Zeitung Heute : Wo Israel erfunden wurde

Roland Mischke

Der Kibbuz wird in diesem Jahr 90, die Kibbuzbewegung versucht, sich neu zu definierenRoland Mischke

Ezra Klopfer, 85, kam gerade noch aus Wien heraus, bevor Hitler einmarschierte. Er emigrierte nach Palästina, damals unter britischer Mandatsverwaltung, und gründete mit anderen Emigranten 1937 den Kibbuz En Gev am Ostufer des Sees Genezareth. "Wir lebten jahrelang in Zelten und schäbigen Hütten und alle paar Wochen nahmen uns von den Golanhöhen herab die Syrer unter Beschuss. Mehrere Kibbuzniks wurden erschossen, auch unser Arzt. Wir versuchten es erst mit Bananenproduktion, dann mit Fischerei und schließlich mit Sand aus dem See, den wir als Bausand verkauften. Es war mühsam."

Rund 270 Kibbuzim gibt es heute in Israel. Es sind überwiegend Agrargenossenschaften, einige besitzen aber auch Fabriken und stellen Produkte für den

Export her, optische Geräte, Möbel, Chemie- oder Plastikartikel. Aber immer mehr Kibbuzim wechseln in die Tourismusbranche, rund 60 sind offen für Besucher und 25 von ihnen betreiben das Geschäft mit den Zugereisten professionell. Sie haben sich jüngst zur "Kibbuz Hotels Chain" (Kibbuzhotel-Kette) zusammengeschlossen und offerieren im teuren Reiseland Israel preisgünstige Urlaubsangebote für Familien, Studien- und Individualreisende.

Traditionalisten unter den Kibbuzniks verfolgen diese Entwicklung mit Entsetzen. Sie bringe "eine fremde Welt mit Alkohol und Drogen" in die entlegenen Enklaven, sagt zum Beispiel ein Bananenpflücker in En Gev. Ezra Klopfer schüttelt den Kopf, wenn er so etwas hört. Man könne doch nicht vor der modernen Welt fliehen, indem man den Kibbuz als Insel der Seligen bewahren wolle, wettert der Pensionär. "Wir müssen das, was wir haben, offensiv vermarkten. Ein Kibbuz wie En Gev mit seiner spektakulären Lage ist geradezu zum Tourismus verpflichtet", doziert er. Der Himmel ist strahlend blau, die Sonne tändelt blitzend mit den sachten Wellen. Wie auf einer Perlenschnur aufgereiht leuchten helle, schmucke Bungalows nur wenige Meter von Wasser und Strand entfernt. Die Palmen stehen für Touristen aus aller Welt wie zur Parade aufgereiht, die Wege zwischen den Bunga-

lows sind tadellos gefegt und die Sportanlagen proper. Im Gasthaus werden dreimal am Tag leckere Bufetts aufgebaut und als imposante Kulisse des Strandlebens baut sich im Hintergrund der Golan auf, ein Höhenzug von 70 Kilometer Länge.

Und nur einige Kilometer weiter in nordwestlicher Richtung liegen berühmte Schauplätze des Neuen Testaments: Kapernaum, wo Jesus predigte und den Fischer Petrus traf, der sich ihm als Jünger anschloss. Tabgha, wo sich eines der spektakulären Wunder ereignete, als Jesus auf dem nahegelegenen Berg der Seligpreisung die Bergpredigt hielt und mit der Tagesration eines Fischers 5000 Menschen satt machte. Und Tiberias, wie schon zu Zeiten der Römer ein Erholungsort mit Thermalquellen und uraltem Stadtbild. Der jüdische Kibbuz ist die beste Ausgangsstation zu den christlichen Stätten.

