Zeitung Heute : Wo in der Stadt der Engel Menschen wohnen

Christian Schröder

Wer im Glashaus wohnt, duscht in einer Holzkabine. Das Stahl House, das Pierre Koenig 1959/60 auf einem Felsvorsprung in den Hügeln von Hollywood errichtete, wirkt wie die Inkarnation des westlichen Traums von Freiheit und Abenteuer. Das Haus ist auf Betonpfeilern bis an den Rand des Abgrunds und darüber hinaus geschoben, es scheint zu schweben. Darunter erstreckt sich Los Angeles, das von hier oben wie ein ornamentaler Teppich aus Dunkelheit und Licht aussieht. Die geschosshohen Panoramafenster werden nur alle sechs Meter von schmalen Stahlträgern unterbrochen, auch im Inneren kann der Blick frei schweifen, bloß Küche, Kamin und Sänitäranlagen sind in hölzernen Boxen untergebracht. Mehr Transparenz war nimmer. "Die Trennung von Innen und Außen ist tendenziell aufgehoben", schrieb die Zeitschrift "Arts & Architecture" 1960, "es gibt keine Demarkationslinie zwischen dem Ausblick von Innen und dem Horizont".

Das Stahl House mag wie das Krähennest einer versnobten Hollywood-Bohemia erscheinen, doch geboren wurde es aus der Not. Das Ehepaar Stahl hatte für nur 13 500 Dollar ein Hanggrundstück am Woods Drive erworben, auf dem allabendlich die Liebespaare in ihren Cadillacs parkten, um den Ausblick zu genießen. Es galt als unbebaubar, bis Koenig die Idee hatte, einen L-förmigen Glaspavillon auf eine Betonplattform zu stellen. Die Verwendung von ausschließlich handelsüblichen Doppel-T-Stahlträgern half, die Kosten zu minimieren. Als das Haus fertig war, fragten Freunde die Bauherrin: "Warum gibt es hier keine Wände, um Bilder aufzuhängen?" Und Frau Stahl antwortete: "Aber draußen ist doch ein Bild, das einfach perfekt ist." Die atemberaubenden Fotos, die Julius Shulman von dem Neubau machte, ließen das Haus zu einer Ikone der amerikanischen Nachkriegsmoderne werden. Luxus muss keine Frage des Geldes sein: Das war der Kerngedanke des Case Study House Program, eines Musterhauswettbewerbs, den "Art & Architecture" 1945 ausgeschrieben hatte. Bis 1966 entwarfen Architekten wie Richard Neutra, Eero Saarinen, Craig Ellwood oder Charles und Ray Eames 36 preisgünstige Einfamilienhäuser für das Magazin, das Stahl House war die Nummer 22.

"Es wird zur Pflicht all jener, die den Wünschen der Menschen nach gutem Wohnen dienen und davon leben, die harten Fakten, die dem Bau eines Hauses zu Grunde liegen, von allem Mysteriösen zu befreien", schrieb Herausgeber John Entenza in der Ankündigung des Programms. Deshalb veröffentlichte die Zeitschrift neben Fotos auch die kompletten Grund- und Aufrisse, und jedes Haus musste nach seiner Fertigstellung vier Wochen lang für die Öffentlichkeit zugänglich sein. Von der Utopie des "guten Wohnens" hatten auch schon die Organisatoren der Stuttgarter Weißenhof-Siedlung von 1927 geträumt, "Arts & Architecture" ging nun mit amerikanischem Pragmatismus daran, sie zu verwirklichen. Das Case Study House Programm, das jetzt von einem monumentalen Bildband aus dem Kölner Taschen Verlag (hg. von Elizabeth A. T. Smith, 440 Seiten, 150 Euro) dokumentiert wird, hat auf seine Art dafür gesorgt, den Westen zu einem wohnlicheren Ort zu machen. Nur eines ist dem Wettbewerb nicht gelungen: Kein einziges der als Prototypen gedachten Häuser wurde nachgebaut.

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