Zeitung Heute : Wo ist Bush?

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Dialektik des Bush-Besuchs: Der US-Präsident zog sich in die Berliner Wagenburg zurück, da zog es die Fernsehleute zu den Demonstranten in die Bush-freien Räume. Dort hatten die Medien Bewegungsfreiheit, das gab der Randale mehr Raum und Beachtung , als sie verdient hatte. Das Fernsehen braucht Bilder, Bilder und nochmals Bilder. Die restriktive Medien-Sicherheits-Politik bei der Bush-Visite beschnitt die Fernsehteams wie die übrigen Berichterstatter. Bilder aus großer Ferne, nur Hochoffizielles: Treffen mit Bundespräsident Rau, Pressekonferenz mit Kanzler Schröder, Bush-Rede im Reichstag. Da war die startende Air Force One in Tegel fast schon eine Sensation an Dynamik und Bewegung.

Wenn die Bush-Gegner diesen Plan hatten, dann ist er aufgegangen: Bush hinter den Schutzwall ins Regierungsviertel hinein und die Medienvertreter hinaus zu drängen. Das bedeutete, den öffentlichen Raum zu dominieren. Kaum ein anderes Motiv wird so oft über die Schirme gelaufen sein wie die Kämpfe zwischen gewalttätigen Demonstranten und der Polizei. Beispiel Sat 1, „Die Nacht“: 80 Prozent Gewaltbilder, 20 Prozent Bush-Begrüßung.

Es war nicht viel zu sehen vom wichtigsten Mann der Welt. Das Fernsehen griff zu bewährten Ersatzlösungen. Wer als deutscher Politiker in Bushs Nähe geriet, durfte seine Eindrücke schildern. Dazu die Legion der Auguren in den Studios, im Reichstag, die insbesondere bei den Nachrichtensendern ihren großen Tag hatten: Was hatte wer wie gemeint in Sachen deutsch-amerikanischem Verhältnis und Terrorbekämpfung?

Tapfer gab sich Phoenix, das seine Zuschauer in der Illusion schaukelte, es hätte am Donnerstag von neun Uhr morgens an stundenlang Interessantes zu bieten. Detailversessenes Ereignis-TV – warum hält der Soldat in der Ehrenformation sein Gewehr so und dann wieder anders? – wechselte sich ab mit Dokumentationen. Als die Phoenix-Kamera in ihrer Bildernot minutenlang auf das leere Eingangstor im Schloss Bellevue hielt, fühlte man sich an den Satz von Sportreporter Bruno Morawetz erinnert: „Wo ist Behle?“ Irgendwann kamen dann Bush und Rau heraus. CNN blieb cool: Auftritte des US-Präsidenten wurden live gecovert, an- und abmoderiert. Ansonsten Welt-Nachrichten, Welt-Fernsehen. Der Präsidenten-Besuch kam an fünfter Stelle. jbh/meh

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