Am Südufer des Sees Genezareth wurde 1909 der erste Kibbuz gegründet, der den Namen "Deganya" (Kornblume) erhielt. Die Emigranten aus europäischen Ländern versuchten unter großen Mühen, das Land fruchtbar zu machen und hingen der Idee eines jüdischen Staates an, als sie wenig Grund hatten, daran zu glauben, dass es ihn jemals geben würde. Israel wurde im Kibbuz erfunden, wo die Prinzipien von damals noch heute gelten: Alles gehört der Gemeinschaft, jedes Mitglied stellt seine Arbeitskraft zur Verfügung, das Einkommen ist gleichmäßig verteilt, die Kinder werden gemeinschaftlich erzogen. Bis heute präsentiert sich Israel im Kibbuz als gesellschaftliches Modell, dem 2,5 Prozent der Gesamtbevölkerung anhängen.

Doch was einst als Experiment begann, nun unaufhaltsam zur Touristenattraktion wird und damit einem dramatischen Veränderungsprozess ausgesetzt ist, erlebt auch einen Kulturwandel. Eine Art von real existierendem Kommunismus, der 90 Jahre lang gut funktionierte, wird derzeit rasant in marktwirtschaftliche Verhältnisse überführt. Die Ideale bröckeln, der Materialismus erobert allmählich auch diese Bastion, in der die Individualisierungstendenzen unübersehbar sind.

Dani Wahle, 56, ein drahtiger Mann mit Rausche-bart und über 30jähriger Kibbuzerfahrung, hat die Entwicklung genau verfolgt. Er leitet im Kibbuz Yotvata an der Straße nach Eilat, nur 40 Kilometer von der Hafenstadt - dem südlichsten Punkt Israels - gelegen, die Hebräisch-Schule für Immigranten. Zwei seiner vier Kinder haben den Kibbuz bereits verlassen. Mitten in der Negev-Wüste gibt es nicht viel Abwechslung, und das ertragen vor allem Jüngere nur schwer. Wahle gehört zu denen, die sich für sie stark machen in der Grundsatzdiskussion, die gegenwärtig in den Kibbuzim geführt wird. "Innerhalb des Kibbuz leben und handeln wir sozialistisch", sagt er. "Aber nach außen hin sind wir völlig marktorientiert, weil wir anders nicht mehr überleben können."

Als in den siebziger Jahren Überstunden nötig waren, um die Dattelernte zu bewältigen, packten alle Kibbuzniks selbstverständlich mit an. Das Gesetz der Gleichheit gilt heute nicht mehr. Wer Überstunden leistet, wird extra bezahlt. Wohnungen in Yotvata sollen nicht mehr Gemeinschaftsbesitz sein, sondern privat. Die Vorarbeiter in der Milchfabrik, die dem Kibbuz Wohlstand beschert - in ganz Israel wird mit Früchten angereicherte Yotvata-Milch getrunken -, sollen mehr verdienen als die anderen. Die Leistungen der Gesundheitsvorsorge werden nicht mehr ausschließlich von der Kommune bezahlt, und selbst beim Essen soll gespart werden - wer mehr verzehrt als andere, soll dafür etwas zahlen.

Kibbuz-Puristen bekämpfen das Staffelungssystem erbittert, für viele von ihnen bricht eine bis dahin heile Welt zusammen. Der Materialismus ist schuld daran. "Wenn alle wenig haben, dann funktioniert das Prinzip der Gleichheit", resümiert Dani Wahle. "Wo es individuellen Besitz gibt, treten sofort Unterschiede zutage, und damit umzugehen müssen wir noch lernen." Die Generalversammlung von Yotvata, die einmal im Monat alle Belange des Kibbuz in öffentlicher Sitzung erörtert, hat beschlossen, den Weg zum Tourismus einzuschlagen. Golfplatz und Hotel sind in Planung, eine Shuttleverbindung zum Roten Meer wird eingerichtet, die Zusammenarbeit mit einer Marketingagentur aufgenommen. Der Standort gilt touristisch als besonders zukunftsträchtig, seitdem die Negev-Wüste mit ihren bizarren Gesteinsformationen und einer Tausende Jahre alten Geschichte - Mose und sein Volk zogen hier durch, Abraham ließ in Yotvata einen Brunnen graben - immer mehr Besucher anzieht.

