von hier aus Mord und Terror an den Grenzen zu Ruanda und Uganda zu verbreiten. Kabila hatte einst versprochen, die Region nach seiner Machtübernahme zu befrieden und eine Sicherheitszone zu etablieren – als Puffer vor Übergriffen auf die Nachbarn. Doch das Gegenteil geschah: Kabila plünderte das von ihm übernommene Land – und die Massenmörder aus Ruanda trieben im Osten des Kongo auch weiter ungestört ihr Unwesen. Als die Rebellen deshalb selber gegen die Hutu-Milizen aus Ruanda vorgingen, verbündeten sich diese prompt mit Kabila.

Inzwischen kämpft im Kongo indes niemand mehr für die Demokratie oder die Wiederherstellung von Recht und Ordnung. Es geht fast nun nur noch um eines: die Ausbeutung der Bodenschätze in der rohstoffreichen Region. Simbabwe hat sich die jahrelange Militärhilfe von der Regierung des Kongo mit Schürfrechten und Firmenbeteiligungen fürstlich entlohnen lassen. Aber auch die Invasoren aus Ruanda und Uganda machen inzwischen unter dem Vorwand, die Rückzugsgebiete der Hutu-Massenmörder auszuräuchern, einträgliche Geschäfte mit Edelhölzern, Gold, Diamanten und dem begehrten Rohstoff Coltan, der unter anderem in Mobiltelefonen Verwendung findet. Auch haben Kriegsfürsten die Chance erkannt, sich mit logistischer Hilfe aus den Nachbarstaaten zu Kriegsgewinnlern aufzuschwingen und die hier lagernden Rohstoffe auszubeuten. Die Milizenchefs appellieren oft an ethnische Loyalitäten, um ihre Anhänger damit zu mobilisieren.

Angesichts der vielen Eigeninteressen sind alle Friedensverträge deshalb nur von kurzer Dauer gewesen. Die jüngsten Kämpfe in und um Bunia zeigen aber auch, wie wenig Einfluss die internationale Gemeinschaft bislang auf den Konflikt ausübt. Es bleibt abzuwarten, ob sich dies durch die Stationierung einer multilateralen Friedenstruppe mit „robustem Mandat“, wie sie nun erfolgt, nachhaltig ändern wird. Auch bleibt abzuwarten, ob 1400 Soldaten wirklich in der Lage sind, auch die Gegend jenseits von Bunia zu befrieden. Noch immer fehlt es an Geld, und kaum ein Staat will Tausende seiner Soldaten in dieses extrem unruhige und gefährliche Gebiet entsenden, wie es eigentlich nötig wäre, um das Morden dort dauerhaft zu stoppen. Viele Beobachter sind der Ansicht, dass es sich bei dem Krieg im Kongo um einen politischen Konflikt handelt, der in der Neuordnung Mittelafrikas münden wird. Gleichzeitig ist er eine wichtige Verteilungsschlacht im Zeitalter der Globalisierung.

„Was sich hier abspielt, ist der schlimmste und blutigste Konflikt dieses Jahrhunderts“, klagt David Johnson, Direktor des International Rescue Comittees (IRC). Viele Beobachter haben Bedeutung und Ausmaß wiederholt mit dem Dreißigährigen Krieg in Europa verglichen. Die Staatshülsen und Kunstgrenzen der Kolonialmächte sind zerfallen, Recht und Gesetz kollabiert, Kindersoldaten im Vormarsch. Sicher scheint nur eines: Trotz des plötzlichen Engagements der Weltgemeinschaft in der Region dürften noch Jahrzehnte vergehen, ehe im Herzen von Afrika ein Westfälischer Frieden einkehrt – und ein wirklich stabiles Staatengefüge heranwächst.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!

0 Kommentare

Neuester Kommentar