Doch unter den Kibbuzniks ist die Angst vor der eigenen Courage groß. "Es ist eine Frage der Gewöhnung", glaubt Dani Wahle. "Viele unserer Leute sind es einfach nicht gewöhnt, mit Ausländern Umgang zu haben. Sie fragen uns, ob sie dann weiter ihre Häuser offen und ihre Fahrräder davor stehen lassen können. Unsere Jugend aber ist gespannt auf die neue Zeit." Die Kibbuzbewegung versucht, sich neu zu definieren, die Entwicklung ist unumkehrbar. Aus rauen Kibbuzniks werden freundliche Dienstleister. Für Touristen ist die Quartiernahme hier besonders interessant. Sie können das Leben in der Kommune studieren, mit Kibbuzniks sprechen - Englisch problemlos, hin und wieder auch Deutsch -, der menschliche Gewinn dieser Begegnungen ist beachtlich. TIPPS FÜR ISRAEL

Anreise: El Al und Lufthansa fliegen täglich von Frankfurt am Main und München Tel Aviv an, die Flugzeit beträgt viereinhalb Stunden. Die günstigsten Preise für das Hin- und Rückflug-Ticket beginnen bei 800 Mark.

Unterkunft in Kibbuzim: Wer individuell reisen möchte, kann buchen bei Kibbuz Hotels Chain Reservation, Smolanskin 1, Tel Aviv 61031, P. O.Box 3193; Telefonnummer: 009 72 / 3 / 524 61 61, die Faxnummer lautet: 009 72 / 3 / 527 80 88. Zwei deutsche Spezialisten für Kibbuz-Urlaub sind Diesenhaus, Schäfergasse 7, 60313 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 297 29 00, per Fax unter: 069 / 29 72 90 30, und Superstar, Schersheimer Landstraße 162, 60322 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 297 28 50, Faxnummer: 069 / 29 72 85 55.

Neu im Angebot: Beim Familienprogramm "KK" - Kibbuz-for-Kids-Rate ist ein Kind bis zu zwölf Jahren auf Bed & Breakfast-Basis kostenlos im Zimmer der Eltern untergebracht, weiteren Kindern, auch älteren, werden bis zu 30 Prozent Rabatt gewährt. An alle wendet sich das "Kibbuz Fly & Drive"-Programm. Eine Woche von Kibbuz zu Kibbuz kostet pro Person - mit Flug, Mietwagen und Halbpension - ab 1514 Mark. Ein Preisknüller, wie es ihn noch nie gab. Zudem kann das Reiseprogramm ganz individuell nach dem Baukastenprinzip zusammengestellt werden.

Für junge Leute ab 18 bis 30 Jahre gibt es auch die Möglichkeit, als Volontäre für mehrere Wochen bis zu maximal sechs Monaten in einem Kibbuz zu leben. Es wird an sechs Tagen der Woche gearbeitet, bei voller Verpflegung und einem kleinen Taschengeld.

Weitere Informationen: Isram Reisen Germany, Savignystraße 49, 60325 Frankfurt am Main; Telefon: 069 / 74 01 51, Fax: 069 / 74 58 60.

Reisezeit: Israel kann das ganze Jahr über bereist werden, die Kibbuzhotels sind durchgängig geöffnet. Die angenehmsten Reisezeiten für Mitteleuropäer sind der Frühling und der Herbst. Im Sommer kann es sehr heiß, im Januar und Februar kalt werden.

Literatur: Kompakt, aktualisiert und auch mit Auskünften zu Kibbuzim ist der Marco-Polo-Führer Israel, mit großem Kartenteil, Ostfildern 1999, 12,80 Mark, seinen Preis wert. Ein Standardwerk, auch mit einem Kapitel über die Kibbuz-Bewegung, ist der von Erhard Gorys geschriebene DuMont KunstReiseführer Heiliges Land, Köln 1996, 44 Mark.

Weitere Auskünfte: Staatliches Israelisches Verkehrsbüro, Bettinastraße 62, 60325 Frankfurt am Main; Telefon: 01 80 / 540 41, Fax: 069 / 75 61 92 22.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

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